Tom Gatza schafft mit seinen Kompositionen einen abgedunkelten Klangraum für verdrängte Gedanken und Erinnerungen.

Vö: 15.05.2020 Listenrecords LP kaufen

Das Los des Solo-Künstlers: Stürmt er völlig euphorisiert in den Proberaum, in der Annahme, von der eindringlichsten aller Melodien geträumt zu haben, muss er sich gegen keinerlei kritisches Stirnrunzeln behaupten. Hat der Künstler nun aber die Idee, diese Melodie mit einem Chor indischer Laufenten zu untermalen – nun, auch dann bleibt das kritische Stirnrunzeln fatalerweise aus. Doch aus diesem Dilemma gibt es einen Ausweg: Repetitive (Selbst)Reflexion. Nach diesem alles entscheidenden Präfix, dem stetigen, kritischen Dialog mit sich selbst, ist Re, Tom Gatzas zweites Album getauft. 

Die Singles des jungen Hamburger Pianisten und Produzenten ziehen ihre Umlaufbahnen in Ambient Playlisten zwischen Nils Frahm und Martin Kohlstedt. Dort befinden sie sich mit ihrer progressiven, dynamischen Interpretation klassischer Klaviermusik in bester Gesellschaft, bergen jedoch auch genügend Eigenleben, um aus diesen Bahnen auszubrechen.

Tom Gatza nutzt seine Intuition als Theaterkomponist, um zu erspüren, wann ein Stück für sich ausklingen muss – und wann es ein Gegenüber braucht.

So folgt auf die nostalgisch klare Klavierstudie Echelle, die er für ein Stück am Hamburger Thalia Theater schrieb, die Single Wait, der treibenden Motor des Albums, das sich im Wechselspiel mit Schlagzeuger Max Schneider, Streichern und Synthesizern zu einem bebendem Post-Rock Crescendo aufbäumt. 

Für Gänsehaut im Nacken sorgt der Gesang der Berliner Künstlerin Yule Post in dem Stück Wolf, das aus der Sicht eines gealterten Raubtiers die Egozentrik unserer Konsumgesellschaft umzirkelt. Und spätestens durch die subtilen Dissonanzen und Vibraphoneinsatz zum schrulligen Walzertakt in Kaarna dürften auch Anhänger von Finster-Jazz-Bands wie Bohren & der Club of Gore anerkennend die Stirn runzeln.

Tom Gatza schafft mit seinen Kompositionen einen abgedunkelten Klangraum für verdrängte Gedanken und Erinnerungen. Re ist mehr als die intime Dokumentation einer Selbstreflexion. Es ist auch der Anstoß zu einer. 

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