Seit drei Jahren macht das Quartett Disgusting News zusammen Musik.

Kennengelernt haben sich Disgusting News im AJZ Bielefeld, dort proben sie auch. Inzwischen stehen ein Demo und die Fressfeind EP in der Diskographie zu Buche. Im Frühjahr wird der erste Longplayer Family Traumata veröffentlicht, ein Album, das einen Schwerpunkt hat, aber kein Konzeptalbum ist. Anlässlich dieses Releases haben wir mit Disgusting News über das kommende Album gesprochen, was eigentlich schon für 2020 geplant war. Aufgrund des ersten Lockdowns im März des vergangenen Jahres erschien es der Band sinnlos, den Aufnahmeprozess etc. zu starten. Stattdessen setzten sie sich mit älteren Songs auseinander, um diesen den letzten Feinschliff zu geben, schrieben neue Lieder und bastelten in bester DIY-Manier an dem Plattencover herum, welches bereits den ersten Hinweis auf den Schwerpunkt des Albums gibt.

Es ist nicht unüblich, dass in Musik eigene Erfahrungen, Werte und Gefühle textlich verarbeitet werden. Dabei spielen Schmerz und Glück einen entscheidenden Faktor, Emotionen haben vermeintlich den größten Einfluss auf jegliche Künstler:innen, wenn es darum geht, einen authentischen Song zu schreiben. Doch Gefühle sind nicht einfach nur da, sie müssen auch verarbeitet und reflektiert werden, um einen gesunden Umgang damit finden zu können. Bei Disgusting News haben drei der vier Bandmitglieder bislang eine Therapie gemacht. Sie haben sich intensiv mit der eigenen Persönlichkeit und der eigenen Geschichte auseinandergesetzt. Sängerin Vanessa ist durch ihre Therapie und dem Lesen von Literatur zur Traumaforschung auf die Theorie gestoßen, dass Traumata vererbt werden können.

Die Eltern unser Generation sind meistens Nachkriegskinder, die unglaublich viel ertragen mussten. Außerdem ist es kein Geheimnis mehr, dass grade die eigene Familie der größte Auslöser für später auftretende Psychische Erkrankungen ist.

Über Gespräche mit Freund:innen stellte sich mehr und mehr heraus, dass jede:r irgendwie durch Vorkommnisse innerhalb der eigenen Familie gezeichnet ist. Hinzu kommt, dass in der Gesellschaft die Familie immer noch als etwas Heiliges gesehen wird. Die Familie als Institution, die unterstützt und stabilisiert. Über Probleme innerhalb oder mit der Familie wird nicht gerne gesprochen und soll auch nicht gesprochen werden. Disgusting News wollen diese Realität enttabuisieren und haben über Social Media gebeten, dass Menschen ihre Geschichten mit der Band teilen. Durch die Vielzahl der Einsendungen ist ein offener Austausch entstanden. Die Geschichten wurden (zumindest teilweise und auszugsweise) über das Instagram Profil von Disgusting News geteilt.

Uns wurde besonders deutlich, dass Traumata extrem verschieden sind und es keine schlimmen oder weniger schlimme Traumata gibt. Außerdem wurde uns bewusst, dass Traumata immer noch unter den Teppich gekehrt werden. Besonders wenn es mit der Familie zusammenhängt. Die Betroffenen werden oft als schwach bezeichnet oder es wird ihnen gesagt: „stell dich nicht so an“. Unsere Gesellschaft hat ein heftiges Problem damit, psychische Belastungen aufzuarbeiten. Es zog sich durch, dass Eltern ihre Fehler nicht eingestehen können, sich nicht bei ihren Kindern entschuldigen, das Gespräch generell vermeiden und wenn die Kinder sich als Erwachsene endlich dazu entscheiden sich zu wehren, sie erneut runter gemacht werden oder als Lügner beschimpft werden.

Neben dem Schwerpunkt Mental Health sind auf Family Traumata auch Themen zu finden, die auch auf den beiden Vorgänger Releases schon ihren Platz hatten. Antifaschismus, Feminismus, Bodyshaming gehören dazu. Musikalisch haben sich Disgusting News nicht sonderlich verändert, was sehr zu begrüßen ist, da der treibende Hardcore-Punk Sound einfach unfassbar viel Spaß machen kann und genau jenes tut er in diesem Fall. Der größte Unterschied zu der Fressfeind EP und der Demo liegt vor allem in der Aufnahmequalität. Das rohe, dreckige musste ein bisschen weichen. Family Traumata klingt wesentlich cleaner und professioneller, aber nicht weniger wütend. Gesungen wird noch immer auf Englisch und Deutsch. Wieso auch etwas verändern, was sich bislang bewährt hat.

Die Songs sind einfach so entstanden. Das sie eventuell nicht ganz so “hart” klingen ist keine bewusste Entscheidung gewesen. Ich denke, dass wir alle mit der Zeit etwas dazu gelernt haben und sich das in den Songs bemerkbar macht. Im Studio hatten wir einfach mehr Zeit und konnten ein wenig mehr rumprobieren. Wir wollten einfach eine gute Platte machen und das ist uns, denke ich, auch gelungen.

Außer dem Release ist derzeit nichts weiter geplant. Die Platte kann bei dem bandeigenen Label Schädelbruch Platten vorbestellt werden, dort findet ihr auch die bereits mehrfach erwähnte Fressfeind EP. Konzerte wird es in nächster Zeit ja leider nicht geben und trotzdem ist es wichtig, dass auch kleinere DIY-Bands neue Musik veröffentlichen. Zum Einen ist es wichtig für das eigene Tun und zum anderen ist Vorfreude bekanntlich ja die schönste Freude. Bis dahin alle schön solidarisch bleiben, auf das wir uns alle bald in Bielefeld, Köln oder Hamburg wiedersehen können.

Auch wir wollen verantwortungsvoll in dieser Zeit handeln, selbst wenn uns das Spielen so unglaublich fehlt. Wir hoffen trotzdem, dass wir bald wieder live spielen können, da wir uns selbst als „Live Band“ sehen. Wir lieben es unterwegs zu sein, Leute zu treffen und andere Bands zu sehen. Das Warten und die Staus fehlen uns am meisten.

Titelbild: Disgusting News | (c) Disgusting News

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