Die Zeichen stehen auf Gewalt und das zu hundert Prozent.

Durchaus kann es als Mammutprojekt angesehen werden, die Veröffentlichung eines allerersten Albums in Zeiten der Ungewissheit, das weltweite Steuern an den Rand des Abgrunds und vorherrschender Orientierungslosigkeit mit einem mehr als künstlerischem Anspruch ausgestattetem Fotoband einzuleiten. Den perfekten Rahmen, die Spannung in die Höhe katapultierend, las Patrick Wagner aus diesem gleichnamigen Buch, Paradies, vor. In 10 Episoden aufgeteilt fanden in unterschiedlichen Berliner Kulissen Online-Lesungen statt, die zurecht mit dem Grimmepreis ausgezeichnet wurden.

Hinter den Titeln stehen unzählige Fragen wie „Können wir Elend tanzen?“, die schon mit dem ersten Song Gier, kurz und knapp mitJabeantwortet werden könnten.

Treibende Maschinenbeats von DM 1, klirrende Gitarrenriffs von Helen Henfling schieben und stampfen den Song auf die Tanzfläche von der es kein Entrinnen zu scheinen gibt. In seinem eigenem unnachahmlichen Gesangsstil intoniert Patrick seine Lyrics, die anhand der Songtitel eine klare Richtung vorgeben. Hierbei kommen mir die noch aktiven belgischen Front 242, oder auch die Düsseldorfer DAF mit ihrem Der Mussolini in den Hinterkopf. Elektrische Sequenzen setzen an den richtigen Stellen genug Kanten in den treibenden Dark-Floor-Track und versprühen einen Hauch von angenehmer Kälte. Einflüsse der Electronic Body Music höre ich neben der Herangehensweise an Punk-Noise-Rock, wie sie damals Big Black zelebrierten, ebenso heraus.

Die mächtigen Swans aus New York oder auch die punkiger klingenden frühen Releases der holländischen Formation The Ex könnten grobe Referenzpunkte setzen.

Stoisch und monoton klopft Es funktioniert an die Decke. Bassistin Jasmin Rilke bringt ihre Bass-Saiten ordentlich zum brummen, alles verfällt in eine knapp zweihundertvierzig Sekunden lange Schleife. Gemäßigtes Tempo. Alles auf Anschlag. Monotonie – und es funktioniert.

Industrialisierter und krachig folgen wir in die Unterwerfung, fragen „Was ist das“ und bekommen die Antwort: „Nichts“ prompt durch eine Frauenstimme serviert. Wie auch im anschließenden Track Stirb es gleich, verbreitet Unterwerfung Klangexperimente die sich gut auf die mittleren Werke von Einstürzende Neubauten zurückführen lassen. Scheint ja nicht der schlechteste Vergleich zu sein, geben Gewalt Blixa Bargeld & Co doch als Einfluss zu Papier.

Jahrhundertfick dreht sich, wie in der Vergangenheit nicht nur ein Song zeigte, um das Thema Sex und zeigt erneut in erhöhter Geschwindigkeit mit dem Daumen nach oben in Richtung Tanzfläche.

Gewalt scheinen auch diese eher lässige Facette perfekt umsetzen zu können, warten Zeilen wie „Alle meine Zellen wollen Dich“, mit einem Vibe auf, wie man ihn von Sleaford Mods kennt.

Das darf dann schon als Kompliment verstanden werden, wählte Jason Williamson von Sleaford Mods die Berliner zu seiner aktuellen Lieblingsband.

Mit einer Spielzeit von über zehn Minuten klingelt der gleichnamige Album-Track addiert um ordentlich Hall auf der Stimme in den Ohren, will seine Hörer:innen in Sicherheit, mit Ekstase tanzend im Paradies wissen. Patrick lässt in den letzten Zeilen seiner Stimme freien Lauf, steuert mehrmals in kontrollierte Schreie um wieder in seinen Verzicht unter exaltierendem Gesang zurück zu finden.

Gitarrenteppiche, die den Schmerz aushalten, stechen wie aus dem Nichts zu und verleihen Manchmal wage ich mich unter Leute einen ganzen Container voll Metall, aus dem extrem hitlastig die (Gewalt)bereiten Frauen singen: „Wir sind zerbrechlich“. Angenehm und unangenehm im Bariton schlägt er anklagend in Richtung Die Goldenen Zitronen, zieht dabei sein Gewicht aber eher aus dem Industrial.

Die Wand fährt dann Breitwandgitarren auf, umspült die Bassgitarre, darf schreddern und quietschen, während unterkühlte Worte eine Wand entstehen lassen, die unvermittelt durch ein abruptes Ende wieder eingerissen wird. Diese Linie wird in Stumpfer werden beibehalten und der Titel ist Programm.

Im Gegensatz zum restlichen Album ist der vorletzte Track eher einfach gehalten, aber ja es darf auch mal etwas stumpfer sein.

Fast schon Trip-Hop-technisch anmutende Beats, die von DM1 natürlich mit der passenden Verzerrung und Temperatur ausgespuckt werden, setzt 3 Uhr 35 einen schon fast zurückhaltenden Schlusspunkt, über dem ein vereinsamtes Storytelling thront.

Die drei gewaltigen Musiker:innen haben genau das geschafft, was sie wollten.

Aus jeder Note schält sich die Unentrinnbarkeit unserer Existenz, ebenso wie die Verdichtung der Unmöglichkeit, die nach eigener Aussage das Fundament von Paradies bilden.

Zwischen den Polen, unkontrolliert, ausufernd, unterkühlt, anklagend und fordernd haben die drei ein perfektes, neue Ufer betretendes Werk geschaffen, das sich keineswegs hinter ihren Einflüssen verstecken muss.

Paradies Pt. 2, also LP 2, enthält dann eine chronologische Zusammenstellung der teilweise ausverkauften Singles aus den ersten fünf Jahren Gewalt.

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