Denkt man an die letzte Studioveröffentlichung, das instrumentale Album The Messier Objects von 2015 zurück, kann man sagen: Die Himmelskörper sind jetzt bewohnt, wo vorher nur synthetischer Klang die Kälte des Weltraums widerspiegelte, sind wieder organische Instrumente zu hören.

Auch an dieser Stelle muss man unweigerlich an Radiohead denken, die zwischen Hail to the Thief und In Rainbows ebenso eine Wende vollzogen. Es ist vielleicht auch bei The Notwist so, dass die Einbahnstraße der Entwicklung hin zu einer immer stärker elektronisch geprägten Klangästhetik zur Sackgasse für die Kreativität geworden sein könnte.

Und so konnte dieses „Get Back“ nicht bedeuten, mit der Reduzierung der Synthies auch wieder zu herkömmlichen Liedstrukturen zurückzukehren (wie es zwischendurch auch live zu hören war, als The Notwist als Powertrio spielten und Gitarren-Indierock a la Dinosaur Jr hören ließen). Stattdessen werden von Anfang an Klangschichten aufgetürmt und abgetragen, und die Strukturen der Tracks sind meist eher ein Nebeneinander als ein Nacheinander der verschiedenen Teile.

So bricht der Schallpegel nach dem Intro Al Norte (das etwa an das chaotische Bitches Brew von Miles Davis erinnert) wieder ein – und Into Love/Stars erhebt sich erst langsam und bedächtigt mit einfachen Klavierakkorden, zu dem sich dann spärliche abstrakte Klangfiguren gesellen, bis das Einsetzen von Markus Achers Stimme (die ohnehin oft daran erinnert) die Assoziation an einen Vater weckt, der seinem von Alpträumen geplagten Kind ein Schlaflied singt: „You know the stars ain’t fixed/The roads ain’t straight“. Der Astronom Charles Messier stellte zwar eine Liste von scheinbar unbewegten Sternen auf (die dem Vorgängeralbum seinen Namen gaben) – doch jetzt muss man feststellen: Der Kosmos ist in Bewegung, und was uns als fest erscheint bewegt sich einfach nur zu langsam, um von uns wahrgenommen zu werden. Aber dieses Chaos hat wie ein Sturm ein Zentrum, in dem sich eine fast unwirkliche Ruhe finden lässt. Und dann nimmt der verschlungene Weg wieder eine Wende, und das zwischenzeitlich durch Akustikgitarre angereicherte Nachtidyll wird von einem hypernervösen Drum-Machine-Rhythmus geradezu überfahren.

Und zwischen diesen Polen Chaos und Ruhe schwankt Vertigo Days, von Into Love/Stars bis zum Schluss, wenn es in der Version als Into Love Again wiederholt wird.

Der krautige Drive von Exit Strategy gibt eine Unterlage für die Beschreibung von scheiternden Ausbruchsversuchen aus dem Ich (I’m not on the phone/I’m just talking to myself), die dann nach subtilen Steigerungen aber nicht zu einem Abschluss kommen kann, sondern Stück für Stück von Synthieflächen und geloopten Gesangsfragmenten zugedeckt wird.

Ship mit der knarrendend akzentuierten Post-Punk-Gitarre und seinen blubbernden Synthiearpeggios könnte eigentlich auch ein Song von All Diese Gewalt sein, wenn da nicht die Gastsängerin Saya wäre, die mit ihrem eindringlichen Gesang dem vom scheinbar immer-schneller-Werden gehetzten Menschen unnachahmlich Ausdruck verleiht. Überhaupt profitieren die Songs sehr von den zahlreichen Beiträgen anderer Musiker:innen, und seien es nur kurze Klarinettenoverdubs wie bei Into the Ice Age (dessen sparsamer Text durch Verweis auf Weltenbrand und Eiszeit zeigt, dass The Notwist die letzten Jahre auch politisch nicht im Winterschlaf verbracht haben sondern auf der Höhe der Zeit sind): Sie zeigen noch deutlicher den Patchworkcharakter des Albums, den großen Versuch, Verschiedenheiten zu versöhnen. Und so trägt die Klarinette von Angel Bat Dawid auch bruchlos ins dubbig gestreckte Oh Sweet Fire und nun beginnen sich auch die Grenzen zwischen den Songs aufzulösen.

Und das ist bei Vertigo Days auch notwendig. Man muss dieses Album im Ganzen hören und verstehen, selbst wenn einzelne Tracks wie das kompakte Al Sur oder das optimistische Where You Find Me auch für sich bestehen können. Aber das Konzept dieses Albums ist die Verwandlung und Variation; es gibt Fragmente, die an die Minimal Music etwa von Steve Reich erinnern (*stars*) und dann gibt es wie bei Loose Ends Momente, bei denen man ein naive Songskizze mit dem Sound einer Schlafzimmerdemo in all ihren Entwicklungsstufen hört. Es schwankt zwischen fast komplett synthetischen Klängen (z.B. al Sur)und klassischer Grandezza, wie sie die Bläser in Sans Soleil wachrufen. Diese Arbeit an Gegensätzen mit den Mitteln von Fragment und Montage machen Vertigo Days zu einer Art-Film ohne Bild, der aber doch nur als Ganzes wirkt.

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