Tim Hecker’s Musik ist fordernd. Mit Anspruch auf Abstraktion, Bereitschaft zur Auseinandersetzung mit tonalen Formen und den experimentellen Blick für das Ganze, entlässt er den Hörer auf eine Exkursion durch sein neues Album „Virgins“. So strapaziös diese auch verlaufen mag, am Ende wird man mit einem brillanten Hörerlebnis versöhnt.

Musikalisches Erleben zu verbalisieren birgt stets die Gefahr, der Unmittelbarkeit ihre Spontanität zu rauben. Höreindrücke evozieren uno actu eine Fülle von Emotionen; Assoziationen mit Bilderwelten stehen in einem direkten Zusammenhang mit der klanglichen Wahrnehmung. Der eigenen Gemütslage wird ein ästhetischer Raum eröffnet, der durch die Dispositionen des Hörers mit Leben gefüllt und folglich höchst subjektiv strukturiert wird. In welchem Maße dies von dem musikalischen Werk selbst wiederrum bedingt ist, variiert je nach Genre und dem inhärenten Grad an Komplexität und Höranforderung. Tim Hecker stellt diesbezüglich hohe Ansprüche und liefert mit seinem neuen Album „Virgins“ erneut eine außergewöhnlich dichte Soundcollage, mit der die psychologischen Schluchten musikalischen Genusses ergründet, erforscht, aber vor allem intensiv empfunden werden können.

Hecker, ein in Vancouver geborener und in Montreal lebender Soundkünstler, ist mittlerweile eine feste Größe im Bereich Ambient/Drone/Experimentelle Musik. Für sein nunmehr siebtes Studioalbum hat er sich, zum ersten Mal, Unterstützung von einem Live Ensemble geholt und zusammen mit dem isländischen Produzenten Valgeir Sigurðsson (Björk, Sigur Rós) „Virgins“ erschaffen. Seine Musik beschreibt er selber als „a constant interaction between the real and the virtual“. Und auch bei “Virigins” bestimmt dieses Credo den Leitfaden für die hybriden Soundlandschaften. Die organischen Klänge eingespielter Instrumente werden von Hecker zerstückelt, mittels Granularsynthese stark verfremdet und mit Field-Recordings, Delay- und Loopkonstrukten sowie Noise vermengt. Am Ende lassen sich die Spuren des Ursprungsmaterials nur erahnen. Hecker jagt seine Sounds unverdrossen durch einen Iterationszyklus, bei dem diese durch stetiges Überlagern, Hinzufügen, Abziehen und Sidechaining ein organisches Eigenleben hervorbringen, wodurch die unterschiedlichen Ausgangsquellen miteinander verwachsen und an Substanz und Körperlichkeit gewinnen.

Die Grammatik von „Virgins“ setzt sich genau genommen aus drei Etappen zusammen. „Prism“ leitet ein in das antagonistische Verhältnis von Ordnung und Chaos, von Wohlklang und Zerwürfnis. Strukturierende und Rhythmik erheischende Synthesizerloops duellieren sich in einem beklemmenden Ambientbiotop mit den verschiedensten Bassvariationen. In „Virginal I“, Live Room“ und „Virginal II“ wird dieser Kampf, mit zur Regenation dienenden Umwegen über „Rediance“ und „Live Room Out“, offen ausgetragen. Anfängliche Harmonien werden durch aufkommende Tieffrequenzen in ihrer Klarheit und Reinheit getrübt, geschwächt und in ein Chaos geschleudert, das durch seine vielschichtigen Texturen eine gewisse Höranstrengung aber auch immense Anziehungskraft mit sich bringt. Das wundervolle „Black Refraction“ löst den Konflikt schließlich in einer melancholisch-trüben Atmosphäre auf; die Kräfte sind zu Neige gegangen und man ist erleichtert, sich den schönen Pianoklängen gedankenverloren hingeben zu können.

„Incense at Abu Ghraib“ und „Amps, Drugs, Harmonium“ bilden zusammen ein sehr viel ruhigeres und harmonischeres Gerüst, bei dem ein fast schon heiteres Gefühl mitzuschwingen vermag und den Hörer aus den starken Wellengängen des bisher Gehörten in seichteres Gewässer herausmanövrieren lässt.

„Stigmata I“ und „Stigmata II“ entwickeln sich mittels verzerrter Ambientflächen, kräftiger Tremoloeffekte und druckvollem Sidechaining zu einem äußerst stimmigen Ganzen mit Post-Rock-Feeling, um schlussendlich in dem delaydurchtränkten und sehr metallisch klingenden „Stab Variation“ zu münden und das Album gebührend zu beenden.

Mit „Virgins“ liefert Hecker erneut ein äußerst intensives, komplexes Album, das in seiner Qualität „Ravedeath, 1972“ in Nichts nachsteht. Die Dekonstruktion organischer Instrumente zusammen mit der digital-exzessiven, kompositorischen Finesse Heckers, lassen reichhaltige Hörbilder entstehen, die wie Traubenzucker direkt ins Blut gehen, sofern man die Bereitschaft aufbringt, sich in der Beschwerlichkeit einzufinden. Der anfänglich angepriesene ästhetische Raum lässt sich mit Hilfe Heckers exzellent erkunden und lädt dazu ein, sich seine Kopfhörer nehmend auf die tiefgreifende, nicht immer leicht verdauliche Reise zu begeben.

01 Prism
02 Virginal I
03 Radiance
04 Live Room
05 Live Room Out
07 Black Refraction
08 Incense At Abu Ghraib
09 Amps, Drugs, Harmonium
10 Stigmata I
11 Stigmata II
12 Stab Variation

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