KRITIK: Swutscher – Swutscher

KRITIK: Swutscher – Swutscher

Swutscher: Eine Band, fünf Männer, drei Gitarren. Klingt antiquiert? Ist es irgendwie auch.

In doppelter Weise klingt die Musik auf dem neuen, schlicht Swutscher betitelten Album wie aus der Zeit gefallen: Zum einen erinnert sie unweigerlich an jene ferne Epoche, in der Gitarren im Bereich der populären Musik noch das Maß aller Dinge waren und eine Band nicht bloß eines unter vielen sogenannten „Projekten“, sondern zumeist eine eingeschworene Gang darstellte. Zum anderen, und das verweist auf das aktuelle Zeitgeschehen, wirken Songs über den Liebesschmerz und die Melancholie großstädtischer Bohemians angesichts omnipräsenter Nachrichten über Bomben und Terror aktuell beinahe anachronistisch.

Daher kann man es durchaus so sagen: Die Musik von Swutscher stellt eine Form von Weltflucht dar. Aber wenn schon – ist das wirklich so verwerflich? Wenn die Knoten im Kopf zu einer Schlinge um den Hals zu werden drohen, können hedonistische Songs über Tabak oder den Genuss des Palm Royale-Bieres tatsächlich die wortwörtliche Luft zum Atmen sein, der der Menschen – wenigstens zwischendurch einmal – bedarf. „Im Tunnel haben wir Weitsicht“, heißt es passend dazu im Song Tohuwabohu.

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Diese Form der Selbstlimitierung erweist sich auch auf Swutscher als überaus produktiv. Schon der Opener Daheim verweist inhaltlich darauf, wenn er die Flucht aufs Land als Form der Befreiung von der Komplexität des Großstadtlebens und dem dort uneingelösten Versprechen des Glanz und Glamour preist. So wird Die Stube schließlich zum „schönsten Platz im All“. Dass sie das am Ende natürlich nie sein wird, ist da fast schon irrelevant. Was zählt, ist der Sehnsuchtsort als Fantasie.

Swutscher erinnern mit ihrer gleichermaßen vom Protopunk und Schlager inspirierten Musik und ihren Texten über das einfache Leben in einer komplizierten Welt nicht selten an eine Band wie Superpunk, die Anfang der 2000er Jahre ähnlich wie Swutscher heute eine Art musikalisches Anwaltskollektiv der Sorgen und Sehnsüchte einfacher Menschen waren.

„Meine Stimme lässt dich tanzen/ Also singe ich für dich/ Meine Stimme lässt dich lieben/ Also rede ich für dich“, singt Sänger Sascha Utech im Song Als ich dich das erste Mal vergaß.

Und so verwundert es auch nicht, dass Utech vor einiger Zeit im Reflektor-Podcast mit Jan Müller seine Bewunderung für die norddeutsche Schlager-Ikone Ronny kundtat. Wenn es heute überhaupt noch so etwas wie ein legitimes Erbe von Schlager-Größen wie Ronny oder Hildegard Knef gibt, dann ist es ganz sicher nicht in der neuen ZDF-Schlagershow mit Giovanni Zarrella zu finden, sondern eher in der Musik von Bands wie Die Heiterkeit, Isolation Berlin oder – ja genau – Swutscher.

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Von Veröffentlicht am: 05.03.2022Zuletzt bearbeitet: 05.03.2022441 WörterLesedauer 2,2 MinAnsichten: 703Kategorien: Alben, Kritiken0 Kommentare on KRITIK: Swutscher – Swutscher
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Über den Autor: Luca Glenzer

Musiker und Soziologe.

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