Punk? Noise? Post-Punk? All das. Und mehr!

Vö: 01.06.2018This Charming ManiTunesLP kaufen

Was ist da in Mannheim los? Ein paar junge Menschen zerren mit voller Absicht an deinen Nerven. Allerdings nervt „L’amour“ zu keiner Zeit, also nicht im eigentlichen Sinne. Eher zieht es nach und nach an allen verfügbaren Nervensträngen des Hörers und stellt den Soundtrack für eine paranoide Nachtfahrt. Sicherlich, über die finale Genreeinordnung lässt sich vor Schubladenfreunden ganz vortrefflich streiten; ein abschließendes Siegel würde ich persönlich gar nicht vergeben. Es gibt ein sattes Fundament aus Bass und Schlagzeug, die zwar keine filigranen Quantensprünge vollziehen, aber während der kompletten Spielzeit souverän und deutlich im Raum stehen. Was letztlich zur Füllung dieses Raums fehlt, kommt von den mal moderat, mal bis zur Unkenntlichkeit verzerrten Gitarre und der anklagenden Stimme des Sängers.

Unwirtliche Feedback-Landschaften und garstige Dissonanzen versuchen die eigentlich griffigen Melodien zu verdecken, was glücklicherweise nicht immer gelingt. Das im Wesentlichen nur aus zwei Akkorden bestehende „Schlangenmuster“ ist hierfür das beste Beispiel. Über einem recht catchigen Riff liegt die fast schon gelangweilte Stimme des Sängers. Die Musik verstrickt sich in einem immer dichter werdenden Klanggewirr und der Rhythmus gerät kontrolliert aus dem Takt. Kleine Highlights, wie ein fast permanentes Kratzen in der rechten Lautsprecherbox bei „Verbraucht und Kaputt“ unterstreichen die überwiegend finsteren Post-Punk Tiraden. Bei letzterem regiert gegen Ende ein schleppender Noise-Irrsinn, fiebrig und drohend. Ich fühle mich nicht selten an Nirvanas „In Utero“ erinnert, im positiven Sinne, versteht sich.

Sehr geil ist der „Sittenstrolch“, den man sich aufgrund der kratzig-schizophrenen Atmosphäre des Songs regelrecht bildlich vorstellen kann. Nach dessen miesem Gestalke beginnt im wahrsten Sinne des Wortes „Der Zerfall“. Hier skandiert unser angepisstes Goldkehlchen nicht nur, sondern erhebt seine durchaus kräftige Stimme, natürlich alles vor einer noisigen Post-Punk Wand. Nach dem 80er Punk-Knaller „Desorientiert“ mit seinen geilen Polterdrums, schließt das ultraschräge, etwas bluesige (und natürlich treffend bezeichnete) „Lobotomie“ die Kiste ab. Puh, kein Spaß, aber überaus hörenswert!
Wie man dem Pressetext entnehmen kann, wurde die Hälfte des Albums in kürzester Zeit komponiert und eingespielt, das hört man. So viel Energie und sprühende Innovation lässt sich kaum planen.

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