KRITIK: Downpilot – The Forecast

KRITIK: Downpilot – The Forecast

Wenn Musiker:innen mit ihren Alben stets am Nerv der Zeit aber trotzdem in den Charts und der öffentlichen Wahrnehmung wenig präsent sind, dann spricht das üblicherweise nicht für allzu radio- und massentaugliche Arrangements.

Bei dem Sänger, Songschreiber, Gitarrist, Bassist, Keyboarder, Schlagzeuger, Produzenten, Tontechniker und gelernten Jazzpianisten Paul Hiraga, der seit mehr als 20 Jahren beim Hamburger Label Tapete Records (Fehlfarben, Ezio, Robert Forster, Lloyd Cole) unter Vertrag steht und unter dem Bandnamen Downpilot unterhaltsame und stilbewusste Tracks produziert, trifft das nicht zu.

In einem Pressetext wurden seine Arrangements als „psychedelisch angehauchter Folkrock und Slowcore“ beschrieben, aber da ist noch viel mehr denn vom zuckersüßen Pop der 60er- und 70er-Jahre bis zum rockigen Indie-Alternative-Rock reicht die Bandbreite der unzähligen Songs zweifellos.

Der aus Seattle stammende US-Amerikaner überrascht sowohl Publikum als auch Kritiker:innen regelmäßig mit qualitativ hochwertigen Songs, die sich inzwischen auf sieben Alben verteilen. Seit dem starken Debüt mit der ersten EP Thrive In A Short Season, dem das Album Leaving Not Arriving (2003), auf dem der Beinah-Hit True zu finden ist, folgte, gab es zwar auch musikalische Höhen und Tiefen aber im Grunde immer eine solide Basis aus hochwertigen Songwriting und bodenständigen Rock-Arrangements.

Ursprünglich war Downpilot eine klassische 3-Mann-Band (Gitarre, Bass, Schlagzeug) aber inzwischen ist daraus – seit den letzten vier Alben ohnehin – ein echtes Soloprojekt geworden. Bassist Jeff Brown und Schlagzeuger Eric Eagle hatten die Band kurz nach dem Debüt-Album verlassen und seitdem waren lediglich diverse Studiomusiker wie Keyboarder Steve Moore oder Violinistin Anne Marie Ruljancich (Walkabouts) bei den Aufnahmen dabei. Als Begleitband für Live-Auftritte standen Paul Hiraga über die Jahre der Schlagzeuger Lars Plogschties und Bassist Terry de Castro (The Wedding Present) zur Seite.

Inzwischen gibt es Paul Hiraga fast nur noch solo. Auf den Alben spielt er nahezu alle Instrumente selbst ein, nimmt die Tracks auf und mischt sie ab. Das aktuelle Album The Forecast ist, abgesehen von einigen Streichern, dezenten Backing Vocals befreundeter Musiker:innen und den prägnanten Geigenpart von Melinda Rice ein künstlerischer Alleingang.

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Nach den Vorgängern Radio Ghost (2015) und This Is The Sound (2018) kommt mit The Forecast ein zehn Songs umfassendes Album daher, das wie aus einem Guss wirkt. Schon der akustisch beginnende Opener Black Eye, der das erste Highlight auf dem Album ist, und der anschließende Track Totems, der mit Indianischen Percussions und Violine-sowie Klavier-Einsätzen glänzt, machen es dem Hörer:innen einfach, in das Album reinzukommen.

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Als nächstes Highlight des Albums folgt dann der Westcoast-Indie-Track My Favorite Neighborhood, der ein verschollener Track von Crosby, Stills & Nash sein könnte. Die ehemaligen Wegbegleiter Jeff Brown und Terry de Castro haben hier die traumhaften Backing-Vocals beigesteuert. Danach ist mit dem Track Red Desert eine Mischung aus Brit-Pop und Americana zu vernehmen, der neben Hiragas rauem Gesang von einer E-Gitarre und den Geigen-Einsätzen von Melinda Rice getragen wird.

Bei der Klavierballade Strangers Hotel fühlt man sich durch die berührende Melancholie im Gesang positiv an Jeff Tweedys Wilco erinnert. Dieser Track ist mit Streichern, Klavier und seltsamen Keyboard-Klängen einer der sicher von den meisten Hörer:innen übersehenen Höhepunkte des Albums.

Die 70er-Jahre in Reinform erklingen mit dem Track Balancer, der original wie ein fehlender Song aus Americas erstem Album, passend zwischen A Horse With No Name und I need You klingt. Einen so wunderbar erhabenen Song, gab es in letzter Zeit nur sehr selten.

Der anschließende kurze Instrumental-Track Antfinger wirkt ebenso aus der Zeit gefallen wie der nächste Track Night Shade, der in kontemplativ-ruhiger Form dahingleitet und erst im Nachhinein seine ganze Wärme und Freude erkennen lässt. On The Way ist die zweite getragene Klavierballade und hält als positive Überraschung für die Hörer:innen einigen sehr verspielte Keyboard-Parts mit Geigenbegleitung bereit, die man nicht erwartete hätte.

Zum Finale des Albums wartet mit dem Titeltrack The Forecast ein weiterer Höhepunkt, der dem Album in seiner intimen Ehrlichkeit als Klavierstück eine klagende R.E.M.-Story erzählt, die sich dann aber als echte Downpilot-Ballade entpuppt, die in den letzten Tönen einen Hauch des Liveshow-Lieblings True in sich trägt.

FAZIT: Dass Paul Hiraga in der Lage ist zeitlos schöne Tracks zu produzieren, sollte nach diesem Album kein Geheimnis mehr bleiben. Es muss nicht immer laut und überproduziert sein. Je länger man sich The Forecast anhört, desto eindeutiger wird das Ergebnis. Dieses Album ist ein roher Diamant, der sicher zu wenig Beachtung finden wird. Ein Geheim-Tipp auf das Album des Jahres.

Empfehlung: Paul Hiraga ist im Mai mit dem neuen Album in Deutschland auf Tour.

  • 01.05.23 Köln – Weltempfänger Backpacker Hostel & Café
  • 03.05.23 Nürnberg – privat
  • 04.05.23 Wetzlar – Café Vinyl
  • 05.05.23 Stuttgart – Laboratorium Stuttgart
  • 06.05.23 Stade – Hanse Song Festival
  • 07.05.23 Hameln – Sumpfblume Kultur- und Kommunikationszentrum
  • 10.05.23 Lübeck – Tonfink – Kulturcafé & Bar
  • 11.05.23 Wilhelmsburg – Deichdiele
  • 12.05.23 Berlin – Im Fahrradkeller
  • 13.05.23 Lüneburg – Samowar Tea & Records

Die Tour wird präsentiert von Gaesteliste.de und Roadtracks Magazin.

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Von Veröffentlicht am: 22.03.2023Zuletzt bearbeitet: 22.03.2023847 WörterLesedauer 4,2 MinAnsichten: 575Kategorien: Alben, KritikenSchlagwörter: , , 1 Kommentar on KRITIK: Downpilot – The Forecast
Von |Veröffentlicht am: 22.03.2023|Zuletzt bearbeitet: 22.03.2023|847 Wörter|Lesedauer 4,2 Min|Ansichten: 575|Kategorien: Alben, Kritiken|Schlagwörter: , , |1 Kommentar on KRITIK: Downpilot – The Forecast|

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Über den Autor: Richard Kilian

"Das Leben ist zu kurz für schlechte Musik" Wer mit Stephen King, Charles Bukowski, Andrew Vachss und Elmore Leonard sowie Marillion, Cigarettes after Sex, Motorpsycho, The Jayhawks, Sufjan Stevens, Rush und God is an Astronaut etwas anzufangen weiß, der ist bei mir richtig.

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One Comment

  1. Mark Kowarsch 23.05.2023 at 16:43 - Reply

    Sufjan Stevens? Der betrunkene Shakin‘ Stevens?

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