Tod als Ausgangspunkt für Glück, geht das? Daniel Benyamin beweist auf seinem neuen Album: Ja, das geht!

Manche kennen ihn vielleicht noch als Teil des Indie-Duos Sea + Air, das Daniel Benyamin Mitte der 2000er Jahre mit seiner damaligen Ehefrau Eleni ins Leben rief. Das Duo veröffentlichte zwei vielversprechende Alben und tourte mehrere Jahre unentwegt durch Europa. Somit waren sie im Kontext der Indie-Szene so was wie der gespenstisch zappelnde Fuß eines eigentlich schon toten Organismus. Doch was die meisten nicht wissen: Bereits davor war Benyamin musikalisch äußerst umtriebig, veröffentlichte unter Anderem zwei Soloalben und war als Multiinstrumentalist Musiker in etlichen Projekten wie Jumbo Jet oder der in San Francisco ansässigen Band Toiling Midget’s.

Nun hat das Leben für viele in den vergangenen Jahren so manch unerwartete Kapriole geschlagen, so auch für Benyamin: Aus dem Liebesende folgte auch eine notwendig gewordene musikalische Neuorientierung. Der Pandemiebeginn vor zwei Jahren durchkreuzte vorerst alle Pläne für neue musikalische Kollektive, sodass er an den Beginn seiner musikalischen Karriere anknüpfte und im Frühjahr 2020 das Album Solitary im Alleingang einspielte.

Mit Eral Fun steht nun nicht einmal zwei Jahre danach der Nachfolger in den Startlöchern: Und so, wie man es von nahezu allen bisherigen musikalischen Ergüssen Benyamins kennt, ist auch das neue Album eine – im besten Sinne – geradezu groteske Mixtur aus poppiger Catchyness einer- und komplexem und vielschichtigem Songwriting andererseits. Wie er das eine so ungezwungen mit dem anderen verbindet? Man kann sich die Antwort auf diese Frage selbst nicht so richtig erschließen.

Wer zur Veranschaulichung dieser Beobachtung nun eines Beispiels bedarf, der sei etwa direkt auf den Opener Digital Lovers verwiesen, für das bereits vorab ein sehr sehenswertes Musikvideo veröffentlicht wurde. Könnte das Intro samt des vertrackten Schlagzeugs aus der progressiven Frühphase von Genesis stammen, entpuppt sich der Song spätestens im Refrain als melodiöser New Wave-Hit. Der Song unterstreicht Benyamins begnadetes Gespür für eingängiges und zugleich innovates Songwriting, das schon bei Sea + Air hervorstach.

Klangtechnisch orientiert sich Daniel Benyamin auf dem neuen Album so stark wie wohl nie zuvor an der Soundästhetik der frühen 1980er Jahre. Während Sea + Air mit ihren opulenten Melodiebögen und der eher spärlichen Instrumentierung am ehesten an den Folk Pop der 1960er Jahre erinnerten, dominieren auf Eral Fun überwiegend sphärische Synthesizer, verhallte Drums und Effekt-grundierte Gitarren. Neben dem bereits erwähnten Digital Lovers stechen dabei vor allem noch das eingängige I Gotta Know, Lights Go Out Tonight und Why Do You Look So Sad When You Smile hervor. Über allem thront dabei der unverwechselbare Falsett-Gesang Benyamins.

In der vorab veröffentlichten Album-Info heißt es, dass Eral Fun sich um verschiedene Formen des Todes dreht: „Eine Mutter, die geht. Das Ende einer Beziehung. Lachen am Abgrund. Jemandem den Tod wünschen. Trauer. Ein Kriminalfall in der Familie. Orte die zusammenstürzen.“ Benyamin wird daraufhin mit der Frage zitiert, ob es verwunderlich sei, dass das neue Album angesichts dieses skizzierten Themenspektrums das fröhlichste Werk wurde, das er in seiner Karriere geschaffen hat.

Verwunderlich ist es möglicherweise auf den ersten Blick. Doch offenbart es zugleich die eigentlich so banale Einsicht, dass ohne Ende kein Anfang denkbar wäre. Und wann hat einem bitte das letzte ein vor Liebesschmerz nur so triefender Song wie I Gotta Know zugleich ein so strahlendes Lächeln ins Gesicht gezaubert?

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