Das vierte Studio-Album des in Anacortes, nördlich von Seattle, lebenden Singer-Songwriters und offen bekennenden gläubigen Christen John Van Deusen, der seinen Glauben zum Kernthema all seiner Musik macht, ist ein monumentaler Parforce-Ritt durch 21 Songs mit einer Laufzeit von über 75 Minuten, der am Ende nur glücklich machen kann.

Das Album beginnt im herausragenden Opener Oh, Sweetest Name und mit folgenden Zeilen: „Free me, break me. Fill me up with all your holy water cause’ I’m driving drunk in the night with one headlight.”

Unschwer das nicht direkt als Einladung zu verstehen, sich für Gottes Führung zu öffnen. Der sich langsam steigernde Song handelt davon, seinen Glauben zu hinterfragen und die amerikanische christliche Kultur als entfremdet zu empfinden. Wer jetzt aber denkt, da kommt anschließend religiöser Chorgesang mit salbungsvollen Worten, der ist John Van Deusen kräftig auf den Leim gegangen. Rock ’n’ Roll ist sein Herzschlag und davon gibt es auf dem Album reichlich, wobei John Van Deusen nahezu alle Instrumente selbst einspielt und sein langjähriger Wegbegleiter aus den The Lonely Forest-Zeiten Braydn Krueger am Schlagzeug den harten Takt vorgibt.

John Van Deusen ist gefährlich und hat Suchtpotential, denn er versteht es die vorherrschenden Hörgewohnheiten des schnellen Konsumierens auszuhebeln und zwingt die Hörer:innen sich inhaltlich und emotional mit den Tracks zu beschäftigen. Das ist umso schöner als er auch die Klaviatur der Harmonien und Melodien wunderbar beherrscht.

Man fragt sich, wie auch bei den außerordentlich guten Vorgängern (I Am) Origami Pt. 1 – The Universal Sigh (2017) und (I Am) Origami Pt. 3 – A Catacomb Hymn (2019), wo der Übergang von Indie-Rock zu Punk-Rock versteckt ist. Die teilweise rotzig-dynamischen Arrangements werden aber immer wieder von Tempo- und Melodiewechseln verändert und in eine andere Richtung geführt. Ein gutes Beispiel ist der zweite Track Uninspired; Blowing Smoke, der schnell und laut beginnt und zum Schluss hin langsamer und ruhiger wird.

War (I Am) Origami Pt. 2 – Every Power Wide Awake (2018) ein durchgehend mit religiösen Motiven belegtes Album, hat sich John Van Deusen für das Finale der Serie eine weitere Bandbreite auferlegt und bewältigt diese mit Bravour. Die vorherrschenden Themen der wunderbar aufeinander abgestimmten Tracks sind seine Sehnsucht nach Führung, die Angst vor der Übermacht der Industrie, seine Vaterschaft, Suchtanfälligkeit und Liebe. Und dann immer wieder das Zwiegespräch mit Gott. Das ist nicht aufgesetzt sondern in jeder Pore authentisch und das fühlt man beim Hören.

(I Am) Origami Pt. 4 – Marathon Daze ist mit herausragenden Stücken übersät und es fällt tatsächlich schwer hier einzelne Songs herauszupicken. Allerdings gibt es Songs, die müssen Erwähnung finden. Vorab aber einige Anmerkungen, denn es gibt auch Songs, die treuen John Van Deusen-Fans seit Längeren bekannt sind. Da ist zum einen der Titeltrack Marathon Daze, der seit Jahren zum Live-Programm gehört, genauso wie der drittletzte Song Oslo. Den können allerdings nur diejenigen genießen, die die Album-Deluxe-Version von (I Am) Origami Pt. 4 – Marathon Daze über Bandcamp bezogen habe, denn das reguläre Album beinhaltet lediglich 15 Tracks. Diese zwei Songs haben gegenüber den anderen den Vorteil, dass man sie bereits hinreichend kennt. Das sind unstrittig zwei klare Highlights und müssen daher nicht nochmal separat erwähnt werden.

Aber nun endlich zu den (anderen) echten Diamanten auf dem Album, wobei ich sieben Song ausgewählt, die in Lyrik, Melodie und inhaltlicher Tiefe deutlich über den anderen Songs stehen, da man ansonsten fast jeden der 15 Tracks des regulären Albums als Highlights heranziehen könnte. Die Reihenfolge der Nennungen ist identisch mit der Reihenfolge auf dem Album und stellt keine Wertung dar.

All I Need: Der auf den ersten Blick wenig spektakuläre Track ist die erste gemeinsame Aufnahme mit seiner Frau Annababe Van Deusen und eine unverblümte Liebeserklärung an die Frau, die Ihn erdet und seinen Kompass immer wieder neu ausrichtet.

Give Back My Heart: Der ruhigste Song in der ersten Hälfte des Albums ist eine fast nur mit Akustikgitarre begleitete Liebeserklärung aber auch ein Song über die ungestillte Sehnsucht nach dem Unbekannten.

Any Less Than My Best: Sicherlich ein klarer Höhepunkt der Songwriting-Kunst von John Van Deusen und zeigt in seiner Vielfältigkeit zwischen anspruchsvollem Power-Rock-Song und gefühlvollem Glaubensbekenntnis wahre Größe. Dieser Track steht in der Reihe der bisher veröffentlichen Best-of-Songs von John Van Deusen.

In The Morning: Hier blickt John Van Deusen in einen Abgrund, der viel über seine inneren Dämonen verrät, was er aber offen mit seinen Hörer:innen teilt. Er mahnt nachdringlich, dass man sich nicht selbst verletzen sollte: „Step away from the pain, You can wait for light in the morning.“

Be Not Far From Here: Auch hier öffnet John Van Deusen den Hörer:innen den Blick auf seinen Glauben und huldigt Gott und gleichzeitig der Liebe seines Lebens, seiner Frau Annababe, die auch bei diesem Song die Backing-Vocals übernommen hat. Ein wunderbar ergreifender Song, der besagt, dass man sich ohne den anderen leer und einsam fühlt.

Help Me Let Go: Dieser Song ist eine Liebeserklärung an Gott und die Güte seiner ernsthaften Liebe für die Menschen. Was gibt es Schöneres als sich in die Arme einer Allmacht der Liebe fallen lassen zu können. Auch konvertierte Gläubige können dieses Glücksgefühl bei dem Song nachempfinden.

Universal Will To Become Pt. II: Wer diesen Song nicht versteht, der hat keine Kinder und kennt nicht das Gefühl von Liebe und Stolz aber auch die Angst um das Wohlbefinden des eigenen Kindes. Ich kenne keinen anderen Song, der diese Gefühle so intensiv und ehrlich auf den Punkt bringt. Wunderbar fröhlich und gleichzeitig nachdenklich und vorsichtig. John Van Deusen macht deutlich, dass er sich innerlich mit seiner Rolle als Vater seines Sohnes Benjamin auseinandersetzt und steckt hier seine gesamte Liebe in den Song, welcher der letzte auf dem regulären Album ist.

Die sechs Songs der Deluxe-Album-Version haben auch noch Highlight-Potential sind aber in der Wertung nicht berücksichtigt, da diese aktuell nicht allen Hörer:innen zugängig sind. Besonders schön ist die erneute Liebeserklärung an seine Frau Annababe, die er mit Patient Saint verewigt hat.

Das waren jetzt lediglich einige subjektiv ausgewählte Songs, aber dieses Album ist ein wahres Meisterwerk in seiner Gesamtheit und Fülle an Ideen und Melodien und genauso sollte man es auch Hören. Vom ersten bis zum letzten Song am besten an einem Stück. Wer nach dem letzten Ton keine Träne vor Freude im Augenwinkel hat, der hat ein Herz aus Stein. Aktuell ist dies für mich aufgrund seiner wunderbaren Botschaft von Liebe und Hoffnung das Album des Jahres 2022.

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