alt-J sind auf ihrem zweiten Album um einiges ruhiger geworden, Euphorie und Lebensgefühl müssen einem gemächlicheren Ansatz weichen. „This Is All Yours“ hört sich stellenweise wie ein Singer-Songwriter Album an, bei dem der Songwriter fehlt. Möglicherweise hängt auch das mit dem Verlust eines Bandmitgliedes zusammen. Aber vor allem fehlen mir die neuen Ideen, die Innovation und der Mut des Erstwerks. All das musste, so scheint es, eher ausgetretenen Pfaden weichen. Es ist nicht mehr Pop mit einer äußerst spannenden Schlagweite, sondern Pop mit einer ideenlosen Schlagseite, und den gibt es schon zu oft.

Bands, die es schaffen, mit ihrem Debütalbum eine vollständig-stagnierende Szene, in diesem Fall die des Indie Rocks, aufzurütteln und noch dazu ganz einfach mal den Soundtrack für zwei Sommer mehrerer Menschenleben zu schreiben, haben es mit ihrem Zweitwerk bekanntlich nicht gerade leicht. Quasi im Vorbeischlendern konnten alt-J auch noch den begehrten „British Mercury Prize“ für besagtes Erstwerk „An Awesome Wave“ abstauben. Awesome war daran tatsächlich fast alles, beispielsweise die beispiellose Innovation. Recherchierend habe ich vor Kurzem in einer Rezension gelesen, „Fitzpleasure“ sei die Schwachstelle von „An Awesome Wave“. Ich hoffe, der Autor schämt sich mittlerweile. Selten wurde in einem Song Eingängigkeit, Tanzbarkeit und ein absolut lebendiges Gefühl so glaubwürdig vermittelt. Überdies wurde auch noch dem legendären literarischen Klassiker „Last Exit To Brooklyn“ von Hubert Selby Jr. und seiner masochistischen Protagonistin Tra-la-la Tribut gezollt. Oh ja, ich könnte Lobeshymnen über das Debüt von alt-J anstimmen, die bis zum Release des dritten Albums noch nicht ausgeklungen wären. Aber hier soll es ja um das Zweitwerk gehen und dieses heißt „This Is All Yours“.

Um das Werk mit dem altruistischen Titel wurde im Vorhinein ordentlicher Online-Trubel gemacht. „Buzz“ nennt man das heutzutage. Unter anderem wurden Videos zu den drei Vorab-Singles „Hunger Of The Pine“, „Left Hand Free“ und „Every Other Freckle“ veröffentlicht. Ich hätte diese Songs nur zu gern euphorisch abgefeiert, aber am besten gefiel mir daran paradoxerweise immer das Video. Und ich bin bekennender Musikvideofeind.

Wie schon beim Vorgänger heißt das Intro ganz einfach „Intro“. Für jemanden, dessen Wecker seit ca. 2 Jahren das „Intro“ vom Vorgänger ist, ist bereits dessen Erklingen ein besonderer Moment. Und siehe da, der Opener weiß zu gefallen. Die Stimmen der Bandmitglieder fallen stakkatoartig über einen herein, ehe sich flächendeckende Synthesizer hinzugesellen und eine melancholische Aufbruchsstimunng beschwören. Ob es für die nächste Weckmusik reicht, wird sich weisen, aber der Anfang ist gelungen. Es folgt „Arrival In Nara“. Und was passiert? Diese schöne Stimmung weicht Langeweile. alt-J bleiben auf einigen wenigen Akkorden hängen und der Aha-Moment will sich einfach nicht einstellen. Monotomie als Stilmittel ist leider auch auszuschließen. Mit „Nara“ folgt der zweite von drei Tracks,, die sich mit der gleichnamigen japanischen Großstadt auf der Hauptinsel Honshū beschäftigen. Diese Nummer nimmt ein bisschen an Fahrt auf, aber mehr als ein leicht-interessiertes Hochziehen der Augenbraue ist auch hier nicht drinnen. Als man gerade zu zweifeln beginnt, was zur Hölle hier eigentlich passiert, folgt zum Glück „Every Other Freckle“. Nach anfänglichem Zögern wissen die Sommersprossen zu gefallen. Endlich kommt diese positive Stimmung auf, die Alt-j bisher ausmachte, und nie in lächerliche Fröhlichkeit und Ja-Sagerei ausartete. Die Melodien sind eingängig, man will sich einfach bewegen und die pulsierende Energie in sich aufnehmen. Ohrwurmpotenzial! Dieses hat auch „Left Hand Free“. Aber leider eine andere Art von Ohrwurmpotenzial. Es ist einer dieser Ohrwürmer, den man nicht haben will. Ganz so, wie wenn einem mal wieder eine Britney Spears Nummer aus dem Radio im Ohr hängen bleibt und man sich den ganzen Tag darüber ärgern muss. „Left Hand Free“ ist eine aufgesetzt wirkende Indie-Blues-Nummer, die wohl das ach-so-lässige Gefühl hervorrufen sollte, mit nur der rechten Hand am Steuer durch die Wüste zu fahren. Ätzend. Wäre bloß die Geschichte, die kurz nach dem Singlerelease von „Left Hand Free“ kursierte, wahr. Da hieß es, alt-J hätten um ihre Plattenfirma „Infectious“ zu befriedigen, einen Song aus dem Ärmel geschüttelt, der das Potenzial haben sollte, von amerikanischen Radiostationen viel Airplay zu bekommen. Das trifft es ziemlich auf den Punkt, war aber leider nur ein Gerücht. Die Vorliebe der Briten, Symbole statt Buchstaben zu verwenden, zeigt sich ein weiteres Mal in dem Interlude „❦ (Garden of England)“, das sich vordergründig so anhört, als hätten alt-j ihre Blockflöten von der Grundschule ausgepackt und an einem Tag, an dem sie zu viel Sonne erwischt haben, alte Fingeraufwärmübungen zelebriert. Der absolute Tiefpunkt folgt mit „Choice Kingdom“. Entweder ich habe die Fähigkeit verloren, Schönheit in Musik wahrzunehmen oder aber es ist ein Song, der mich dazu brachte, das Synonym-Wörterbuch zu bemühen, um ein adäquateres Wort als langweilig zu finden: geistlos. Ganz genau, wo ist eigentlich der Spirit in diesem Album? Ob es für den Spirit gut ist, Miley Cirus in einem seiner Songs zu samplen, sollte jedenfalls auch Gegenstand von Diskussionen sein. Marketing-technisch ist es aber jedenfalls ein geschickter Schachzug. Angeblich ist Hannah Montana, ähm, Miley Cirus sogar Fan der Band! Wow! Den Sprachfetzen „I’m a female rebel“ der den Song „Hunger Of The Pine“ schmückt, kann jedenfalls hoffentlich kein zweimal denkender Mensch von einer zur sehr fragwürdigen Vorzeigefrau hochstilisierten Kaugummipop-Ikone ernst nehmen. Wie sehr sich Frauen mit ernsthaften emanzipatorischen Ansprüchen über so etwas ärgern müssen, kann ich nur versuchen, mir vorzustellen. „Hunger Of The Pine“ selbst kann den Abwärtstrend des Albums zumindest ein bisschen stoppen, aber auch nicht auf ganzer Linie überzeugen. Man kokettiert ein bisschen mit R’n’B hier und ein wenig mit Elektro dort, findet aber kein Punkt an dem man sich so wirklich wohl fühlt. „Warm Foothills“ versucht es wieder mal damit ruhige Stimmung aufzubauen. Aber spätestens wenn Joe Newman zu pfeifen beginnt, ist der Versuch gescheitert. Ich will mich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, aber ich glaube, „The Gospel Of John Hurt“ ist ein weiteres Highlight, zumindest im Rahmen der Maßstäbe dieses Albums. Endlich wieder einmal ein spannender Songaufbau und man ist versucht den Replay-Button zu drücken. Der Chorus drückt einem schwermütig den Kopf zur Seite, Erinnerungen an „An Awesome Wave“ werden wach. Aber leider viel zu selten. Bei „Pusher“ werden doch wirklich auch noch die akustischen Gitarren ausgepackt und das pusht mich gar nicht. Selbst bei „Matilda“ vom Erstlingswerk durfte im Hintergrund mal dezent der Bass wummern, aber hier passiert tatsächlich fast gar nichts mehr, außer dass man sich in gefährlich kitschigen Gewässen bewegt. „Bloodflood pt. II“ soll wohl dort anknüpfen, wo „Bloodflood“ 2012 aufgehört hat. Aber genau das schafft irgendwie das ganze Album nicht. Es werden hier ein paar Melodien recyclet und das ist ja eine nettes Denkmal, aber sollte man die normalerweise nicht von anderen Bands gesetzt bekommen, statt von sich selbst? „Leaving Nara“ beendet das Album und ich freue mich darüber. Leider. Den ominösen Hidden Track habe ich mir bisher noch nicht angehört, weil ich zu diesem Zeitpunkt jedes Mal bereits mit den Nerven fertig war. Mein Gefühl sagt mir, ich verpasse nichts Großartiges.

Anfang 2014 verließ Gwil Sainsbury, Bassist und Gitarrist, einvernehmlich die Band. Was das für Auswirkungen auf alt-J hatte kann nur Gegenstand von Spekulationen sein. Auffällig ist jedoch, dass mein geliebter Bass-Synthesizer beinahe nicht mehr mitmischen darf. Dieser fette Sound, der einem bei den alten Liedern regelmäßige die Schuhe ausgezogen hat, nur um sich gezwungen zu fühlen, sie durch Tanzschuhe zu ersetzen, fehlt an allen Ecken und Enden.

alt-J sind auf ihrem zweiten Album um einiges ruhiger geworden, Euphorie und Lebensgefühl müssen einem gemächlicheren Ansatz weichen. „This Is All Yours“ hört sich stellenweise wie ein Singer-Songwriter Album an, bei dem der Songwriter fehlt. Möglicherweise hängt auch das mit dem Verlust eines Bandmitgliedes zusammen. Aber vor allem fehlen mir die neuen Ideen, die Innovation und der Mut des Erstwerks. All das musste, so scheint es, eher ausgetretenen Pfaden weichen. Es ist nicht mehr Pop mit einer äußerst spannenden Schlagweite, sondern Pop mit einer ideenlosen Schlagseite, und den gibt es schon zu oft.

Ich gebe zu meine Erwartungshaltung war ziemlich groß, aber brachte mir „An Awesome Wave“ noch reihenweise Freudentränen in die Augen, sind es hier eher die Tränen der anderen Sorte.
Es ist ein bereuter Blindkauf. alt-J, vielversprechende musikalische Hoffnungsträger der 2010er Jahre, enttäuschen relativ maßlos. Ich bin gespannt auf das nächste Album. Third record – make it or break it. Es tut mir leid, aber das wird jedenfalls kein Blindkauf mehr.

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