In einer Welt, in der der Begriff Post-Rock so ausgelutscht ist wie eine leere Capri-Sonne und in der aufgrund der inflationären Veröffentlichungsflut des Genres der Überblick komplett verloren geht, ist es besonders schwer die Spreu vom Weizen zu trennen.

Tangled Thoughts Of Leaving sind KEINE Post-Rock Band (obwohl auf Gesang komplett verzichtet wird) und sie haben mit dem mir vorliegenden Werk auch KEIN Post-Rock Album veröffentlicht (obwohl die Songs fast alle, mit über 10 Minuten, das Post Rock typische „Format“ besitzen).

Die Band kommt aus Australien und scheinbar macht gerade diese geographische Begebenheit die Einzigartigkeit der Musik aus. Die fünf Songs erstrecken sich über eine Spielzeit von knapp 70 Minuten und machen deutlich, dass selbst sonnenverwöhnte Australier manchmal auch gerne den Soundtrack für die Dunkelkammer komponieren. Selten lagen Brachialität, Trauer und Schönheit so nah beieinander. Dunkel und majestätisch zelebriert die Band ihre Mixtur aus Jazz, Post-Metal und Doom, angereichert mit Synthesizer-Spielereien, das einem fast die Tränen kommen. Das Schlagzeug kommt wuchtig aus den Boxen es ist eine wahre Freude, solch vertrackten Rhythmen in Perfektion beiwohnen zu können. Der Bass bildet das düstere Fundament und verschafft den Songs eine optimale Grundlage sich endlos ausdehnen zu können. Zähflüssig wie geschmolzene Steine fließen die Songs über die gesamte Spielzeit und man bekommt in regelmäßigen Abständen eine Gänsehaut – so packend ist das hier inszeniert.

Der Opener The Albanien Sleepover, Part 1 ist ein langsames, düsteres Soundgebilde was Anfangs eine versteckte Melodie bereit hält. Man erahnt Schönheit, diese wird jedoch von Noise-Attacken fast vollkommen unterdrückt. Nach etwa fünf Minuten ist plötzlich diese wunderschöne und einsame Piano-Melodie da und trifft einen da wo es richtig weh tut – ins Herz! Melancholie in absoluter Perfektion wird hier zelebriert. Und ganz ähnlich verhält sich auch der Song The Albanien Sleepover Part 2 der direkt im Anschluss folgt. Wieder ein jazziges Piano, welches den Hörer direkt gefangen nimmt. Doch nach etwas mehr als drei Minuten ebbt der Song langsam ab um in ein Noise/Feedback Inferno überzugehen. Wohlklang ist das nun bei Weitem nicht mehr und je länger dieser Krach über einen hereinbricht, desto beklemmender wird die Atmosphäre. Wie in einer düsteren Industriehalle, in der die alten Produktionsmaschinen ächzen und der ohrenbetäubende Krach die nach altem Öl riechende Luft in Schwingungen versetzt, während Feuchtigkeit an den milchigen Fenstern heruntertropft. Doch auch dieses Bild verschwindet, wenn der Song nach etwa 6 Minuten in einem exzessiven Finale mündet welches sich über 5 Minuten erstreckt. Sowas trauen sich nicht viele Bands und vor allem sind nur wenige in der Lage das Ganze so packend umzusetzen. Nach 12 Minuten kehrt Ruhe ein, die der Hörer auch wirklich nötig hat.

Der dritte Song Shaking Off Futility ist der notwendige Ruhepol – zumindest für die ersten paar Minuten. Denn auch hier steigert sich der Song langsam und behäbig, ohne jedoch auszubrechen. Man erwartet einen Höhepunkt, doch entgegen der Erwartungshaltung reduziert sich der Wall-Of-Sound, um in einem Jazz Part, angereichert mit verspieltem Piano überzugehen. Wenn dann diese typische Post-Rock Gitarre ein herzergreifendes „Solo“ spielt, ist der Hörer mit seinem Latein am Ende. Unberechenbar und groß.

Downbeat könnte man als Hit dieses Albums bezeichnen. Bedrohlich und eingängig zugleich zelebrieren die Herren den Noise Rock. Die vertrackte Rhythmik und die elektronischen Spielereien möchte einen ohne Vorbehalt auf die Tanzfläche ziehen. Doch auch hier gibt es wieder irre Wendungen und Noise Attacken das einem Angst und Bange wird. Ich ertappe mich gegen Ende des Songs sogar dabei, wie ich kurz überlege, ob ich diesen infernalischen Krach noch länger ertragen kann oder ob es nicht doch besser wäre, einfach auszuschalten.

Der Titelsong Yield To Despair ist erneut ein schwerer Brocken und er gräbt sich langsam und unerbittlich in meine Gehörgange. Das ist Doom 2.0, keine Frage. Dennoch wirkt gerade dieses Stück Musik zum Ende hin ein wenig zu zerfahren und chaotisch. Hier wäre weniger mehr gewesen.

Dennoch, Tangled Thoughts Of Leaving schaffen es, den Hörer in jedem Moment zu überraschen ohne auch nur eine Sekunde langweilig oder vorhersehbar zu sein. Diese musikalische Gabe ist im Bereich der instrumentalen Rockmusik wirklich selten, ja fast einzigartig. Wenn die Herren es in Zukunft noch schaffen, ihre Vielzahl an Ideen und Kniffen etwas mehr zu bündeln, dann könnte das nächste Album die Perfektion instrumentaler Rockmusik werden. Mit Yield To Despair haben Taggeld Thoughts Of Leaving ein extrem anstrengendes, aber gleichzeitig auch packendes Album geschaffen. Alleine dafür gebührt ihnen mein vollster Respekt!

In Australien spielten Tangled Thoughts Of Leaving übrigens schon mehrere Headliner Tourneen und außerdem auch als Vorband solch illustrer Künstler wie This Will Destroy You, Russian Circles, Karnivool und Deafheaven.