So langsam wird es etwas unheimlich. Mono verkraften nicht nur den Ausstieg ihres langjährigen Schlagzeugers Yasunori Takada, finden mit Dahm Majuri Cipolla nicht nur adäquaten Ersatz, sondern legen nun im knappen Zweijahresrhythmus ihr Pandemiealbum nach.

Nowhere Now Here untermauerte Ende 2018 im Handumdrehen den Wiedererkennungswert ihrer kompositorischen Fähigkeiten, bot neue Einflüsse ohne sich vom ureigenen Sound zu weit abzuwenden und erfrischte, gepaart mit einer großen Brise Selbstbewusstsein das eigene Sternbild.

Seit der Bandgründung 2001 ist viel Wasser den Sumida in Richtung Tokioter Bucht geflossen und allein die Ankündigung des neuen Albums Pilgrimage Of The Soul im Sommer, lies nicht nur meine Ohren spitzen und mehrere Fragen schossen mir gleichzeitig durch den Kopf.

Wie wird es klingen, das Mono-Album Nummer 2 nach dem allerersten Dreh des Bandkarussells? Schafft es die Band eine erneute Steigerung im Vergleich zum Vorläufer hinzulegen? Singt Bassistin Tamaki Kunishi wieder auf einem Track, werden es sogar mehrere, oder geht das Album komplett instrumental über die Bühne.

Kristallisierte sich der Vorab-Track Riptide schon mit einsetzen des Schlagzeugspiels für die Kategorie härtester Song der Diskografie heraus um ungekannte Druckwellen freizusetzen, bringt der Kranich genug Nuancen und Überraschungen während seines Fluges durch die Welt mit sich. Gleichermaßen fallen die abgespeckten Songlängen ins Auge und es scheint, das jeder einzelne Track im Albumkontext dadurch zielgenau auf den Punkt kommt. Laut-Leise-Spiel zeichnet die Musiker:innen eben besonders aus, so das ohne den Fluss zu verlieren ein einlullenden Intro der Schlag des schnittigsten Samuraischwertes folgt. Die Eruption ebbt ab, versetzt die Schlagzeug-Beats und wippt dich durch die stürmische See bevor der Vulkan erneut ausbrechen darf.

Imperfect Things greift die elektronischen Elemente des ersten und bis dato einzigen, mit Gesang bestückten Liedes auf. Die anklingenden Gitarrenriffs schwimmen im wohligen Synthesizer-Klang, wie deine Lieblingsschokolade in der morgendlichen Hafermilch. Nach dem Break formt der Song eine schon fast tanzbar anmutende Rhythmik und rollt smart der japanischen Abendsonne entgegen.

Bassistin Tamaki greift nie gehört, derart druckvoll tief in die Saiten ohne zu viel Schubkraft zu initiieren. Ein kleiner, aber feiner Aha-Effekt wandert somit in ihr weit gefächertes Repertoire und klingt wie ein Augenzwinkern in Richtung Shellac-Bassist Steve Albini. Anschließend fungiert Heaven In A Wild Flower wie ein einleitendes Zwischenspiel, das ohne den Großteil der sonst vorhandenen Instrumente auf das minimale reduziert wird. Ausgehend vom höchsten Aussichtspunkt des Fuji, dem höchsten Berg Japans, gewährt uns To See A World einen euphorischen Blick über die Präfekturen der Insel und fällt in seiner Länge mit genau vier Minuten doch etwas kurz aus. Gerne würde ich länger Verweilen und die Aussicht genießen, auf alles was noch kommen mag. Aber lieber ein gut getimter kurzer Track, als zehn Minuten Langeweile.

Dagegen kommt Innocence schon fast in klassischer Mono-Manier um die Gebirgsspitze. Beginnend vom ersten Ton an, befinden sich die Hörer:innen voll in dem komponierten Grundthema des Liedes, in dem sich Schlagzeug und die Gitarristen Takaakira Gota und Yoda sozusagen die Hauptarbeit teilen, sich die Bälle immer wieder zu spielen und mit sich türmenden Riffs den Gipfel stürmen. Riffs aufzutürmen, die sich gegenseitig in Höhe hangeln gehörte schon immer zu den Grundstärken der Band, woraus immer wieder andere Emotionen resultieren.

Einer der oben gestellten Fragen lässt sich nach zwei Drittel des Albums schon beantworten, den es wird keinen Vocal-Track geben. Die Beantwortung der nächsten Frage fällt während The Auguries seine Runden dreht, wie ein Apfel nicht weit vom Stamm.

Mono toppen den Vorgänger anscheinend ohne Probleme. Siebeneinhalb Minuten lang spielen alle Musiker:innen als gäbe es kein Morgen, nachdem anfangs ein um das nächste Instrument seine Noten addiert, ist die Summe des ganzen eine Vertonung der Monotonie die dem Vulkanausbruch gleicht. Jeder scheint Melodien und Tonfolgen gewählt zu haben, vermitteln den Anschein alles und jeden zu überholen, oder gegen ihn spielen zu wollen. Der Kranich fliegt hier genau in die entgegengesetzte Richtung, da jeder einzelne Takt, jede weitere Schicht einem präzisen Uhrwerk gleich, dem dreidimensionale Ebenen inne wohnen die epochal miteinander harmonieren, ohne auseinanderzufallen. Schlicht und einfach ausgedrückt, gehört The Auguries zu den besten drei Mono-Songs die bisher das Licht der Hochebene erblicken durften.

Das ganze tut der Schönheit keinen Abbruch, denn Hold Infinity In The Palm Of Your Hand spielt gleichzeitig mit den gegensätzlichsten Dingen der Welt, zumindest erinnern die entstandenen Abfolgen an Gefühle der Endlichkeit und Geburt gleichermaßen. Ein Glockenspiel, das mit verfremdeten Klängen die entfernt an ein atmendes Kleinkind erinnern kombiniert wird, bringt das Wechselspiel von Lautstärke und Ausharren auf seinen wohlverdienten Höhepunkt und sprengt zum ersten Mal die 10 Minuten Marke. Leise und bedächtig säuseln die Gitarren, der Synthesizer schubbert flächig im Hintergrund bis das Schlagzeug dezent und doch die Dynamik steigernd an Bord kommt. Ein Lied das ohne Gesang auskommt, singt aus dem Buch der Welt. Über den Anfang vom Ende, dem Ende vom Anfang der Existenz und umgekehrt, von Freude und Trauer.

Streicher verdeutlichen den Ansatz von klassischen Elementen, der ebenso Bestandteil im musikalischen Denken, immer wieder andere Herangehensweisen erfährt. In quasi drei Etappen unterteilt, vereinen Mono perfekt bekannte Elemente auf frische Art und ihre Weise. Piano-Klänge entlassen uns nach diesen emotional aufgeladenen und manchmal fordernden Songstrukturen entspannend in die kühle Nacht des Tsukimi, um den japanischen Herbstmond gebührend zu feiern.

Mono verkörpern weiterhin die Speerspitze der sogenannten Post-Rock-Bewegung. In den nicht gerade leichten Zeiten der Pandemie verbinden sie ihre eigene Tradition mit Moderne, gehen Back To The Roots und kombinieren spielend die Produktionsklänge früherer Werke mit dem Druck der Neuzeit. Mono bleiben Mono, probieren neue Wege aus ohne die alten zu verlassen.

Pilgrimage Of The Soul beschert uns gleich mehrere ihre dynamischsten und forderndsten Lieder die so eingängig daherkommen wie noch nie.

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