Mittlerweile geht die Reise durch die Songs Of Townes Van Zandt in die dritte Runde, die schöner nicht hätte werden können.

Anscheinend plante die Bostoner Band Cave In, 2018, nach einer langen Veröffentlichungspause sich an das Schreiben neuer Songs zu wagen, aber Stephen Brodsky, John-Robert Conners und Adam McGrath würden bei der nächsten Bandprobe vergeblich auf ihren vierten Mann im Bunde warten.

Gitarrist und zweiter Sänger Caleb Scofield kollidierte am Abend des 28.03.2018 nach einem riskanten Fahrspurwechsel, auf der Autobahn in New Hampshire unterwegs, mit der Anlage einer Mautstation. Caleb verstarb noch am Unfallort und wurde mit nur 38 Jahren, fort von seiner Familie und Freunden, aus seinem viel zu jungem Leben gerissen. Knapp vier Wochen später, am 21.04.2018, spielten Stephen und Adam auf dem Roadburn Festival ein exklusives, intimes, viel umjubeltes Akustik-Set, das in Gedenken an ihren Freund und Bandkollegen diverse Cave In Songs und einige Coverversionen beinhaltete. Die Gage dieses einmaligen Live-Erlebnisses, ebenso wie die Einnahmen aus den spontan organisierten Spendenaktionen wurden Calebs Frau und seinen beiden Kindern gestiftet, um die Kosten für seine Beerdigung zu bestreiten. Nicht nur Caleb war großer Fan des Schaffens von Townes Van Zandt gewesen und somit pickten die beiden Musiker für den Abschluss ihrer Performance, den wohl intensivsten aus einer Vielzahl an Lieblings Tracks heraus.

Nothin‘, der 1971 auf Townes viertem Album veröffentlicht wurde, unterstrich abschließend die Tragik in all ihrer Persönlichkeit, welch traurigen Umstände diesen Roadburn-Auftritt begleiteten.

Ansgar Glade, dem der Musiker jahrelang unbekannt geblieben war, lernte durch Scott Kelly und Steve Van Till, beide Musiker der Band Neurosis, die Genialität und Magie der Van Zandt-Veröffentlichungen kennen und lieben. Zu Lebzeiten spielte Townes ungewollt oft die Rolle eines Außenseiters in der großen weiten Welt des Folk und galt irgendwie, bis zu seinem Tod 1997, immer als eine Art Geheimtipp schlechthin. Auch wenn er auf späteren Werken immer wieder den traditionellen Folk-Country der Anfangstage durch Blues und andere Einflüsse, wegweisend aufbrach und erweiterte, blieb trotz aller Kreativität und seines großartigen Storytellings, ein ihm gebührende Ruhm leider aus.

Die Geburtsstunde seines Labels My Proud Mountain, wie der in Hamburg ansässige Ansgard erklärte, liegt genau dort begründet und setzt es sich zum Ziel, durch neue Interpretationen diverser Künstler:innen auf das die Lieder von Van Zandt aufmerksam zu machen und wenn auch verspätet, diesem Ausnahmekünstler Tribut zu zollen.

Angesprochene Neurosis-Mitglieder spielten jeweils drei Songs aus Townes Backkatalog ein und Wino von Saint Vitus komplettierte seinerseits mit 3 Favoriten die erste Runde im Jahr 2012. Erneut teilte sich My Proud Mountain den Release mit Neurot Recordings und bereits ein Jahr später stand der Teil 2 in den Plattenregalen. Herr Glade gibt sich völlig überwältigt das nun, rund zehn Jahre darauf diese Herzensangelegenheit ein weiteres Mal fortgesetzt wird.

Beinhaltete der erste Teil nur Solo-Performance, gab es in der zweiten Runde Duette zwischen John Baizley und Katie Jones, Dorthia Cottrell mit Nate Hall zu hören und die Einzelinterpretationen waren deutlich in der Unterzahl.

Ein flüchtiger Blick vom Berg herab auf das Cover von Songs Of Townes Van Zandt Vol. III verrät, dass trotz der gesteckten Annäherung seine Lieder zu interpretieren, anhand aller Beteiligten auch neue Komponenten in den Entstehungsprozess einflossen. Schon mit dem zu Papier bringen ihrer frühen musikalischen Noten faszinierten seine Lieder eine noch junge Marissa Nadler, die regelrecht in den Bann dieser Van Zandtschen Mystik gezogen wurde, aus der es kein Entrinnen gab.

Marissa fühlte sich schlichtweg überwältigt von den damit geknüpften, intensiven Gefühlen der Sehnsucht und die beschwörende Rohheit seiner Klänge würde sie seitdem Jahr für Jahr begleiten.

Spezielle Griffe des Zweifingerpicking zieren die Akustikgitarre der 41 jährigen Kanadierin, veröffentlichte 9 Alben im Laufe ihrer Karriere und mit Quicksilver Daydreams Of Maria eröffnet sie den Reigen. Mit dem ersten Saiten-Zupfer lässt sie uns die verinnerlichte Intensität fast greifbar spüren, wird selbst zu einer mystischen Figur die wie hypnotisiert zwischen Realität und Fiktion hin und her pendelt. Seine Worte gleiten ihr über die Zunge, als hätte der Meister des Geschichtenerzählens höchstpersönlich Frau Nadler unterrichtet. Nicht selten integrierte Nadler in der Vergangenheit verschiedene Songs des am 01.01.1997 in Smyma, Tennessee verstorbenen Musikers in ihre Live-Sets, aber die Auswahl viel anscheinend absichtlich auf andere Tracks.

Amenra knöpfen sich danach dezent und dicht am Original orientiert seinen Black Crow Blues vor, der in seiner Reduktion mit dunkler Melancholie getränkt, jeden harten Mann zu Tränen rühren möchte wie es ihr Vorbild schon möglich machte. Keine Spur von grollenden Gitarrenwänden, unauffindbar scheinen die heiseren Growls von Sänger Colin irgendwo auf dem Ärmelkanal von Bord gegangen zu sein und dort wo sonst nach vorbeiziehen der Apokalypse nicht mehr viel zurückgeblieben war, treten nun aufgeklärte Ruhe, die die nicht immer verständlichen, nachdenklichen Texte Van Zandts ins Hier und Jetzt transportieren.

Für die Fluff Fest, Hellfest und Stoned From The Underground erfahrenen Post-Metaller aus Gent, stellt eine weniger elektrisch verstärkte Instrumentierung längst keine Bedrohung mehr dar, waren die Musiker um Kopf Colin H. van Eckhout auch schon auf Akustik-Tour und spendeten Trost auf ihre eigene Art und Weise.

Innerhalb der eigenen Kunst leiden sie vielleicht auch in irgendeiner Form, denn Townes Texte vom Leben und Leiden trafen den Nerv der harschen, belgischen Musiker, die nicht unbedingt mit klassischem Folk und Country aufwuchsen.

Stephen Brodsky leitet mit den Worten „Caleb liebte Townes Van Zandt, er kannte einige seiner Songs und wir spielen einen den wir alle lieben“ ein. Nothin‘ von einer gewissen Leere begleitet, lässt die traurige behafteten Worte über seine Lippen und ihre Gitarrensaiten huschen. Kaum vorstellbar wie sehr die beiden sich innerlich aufgewühlt und zerrissen genau in diesem Moment gefühlt haben.

Take care into the Hall and if you see my friends
Tell them i’m fine
Not using nothin’

Das direkt anschließende Kathleen, von Townes 1969 geschrieben beschreibt ohne Umschweife den musikalischen Grundtenor des Mannes, der mit sich allein gelassen, seinem eigenen Ich gegenüberstehend, jeher von einem schwarzen Loch umgeben wurde, schwebt durch die belgische Church Of Ra und will nichts außer das Blut in deinen Adern unter dem Gefrierpunkt zu wissen, um die Schönheit dieser in Noten umgewandelten Dunkelheit eins mit dir wird und dir das Gefühl vermittelt, ihre neuartige Transformation würde dich schon deine halbes Leben begleiten.

Cave In beenden die A-Seite der mir vorliegenden blutroten Vinyl-Version mit The Hole das anscheinend nur als Akustikversion existiert, wenige Jahre vor seinem Tod geschrieben und wenn man den offiziellen Quellen Glauben schenkt, posthum nur auf dem Live-Album Acoustic Blue 2003 erschien. Die vier Musiker treten aus einem völlig gegensätzlichen Blickwinkel an ihre Aufgabe heran, ja schon fast überschäumend mit offenkundig breiter Instrumentierung und Laut-und-Leise Spielen ein aufzuckendes Gitarrensolo schreiende Akzente setzen zu lassen.

Wie das Wechselbad der Musiker:innen immer wieder ankündigte, fliegen die Ras in Flyin’ Shoes auf Wolken von Keyboards losgetreten, weich und einschmeichelnd wie ein Hauch von Zuckerwatte über Forth Worth, den Geburtsort des 1944 geborenen Songwriters. Ambient- und Drone-Sounds statt Blues und Folk bestimmen den weiten Himmel und falls der Texaner, der wegen manischen Depressionen 1964 einer dreimonatigen Krampf- und Schocktherapie unterzogen wurde die große Teile seiner Kindheit für immer auslöschte, in luftiger Höhe lauschend diese Szenerie beobachtend, würde es ihm bestimmt große Freude bereiten wie er in Erinnerung gehalten wird.

Townes erzählte seine Version der traurigen Cinderella für The Late Great Townes Van Zandt neu, da die Überproduktion seines Erstlings For The Sake Of The Song seinen Geschmack nicht nur haarscharf verfehlte und Frau Nadler rückt im Gegenzug die Geschichte von Sad Cinderella, nicht zu opulent ausgestattet, mit beiden Beinen in Richtung Hope Sandovals und nimmt direkt neben Mazzy Star Platz. Ihre durch Shoegaze infiltrierte Folk- Argumentation gehört einfach gesagt in die erste Reihe. Und überhaupt, würde es nicht im Booklet vermerkt sein wäre es gut möglich, dass wir hier ein verschollenes Outtake abspielen, an dem der Glanz von großen Songwriter:innen Epochen kleben geblieben ist.

Cave In jagen jeglichen siebziger Jahre Folk mit genügend Hall durch ihre Amps und stattdessen verwandeln die Bostoner mit einer Legion aus Akustikgitarren, Nebengeräuschen, schon fast Swans mäßig das At My Window in eine mit Drone-Elementen verschlossene Post-Folk Hülle. Stephen lässt seinen Gesang in Tonlagen aufsteigen, die so ja nicht unbedingt beim Betrachten des alltäglichen Cave In Kosmos offenbart wird, aber da die Band alles andere als alltäglich zu Werke geht und wiederholt eine neue Definition einbringt.

Die Originalversion von None But The Rain fand einen schlichten und unkomplizierten Aufbau, in lyrischer wie musikalischer Hinsicht und komplettiert nun Songs Of Townes Van Zandt Volume 3 und von Marissa gesungen, entführt sie uns in und durch den Regen, jederzeit bereit unser Herz zu brechen. Nur er selbst könnte uns bestätigen ob sich folgende Geschichte wirklich zugetragen hat.

Townes soll sich auf die Suche nach einer bestimmten Frau begeben haben, von der er erst nach Abbruch jeglichen Kontaktes fasziniert war und eine ganz besondere Person in ihrem Wesen realisierte.

None but the rain should cling to my bosom
None but the moon should hear my lonesome sigh
None but the wind should warn of your returning
Fare thee tee, my love, good-bye

Lauschen wir aufmerksam diesem letzten Vers, der behutsam von Frau Nadler zu uns durchdringt, scheint klar zu sein, er hat sie nie wiedergesehen.

Schwierig die besten Songs hervorzuheben, da alle Musiker:innen auf einem gleichbleibend hohem Niveau sich die Klinke in die Hand geben und das schier unmögliche schaffen dieser Tribut-Reihe weitere Klassiker hinzuzufügen. Warum nicht einfach für die Zukunft ein Tour-Package passend zur Reihe auf die Beine stellen. Eine Möglichkeit den Künstler:innen und Townes Van Zandt-Fans geben, diese schönen Songs auf den Bühnen der Welt zu erleben, kann nicht verkehrt sein.

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