„Zwei Möhren, das geht nicht – Die gibt es nur im Bund oder als Kilo“ – mit diesen Zeilen waren Heisskalt vor gut zwei Wochen aus der Versenkung aufgetaucht, hatten sich bissig mit ihrer „Bürgerliche(n) Herkunft“ auseinandergesetzt.

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Vö: 23.05.2018

Alle Zeichen waren auf Prostest und lyrisches Schienbeintreten gestellt, als Heisskalt-Fan rieb man sich verwundert die Ohren, fragte sich, wo wohl denn das poetische Introversions-Wunderland von Sänger Mathias geblieben sei.

Und jetzt, ganz ohne Plattenfirma und großes Promogedöns haben Heisskalt aus dem Nichts heute Nacht ihr neues Album „Idylle“ veröffentlicht. „Vom Wissen und Wollen“, der epische Vorgänger ist gerade mal zwei Jahre alt, hatte noch vieles vom alles zerstörenden Debüt „Vom Stehen und Fallen“ weitergedacht und weiter getragen – bis hin zum Artwork.

Für beide Albumcover war Bassist Lucas Meyer verantwortlich, von dem sich aber quasi zur Veröffentlichung von „Vom Wissen und Wollen“ getrennt wurde. Mit Ersatzbassist und jeder Menge Wut im Bauch wurde getourt und getourt, im Unterwegs sein musste diese Zäsur verarbeitet werden, Platz und Zeit für neue Songs gab es kaum . Und so wurde es ab Sommer 2017 zusehends ruhiger um die Stuttgarter.

Nun also „Idylle“.

Vieles steht auf neu, auf anders, auf Umbruch. Wo beim Artwork vorher geordnete Düsternis herrschte, ist es nun pinkes Tropfenchaos, wo die Songs auf „Vom Wissen und Wollen“ oft noch sehr episch, sehr tragend waren, ist „Idylle“ voller Wut, voller Rotzigkeit, man möchte fast eine jugendliche Anti-Alles-Attidüde erkennen. Und die funktioniert.

Eine kurze Übersicht.

„Wiederhaben“ führt einen noch kurz auf die falsche Indie-Ideal-soundalike-Fährte, steigert sich dann aber zum Ende hin ganz fantastisch in die geliebten Schreimusik-Gefilde. Inhaltlich wird dem Social-Media-Oversharing-Wahnsinn und dem Rumgetrolle vieler ein wütendes „Wiederhaben“ entgegen geätzt.

„Tapas und Merlot“ findet man auf bestimmt drei Tocotronic-Platten in ähnlicher Form wieder, hier wird mal kurz nicht auf 180 nach vorne geballert und trotzdem schön an den Gitarren gekratzt. Auch Titeltrack „Idylle“ tritt auf die Bremse und krautrockt sich durch die Kleinstadtherkunft der drei Stuttgarter.

Mehr Hüftschwung bietet „Fest“. Lyrisch augenzwinkernd geht es nicht etwa darum, etwas zu feiern, sondern um die Angst, keinen Halt zu bekommen, nicht „Fest“ gehalten zu werden, und das mit einem lieblich verstörenden, so sehr eiernden Gitarrenriff, dass man fast seekrank wird, bis der Song dann – endlich – in absolutes Ausrasten ausbricht. Jedem, der morgens schwer wach wird, abends frustriert von der Arbeit in der U-bahn von allen Seiten vollgeschwitzt wird oder sonst wie Wut im Bauch hat, die vielleicht einen kurz Anlauf braucht, bis man sie rauskotzt sei eine tägliche Dosis von fünf Mal „Fest“ empfohlen. Oder fragen sie ihren Arzt oder Apotheker.

„Du denkst ich lächle dich an doch mich blendet die Sonne“. Fantastischer Songtitel, episches Hybrid aus Ballade und Hardcore-Opus mit Brit-Pop-Elementen. Muss man aber hören, kann man eigentlich nicht beschreiben.

„Tassenrand“ feuert ein ganz bezauberndes Stück Arsch-wackel-Indie-Musik aus der Hüfte. Bei aller Wut, aller Gehässigkeit über die mangelnde Fähigkeit über eben diesen zu schauen, vergessen Heisskalt nicht, dass man ja zwischen durch auch mal Tanzen kann um all die ängstlichen Kleinstadtmenschen, sie nicht nur anschreit und aufpeitscht.

„Mach dir keine Sorgen“ schwebt bei „Wie Sterne“ zwischen den Strophen herum, nach allem Protest, allem Anklagen von Kleinstadtmentatlität wird hier abgeschlossen, noch einmal gefeuert, die geliebten Heisskalt-Schwebe-Gitarre ausgepackt und dann endet alles mit lautem Knall. Im „Herbstlied“. Das lässt sich zeit. Zwei liebliche Gitarren klimpern, nicht viel mehr passiert, der Gesang kommt und kommt nicht. Muss er auch nicht, man sitzt förmlich neben Sänger Mathias Bloech und Gitarrist Phil Koch, hört ihrem Zusammenspiel, ihrem Wiegen in der Melodie zu, Drummer Marius Bornmann gönnt sich nach über 30 Minuten Prügeln am Ende eine Pause. Man möchte den Phrasendrescher rausholen, Heisskalt versöhnliche Töne und Mitsichimreinensein zuschreiben, aber nö: Die nahende Winterdepression wird besungen.

„Idylle“ ist Aus- und Aufbruch im Heisskalt-Universum. Der Blick nach Außen, die Auseinandersetzung mit eigener Herkunft und Erleben der Realität sind die roten Fäden, weniger Introversion, als man es von den ersten zwei Alben kannte. Auch musikalisch wird viel ausprobiert, viele Steine umgedreht. Und das ist am Ende auch der einzige Kritikpunkt eines ansonsten fantastischen Albums: es wirkt stellenweise etwas fahrig und inkonsequent, die neuen Ideen nicht zu Ende gedacht. Aber auch das passt zur neuen Anti-Haltung der Heisskalten.

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