Drei Tage nach dem Konzert der großartigen God Is An Astronaut führten die Wege der zwei PiN-Reporter in die Untiefen des Post-Rock-Undergrounds. Die Band mit dem originellen Namen ◯ (oder ausgesprochen: „Kreis“) befindet sich im Moment auf der von uns präsentierten Europatour und bringt ihre Ambient- und Post-Rock-Klanggemälde unter die Leute. Was liegt, trotz aller Hitze näher, als den Herren mal einen Besuch abzustatten?

Der Unterschied zum Konzert von God Is An Astronaut fällt sofort auf: Wo sich in der Zeche Carl gewundert wurde, dass nur knapp 300 Besucher anwesend sind, wird heute vor weit weniger als 100 Besuchern gespielt – um es mit den Worten eines im Moment kontrovers diskutierten deutschen Rappers (man könnte hier auch “Vollidiot“ einfügen) zu sagen: „Wir gingen von der Skyline zum Bordstein zurück“. Dieser Rückschritt wird aber einzig auf die Publikumsgröße vollzogen – geringere Zuschauerzahl heißt keineswegs: geringere Qualität. Vielleicht sogar ganz im Gegenteil.

Das erste der beiden von uns besuchten Konzerte fand in Münster statt. Als Support für ◯ waren diesmal Holy und Jag Hatar mit von der Partie. Der Konzertbeginn zögerte sich etwas hinaus, aber darüber kann man bei DIY-Konzerten mal gerne hinwegsehen. Durch das wunderbare Wetter und den schöne See neben der Location ließ sich die Wartezeit gut entspannt in der Natur sitzend oder liegend überbrücken.

Um 21:10 Uhr beginnen Jag Hatar ihr Set. Die Band kommt aus Holland und passt stilistisch gut zu ◯. Es wird Post-Rock mit vielen ruhigen Ambientparts geboten. Immer wieder werden dabei aber auch härtere Parts eingefügt, bei denen es sich einer die Gitarristen auch nicht nehmen lässt, das ein oder andere Mal ins Mikro zu schreien. Leider ähneln sich die ruhigen Parts sehr, sodass sich nach einer gewissen Zeit etwas Langeweile breit macht. In der Band steckt allerdings durchaus das Potential ihren Sound auf eine ähnliche Klangebene wie ◯ zu hieven. Es ist keineswegs ausgeschlossen, dass man in Zukunft noch viel von den Niederländern hören wird.

Direkt im Anschluss spielen Holy aus Italien. Durch zwei „aufgebaute“ „Bühnen“, wobei eine davon bloß aus einer zusätzlich in einer Ecke des Zuschauerraumes aufgebauten Backline besteht, wird weiteres Warten vermieden, Jag Hatar und Holy vollziehen einen fast fließenden Übergang. Holy spielen Hardcore mit deutlich erkennbaren Sludge-Einflüssen: Schnelle Hardcore-Parts wechseln sich dabei ab mit langsamen Momenten. Die tief gestimmten Gitarren sorgen für eine leicht düstere Stimmung und der Druck, der hinter den langsam hämmernden Sludge-Parts steckt, erfasst die Besucher bis in die letzte Reihe. In den Pausen des kurzen, aber intensiven Sets, weist der Sänger auf die diversen Flyer über Tierschutz hin, die Holy an ihrem Merchstand ausgelegt haben. Es wird deutlich, dass es den Jungs um mehr geht, als nur Merch verkaufen.

Nach knapp 20 Minuten ist der Auftritt allerdings zu Ende und die Besucher und das Warten auf ◯ beginnt. Bei tropischen Temperaturen und Luftfeuchtigkeitsverhältnissen pilgern die Zuschauer erneut vor die Tür – die Umbaupause gestaltet sich allerdings als erstaunlich kurz. ◯ können wie gewohnt die Menge mit den Songs ihres Albums verzaubern. Anders als bei Jag Hatar kommt bei den ruhigen Abschnitten keine Langweile auf und die Ausbrüche gestalten sich als noch ein wenig heftiger als bei ihren holländischen Kollegen. Leider sind die Temperaturen im Konzertsaal mangels Klimaanlage oder Ventilatoren inzwischen auf gefühlte 80°C gestiegen, sodass der Gig leider unter einem etwas schlechten Stern steht. ◯ spielen allerdings ein routiniertes Set und außerdem bleibt so auch Luft nach oben (zumindest metaphorisch, real ist sie im Zuschauerraum aufgebraucht) für den Gig am folgenden Tag.

Die Veranstaltung am nächsten Tag findet in Köln statt. Statt Holy spielen dieses Mal Red Apollo, die wie ◯ ihren musikalischen Output ebenfalls auf Alerta Antifascista releasen. Mit diesen beginnt auch der Abend. Der Sound ist dieses Mal deutlich besser als beim letzten von uns besuchten Konzert des Quartetts im März in Duisburg. Der düstere, schleppende, aber stellenweise auch heftige, fast schon melodische Hardcore der Dortmunder ist noch voller Energie – und das, obwohl es noch wärmer ist als gestern in Münster, und obwohl es sich hier um den letzten Tourtermin von Red Apollo handelt. Der Sänger, welcher gleichzeitig auch den Bass spielt, schreit sich dabei förmlich die Seele aus dem Leib und wird zwischendurch tatkräftig von einem seiner Bandkollegen unterstützt. Die Wucht des Sets wird dabei angereichert durch verschiedene Songs aus der Diskografie der Dortmunder. Natürlich fanden sich auch Stücke der neu erschienenen und sehr zu empfehlenden Split mit Sundowning auf der Setlist. Insgesamt spielten Red Apollo ein zwar ein wenig kurzes Set, das es aber durchaus in sich hatte. Erneut eine Band, von der man sicher noch viel hören wird (und will). Und erneut pilgert das Volk auf die Straßen, der Hitze des Konzertraumes zu entfliehen.

Im Anschluss an Red Apollo stehen dann schon ◯ auf der Bühne. Trotz weniger Besuchern als am Tag davor gefällt das Set heute besser. Der Klang ist noch etwas differenzierter und die Ausbrüchen noch etwas gewaltiger als in Münster. Dabei bieten ◯ den Zuschauern eine großartige Songauswahl, dessen bombastischer Sound der Instrumentalisierung in nichts nachsteht: Vor allem die beim letzten Song genutzte Kesselpauke und das aus ihr hervorgeprügelte, grandiose Finale hinterlässt dabei einen bleibenden Eindruck in den Gehörgängen der Besucher. Zu den für ◯ typischen, verschwurbelten Vocalparts gesellt sich heute auch noch eine (wahrscheinlich eher bei Mittelaltermetal, oh graus, zu findende) Drehleier, die im Soundkomplex aber ein wenig untergeht – oder zumindest nicht negativ auffällt.

Das Set endet allerdings schon nach 35 Minuten und somit bleibt doch das erwähnte Konzert im März das bisher Beste von ◯, welches von uns beehrt werden konnte. Der auf ◯ folgende weitere Auftritt Jag Hatars fiel, wie so oft, der Nutzung der öffentlichen Verkehrsmittel zum Opfer, um noch zurück in die Heimat zu kommen.

Für die Zukunft kann man nur hoffen, dass ◯ auch weiterhin touren und mehr Leute auf ihren Sound aufmerksam werden. Vielleicht auch bald in Solingen im Waldmeister? Zu Wünschen wäre es.

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