Understatement ist ja ganz nett aber angesichts der bockstarken Vorabauskopplungen ist der Titel Everything Else Has Gone Wrong für das neue Albums von Bombay Bicycle Club die pure Untertreibung. Hier passt fast alles und so kann das Indie-Jahr 2020 locker in Schwung kommen.

Vö: 17.01.2020 Caroline LP kaufen

Viele Jahre war die Band eins der britischen Aushängeschilder des gepflegten Indie-Pop, bis man sich Anfang 2016 überraschend in eine Schaffenspause verabschiedete. Fünf Jahre, ein halbes Jahrzehnt, so lange ist es her, dass Bombay Bicycle Club zuletzt ein Konzert spielten. Als das Indie-Quartett seine letzte Platte So Long, See You Tomorrow veröffentlichte, war Barack Obama noch US-Präsident.

Das sich Jack Steadman und seine Mannen eine wohlverdiente Auszeit genommen und nur auf der faulen Haut gelegen haben, dürfte aber ein Gerücht sein. Bassist Ed Nash, Bruder von Kate Nash, präsentierte sein Soloprojekt Toothless, dem sich Drummer Suren de Saram anschloss, Jack Steadman ging mit seinem alten Ego Mr. Jukes an die Öffentlichkeit und Gitarrist Jamie MacColl schrieb sich wieder an der Uni ein. Und nebenbei bastelten die vier an neuen Songs.

Die jahrelang angestaute Kreativität entlud sich im August 2019 in der Vorabauskoppelung Eat, Sleep, Wake (Nothing but you), in dessen Video Sänger Jack Steadman erstmals mit rasiertem Kopf auftritt, einem Love-Song über das Träumen und vor allem über das Faulsein. Der Song ist eine brachiale Gitarren-Hymne, die leider zu wenig Airplay bekommen hat. Im November folgte dann der Titeltrack des Albums als zweite Auskoppelung, um die Vorfreude auf das Album nochmal anzuheizen.

Das nun erschienene Album stürmte mit Veröffentlichung direkt auf Platz 4 der UK-Charts und zeigte deutlich, wie ausgehungert die Fans nach der fast 5 Jahre dauernden musikalischen Pause waren. Aber die gute Nachricht am besten gleich vorweg. Das Warten hat sich gelohnt.

Was die vier des Radfahrerclubs aus Bombay anzubieten haben, ist zwangsläufig der nächste Schritt in der musikalischen Entwicklung und hat neben neuen Tönen und Ideen auch eine ganze Menge des bereits bekannten und bewährten Soundmixes zu bieten. Elektrischen Gitarren dominieren und versetzen eifrige Hörer gnadenlos fünf Jahre zurück auch wenn die Intensität eine neues level erreicht hat. Wie bisher erzeugen die Song-Lyrics auf dem neuen Album süße emotionale Bilder. Fast jedem Song der Platte lässt sich etwas Positives abgewinnen.

Dass Everything Else Has Gone Wrong ein nachdenkliches und ausgereiftes Produkt der Londoner ist, lässt sich schon an den ersten Tönen erahnen. Der Opener Get Up spielt mit einem kaum greifbaren Sample, nur übertönt von der seichten Stimme Steadmans. Typisch für die Band sind aber weiterhin die elektronischen Sounds und naiv-fröhliche Samples, die bei fast jedem Song sofort ins Ohr gehen. Trotzdem wagen sich die Londoner auch mal an orientalische Klänge, wilde Samples, Bläser und untypische Songstrukturen.

Neu am prägnanten Sound der Band sind die omnipräsenten Bassläufen. Ed Nash hat auf dem Album einen eindeutigen Fingerabdruck hinterlassen. Seine wenigen Töne in I Can Hardly Speak, einem Song, der weitestgehend aus unkontrolliert wirkenden Sounds und knatternden Drums besteht, erzeugen genau die passende Melancholie, die erforderlich ist, damit der weinerliche Gesang Steadman‘s authentisch wirkt.

Handwerklich und produktionstechnisch haben die Londoner mit diesem Album eine neue Qualitäts-Stufe erreicht und werden sich hieran bei zukünftigen Alben messen lassen müssen.

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