KRITIK: Pedro The Lion – Havasu

KRITIK: Pedro The Lion – Havasu

Der in Phoenix, Arizona aufgewachsene David Bazan ist seit Mitte der 1990er Jahre eine der treibenden Kräfte der Indie-Rock-Szene von der Westküsten Metropole Seattle im Bundesstaat Washington. Seine 1995 gegründete stilprägende Band Pedro The Lion besteht im Grunde nur aus ihm und einer ansonsten ständig wechselnden Besetzung.

Begonnen hatte seine musikalische Entwicklung als Schlagzeuger in der Band The Guilty (später umbenannt in Coolidge) zusammen mit dem vier Jahre älteren Songwriter Damien Jurado, der ebenfalls die Shorewood High School in Seattle besuchte. Seitdem sind die beiden Musiker enge Freunde, die sich als Produzenten gegenseitig unterstützen. Diverse Musiker aus der langen Reihe der Pedro The Lion-Band-Mitglieder haben auch für und mit Damien Jurado gespielt.

Nach drei durchgehend gut besprochenen Alben, fünf EPs und sechs Compilations schickte der bekennende Workoholic David Bazan die Band Pedro The Lion mit dem Album Achilles Heel (2004) in eine kreative Pause und gründete mit Bandmitglied Timothy Walsh, der als Multiinstrumentalist auch u.a. mit Sufjan Stevens, Damien Jurado, Clap Your Hands Say Yeah und The Shins gearbeitet hat, die Indie Rock-Synthesizer-Band Headphones. Nach nur einem selbstbetitelten Album (2005) löste sich die Band wieder auf.

Seit 2006 veröffentlichte David Bazan unter seinem eigenen Namen insgesamt drei EPs und fünf Alben, die stark von persönlichen und politischen Motiven geprägt sind. Sein Songwriting wird von jeher durch einen sehr direkten und alltagsbezogenen Stil definiert. Lyrisch bewegt sich Bazan in den privaten Bereichen, welche die Hörer:innen aus eigenem Erleben kenne. Viele Texte haben einen direkten persönlichen Bezug zum Privatleben des Musikers.

15 Jahre nach dem Vorruhestand von Pedro The Lion reanimiert David Bazan den Löwen in sich und die Band mit den neuen Mitgliedern Erik Walters (Gitarre) und Sean Lane (Schlagzeug). Es entsteht das Album Phoenix (2019), das eine fünfteilige Album-Reihe mit Kindheits- und Jugenderinnerungen beginnen soll.
Glaubt man dem Pressetext, dann hat der von Bazan bewusst angestoßene Prozess der Aufarbeitung von Erinnerungen und Problemen aus der Kindheit, bei einem Besuch in Phoenix im Jahr 2016 im Rahmen einer Solo-Tour seinen Ursprung.

Diese Aufarbeitung ist auch die Nahrungsquelle für das neue Album Havasu, dass sich nach seinem Geburtsort mit dem Ort beschäftigt, in dem er als Teenager etwas mehr als ein Jahr lebte. Die in den 1960ern gegründete Gemeinde Lake Havasu, Arizona liegt nordwestlich von Phoenix ungefähr auf halber Strecke nach Las Vegas an dem zum Lake Havasu aufgestauten Colorado River und zeichnet sich insbesondere durch die kurvigen Straßen in den Bergen aus, sowie eine Stein für Stein nachgebaute London Bridge.

Musikalisch war Pedro The Lion mit Phoenix genau dort, wo die Band Mitte der 1990er gestartet ist. Gradliniger kräftiger und treibender Indie-Rock mit Americana-Einschlag, der von Gitarre, Bass und Schlagzeug erzeugt wird. Keine Synthesizer-Spielereien und Lo-Fi-Anwandlungen wie auf Control (2002) und Achilles Heel. Bei Havasu lässt es David Bazan fast durchgehend etwas ruhiger und gemäßigter angehen, passend zu der introvertierten Thematik des Albums.
Gab es auf Phoenix mit Quietest Friend und Clean up noch zwei klassische Single-Tracks überzeugt auf Havasu insbesondere der Song Making the Most of it, bei dem David Bazan in der Anfangsstrophe wie Dean Martin oder Frank Sinatra klingend den großen Schmalztopf anrührt. Das ist aber so gut gemacht, dass man den Song einfach lieben muss. Der Track ist mit Abstand das absolute Highlight auf dem Album.

Weitere Anspieltipps sind First Drum Set, in dem Bazan erzählt wie er als Siebtklässler von Klarinette zu Schlagzeug wechselt und seine musikalische Erfüllung findet. Old Wisdom ist eine von Schmerz und Scham getragene Erzählung und in Stranger wird das Gefühl des Anderssein, das zweifellos jeder Jugendliche irgendwann fühlt und erlebt nachempfunden.

Havasu gab mir die Möglichkeit, verletzliche Entscheidungen zu treffen und mich mit einem Teil meines jüngeren Ichs zu verbinden, dem ich nicht den Rücken kehren wollte. Ich habe mich durch eine Menge Selbstverurteilungen gearbeitet und war auf dieser Platte liebenswürdiger zu mir selbst, als ich es jemals zuvor in einem Song gewesen bin.

David Bazan

Laut Pressetext ist das Ergebnis ist ein offenherziges Eingeständnis von Scham und Stolz. Offenherzig, aber feinfühlig arrangiert, um die Gefühle zu bekräftigen – auch wenn das Kind, das dieser Bestätigung bedurfte, längst erwachsen und aus Lake Havasu weggezogen ist.

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Von Veröffentlicht am: 25.02.2022Zuletzt bearbeitet: 25.02.2022725 WörterLesedauer 3,6 MinAnsichten: 833Kategorien: Alben, KritikenSchlagwörter: , 0 Kommentare on KRITIK: Pedro The Lion – Havasu
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Über den Autor: Richard Kilian

"Das Leben ist zu kurz für schlechte Musik" Wer mit Stephen King, Charles Bukowski, Andrew Vachss und Elmore Leonard sowie Marillion, Cigarettes after Sex, Motorpsycho, The Jayhawks, Sufjan Stevens, Rush und God is an Astronaut etwas anzufangen weiß, der ist bei mir richtig.

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