Wer letztes Jahr dachte Corona wäre zum Jahres-Ende 2021 Geschichte, der wurde eines Besseren belehrt.

Leider war auch 2021 daher ein doch recht überschaubares Musik-Jahr und Live-Konzerte waren genauso rar wie überragend gute Album-Neuerscheinungen. Glücklicherweise gab es aber auch den einen oder anderen musikalischen Lichtblick. Hier eine Zusammenstellung der Alben, die mir Spaß gemacht haben. Dabei sind großer Namen wie The War On Drugs und Elbow, seit Längerem produktive Künstler wie The Antlers, Damien Jurado, Strand Of Oaks oder The Mountain Goats aber auch (fast) Newcomer wie Alice Phoebe Lou und Burkini Beach.

Es geht los … abwärts gezählt „die besten Alben, die ich in diesem Jahr rezensiert habe“:

Platz 10: Kristoffer Bolander3

Das neue Album hat Kristoffer Bolander größtenteils allein im Heimstudio in seinem nördlich von Göteborg gelegenen Wohnort Vänersborg aufgenommen. Alle – leider nur – acht Songs auf dem Album sind von Bolander geschrieben und arrangiert sowie alle Instrumente selbst eingespielt. Im Mittelpunkt seiner Kompositionen steht aber auch auf dem dritten Album immer die an Neil Young erinnernde Stimme Kristoffer Bolanders, der zwischenzeitlich das Label gewechselt hat. Das neue Album erscheint beim Göteborger Indie-Label Welfare Sounds und hat einige deutlich fröhlicheren Farbklekse zu bieten. Anspieltipp: Evelyn.

Platz 9: Burkini BeachBest Western

Das nordöstlich von München gelegene Landshut ist nicht dafür bekannt Heimat berühmter Musiker:innen zu sein. Ob sich das ändert, wird nicht unerheblich von Rudi Maier, der unter dem Pseudonym Burkini Beach gerade sein zweites Album Best Western veröffentlicht hat, abhängen, denn sowohl der Multiinstrumentalist, der musikalisch mit Elliott Smith und Sufjan Stevens verglichen wird, als auch seine musikalischen Erzeugnisse haben das Potential dazu. Unzweifelhaft hat Maier ein Händchen für gute Arrangements und schöne Melodien, die sich direkt in den Gehörgang kuscheln. Beim Hören der neuen Songs, machen sich schnell Assoziationen von warmen Sonnentagen und unbeschwerten Zeiten breit, die von Maiers angenehm harmonischer Singstimme noch verstärkt werden. Mit Best Western hat Rudi Maier die Erwartungen an zukünftige Alben nochmal deutlich gesteigert. Burkini Beach sollte man auf dem Zettel haben, wenn es darum geht, musikalisch in die Zukunft zu sehen und Trends vorzufühlen. Dieses Album gehört zweifellos zum Besten, was dieses Jahr bisher erschienen ist. Anspieltipp: I Could See Myself

Platz 8: Minor MajorityThe Universe Would HaveTo Adjust

Das achte Album der Band bietet leider nur 9 Tracks und erscheint bei Voices of Wonder Records. Glücklicherweise liegen aber alle Songs wieder genau in der von der Band bekannten hochqualitativen Bandbreite und das macht große Vorfreude auf die für September angekündigte Deutschland-Tour. Der wunderbar warme Folk-Pop ist auch auf The Universe Would Have To Adjust seele-streichelnd schön und fast jeder Song geht direkt in den Gehörgang, wo er sich einkuschelt und nicht mehr weichen will. Wie bereits erwähnt, ist das Album leider ein bisschen zu schnell zu Ende, ein bis drei Songs mehr hätten es schon sein können aber trotzdem bekommt man auf dem Album von Minor Majority mal wieder Indie-Folk-Pop vom Feinsten geboten. Die Norweger sind musikalisch eine Bank und schon lange nicht nur ein Geheim-Tipp! Anspieltipp: The Fog Has Lifted.

Platz 7: Alice Phoebe Lou – Glow

Die wunderbare Alice Phoebe Lou hat nach ihrem Debüt-Album Orbit (2016) und dem von Kritik und Publikum sehr positiv aufgenommenen Zweitwerk Paper Castles (2019) nun ihr drittes Studio-Album aufgenommen und verarbeitet auf Glow, das bei Motor Music erscheint, die zurückliegende Zeit der Höhe und Tiefen ihrer Liebesbeziehungen, die sie musikalisch ausgesprochen offen darstellt. Aber auch die Einsamkeit in der Zeit der Corona-Pandemie wird thematisiert. Das ganze Album ist durchdrungen von einem lebensbejahenden aber auch gern traurigem Songwriting, das Alice Phoebe Lou mit ihren gerade mal 27 Jahren fast schon perfektioniert hat. Sie schafft es mit wenigen Mittel die Hörer:innen dauerhaft in den Bann zu ziehen und auf die musikalische Reise zu ihren Herzens-Qualen aber auch zu ihren Liebesabenteuern mitzunehmen. So muss ein gutes Album sein, dass man immer wieder hören möchte. Anspieltipp: Dusk.

Platz 6: The Antlers – Green To Gold

Ein richtig tolles Album für alle, die Ruhe und innere Reflexion suchen, aber auch die totale Abkehr und das Gegenteil des übermächtigen Hospice, dass ein in sich geschlossenes Werk über den Tod war und bei dem traurig-wütende Songs, verzweifelter Lärm und betörende Reflexion dicht und schmerzhaft beieinander lagen. Durchzogen von Zuversicht und positiven Impulsen, wirkt das Album wie ein ruhiger Tag auf dem Lande mit gemächlichem Spaziergang im Wald. Wie ein guter und treuer Freund, mit dem man ehrliche Gespräche führen kann und der das Zuhören beherrscht. Die Ansammlung wunderschöner eingängiger aber nie aufdringlicher Melodien ist überwältigend und macht es umso schwerer einzelne Songs aus dem Album hervorzuheben. Die Tracks sind durchgehend folkiger und klingen nach Shoegaze und Americana. Bereits beim ersten Hören kommt es einem vor, als würde man die Songs schon lange kennen, so sehr schmeicheln diese sich in den Gehörgang ohne aber anbiedernd zu sein. Anspieltipp: Wheels Roll Home.

Platz 5: Elbow – Flying Dream 1

Die aus Manchester stammende Band Elbow mit ihrem charismatischen Leadsänger Guy Garvey sind zurück und präsentieren mit ihrem neunten Album Flying Dream 1 nichts weniger als ein kleines nahezu akustisches Brit-Pop-Meisterwerk. Die zehn Songs sind nahezu durchgehend sanfte und getragene Balladen und somit eine klare Abkehr zu dem rauen und ruppigen Stil des 2019er Albums Giants Of All Sizes, in dem der Brexit von den stets auch politisch denkenden Musikern verarbeitet wurde. Diese getragene Lässigkeit kommt der wunderbar dahinfließenden Stimme Garveys zugute, der hier die gesamte Klaviatur seines Könnens zeigen kann und das auch genüsslich auslebt. Am besten sollte man sich dieses Album mit guten Kopfhörern gönnen, um tatsächlich jede noch so kleine Nuance der Gesangspräsentation genießen zu können. Wer noch nie etwas von Elbow bewusst gehört hat, der sollte mit diesem wunderbar herbstlichen Gute-Laune- und Kuschel-Album anfangen und sich dann in der Zeit zurück arbeiten. Die einen werden sagen früher war mehr Rock aber die Entwicklung der Band ist eine andere. Mit Blick auf die 30-jährige Band-Historie soll Guy Garvey laut Pressetext gesagt haben, er liebe schon lange stille, komplexe Platten. Anspieltipp: Six Words.

Platz 4: The Mountain Goats – Dark In Here

The Mountain Goats sind zurück und das schneller und wieder ein Stück gereifter. Diese Band, die eigentlich ein Solo-Projekt des Multiinstrumentalisten und Lyrikers John Darnielle ist, entwickelt sich ständig weiter und bringt mit jedem Album unerwartete neue Facetten zum Vorschein auch wenn beim ersten Hören alles so wie immer klingen mag. Tatsächlich ist das Album Dark In Here eine direkte Fortsetzung dessen, was es beim wunderbaren 2019er Konzept-Album In League With Dragons und auch beim 2020er Album Getting Into Knives zu hören gab. Schöne klare Arrangements mit lyrisch anspruchs- und sehnsuchtsvollen Gesangsparts. Immer wieder tolle Texte, die Darnielle, der inzwischen auch zwei Bücher veröffentlicht hat, daher zaubert und dann die unglaublichen Tempowechsel, die das Gefühl des universellen Verständnisses von Glück sehr gut beschreiben. Einige der Songs sind bewusst an traditionelle Sagen und Melodien angelehnt, die jeder schon mal gehört hat. Das ist es auch, was The Mountain Goats so außergewöhnlich macht. Einfache Songs mit einem guten Lebensgefühl und intime Songs, die zu Herzen gehen. Das sollte man mögen, wenn einem wirklich gute Musik am Herzen liegt. Anspieltipp: The New Hydra Collection.

Platz 3: Damien Jurado – The Monster Who Hated Pennsylvania

Mit der Präzision eines Schweizer Uhrwerks schafft es Damien Jurado tatsächlich jedes Jahr mindestens ein neues spannendes Album herauszubringen. Für sein 17. Album hat er sich sogar den Luxus eines eigenen Labels gegönnt, dass nach seinem 2012er Album Maraqopa Records benannt ist. The Monster Who Hated Pennsylvania ist eine wahre Freude für Freund:innen des wunderbaren Songwritings von Damien Jurado, der jedem der 10 Songs eine eigene Geschichte zugesteht, die er mit Hilfe fiktiver Personen erzählt. So werden Helena, Tom, Joan, Jennifer und auch Jonny Caravella sehr bald gute Freunde der Hörer:innen.
Das ausgezeichnet selbst-produzierte Album kommt auch wegen der bildgewaltigen Sprache offener und einnehmender daher als so manches rockige Frühwerk von Damien Jurado und zeigt dadurch die musikalische Reife des Songwriters. Anspieltipp: Song For Langston Birch.

Platz 2: The War On Drugs – I Don´t Live Here Anymore

Nach den vorab veröffentlichten Singles Living Proof (19.07.2021) und Change (27.10.2021) waren die Erwartungen von Fans und Kritiker:innen an I Don´t Live Here Anymore verständlicherweise hoch. Das Warten hat sich aber gelohnt, auch wenn Adam Granduciel sich bewusst sein muss, dass jedes neue Album immer an dem grandiosen A Deeper Understanding gemessen werden wird. Wer der tieftraurigen und fast hoffnungslosen Lyrik von Granduciel nicht erliegt, der wird wahre tiefe Emotionen, die über Musik und Text transportiert werden, wohl nie fühlen können. Das neue Album ist stellenweise Weltschmerz à la The War On Drugs pur. Bloß keine großen Experimente sondern nur ein tieftrauriger Bob Dylan der mit Tom Petty an der nölenden Gitarre ein Bruce Springsteen-Cover singt und einige Mark Knopfler-Gitarren-Schnörkel in den Song mischt. Das klingt unbeschwert und verspielt, doch man kann nur erahnen, welche Arbeit und wieviel Schweiß dahinter stecken muss, damit es leicht und locker klingt. Das leider nur zehn Tracks umfassende Album, dessen Dramaturgie und Spannungskurve die Hörer:innen packt, gönnt sich mal wieder keine echten Ausfälle. Granduciel schafft es immer wieder sich auch innerhalb des Albums neu zu erfinden und klingt mal wie ein Wanderprediger und mal wie ein Marktschreier. Anspieltipp: Rings Around My Father’s Eyes.

Platz 1: Strand Of Oaks – In Heaven

Auf seinem achten Studio-Album In Heaven hat sich Timothy Showalter die großen Themen des Lebens zwischen Liebe, Verlust und Erleuchtung vorgenommen. Es ist ein vom ersten bis zum letzten Ton durchgehend packend und auf den Punkt produziertes Album, dass man angesichts der thematischen Dichte fast schon als Konzeptalbum bezeichnen könnte. Das elf Tracks starke Album, dessen dichte Dramaturgie und straffe Spannungskurve die Hörer:nnen packt, gönnt sich keine Ausfälle und erzeugt tatsächlich vom ersten bis zum letzten Ton wunderbare Bilder, an die man noch lange zurückdenkt. Mit In Heaven hat Timothy Showalter einen echten Meilenstein erschaffen und sein Projekt Strand Of Oaks in den Fokus der Musikwelt gestellt. Ein Album, das vom ersten bis zum letzten Ton einfach nur Spaß macht. Auch wenn die Themen nicht immer hell strahlen, so tun es die Arrangements, die von außergewöhnlicher Güte sind. Anspieltipp: Hurry.

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