Lange war es still um die Band aus dem schwedischen Umea, einige Abgänge und damit einhergehende Beteuerungen von Bandmitgliedern, sie würden in Zukunft aufgrund von persönlichen Umständen (damit ist wohl in erster Linie Familie gemeint) nicht mehr die gleiche Zeit für Cult of Luna aufbringen können, lasen sich fast wie Abschiedsbriefe.

Die Begründungen waren so verständlich wie ernüchternd und liessen nach „Vertikal“ und der dazugehörigen EP „Vertikal II“ wenig Hoffnung zu, dass jemals ein weiteres Album erscheinen wird. Umso erfreulicher, dass die Band um Frontmann Johannes Persson Anfang des Jahres die Bombe platzen liess und mit „Mariner“ ein neues Album ankündigte, welches schon im April erscheinen solle – in Kollaboration mit Julie Christmas, die als Solokünstlerin oder als Frontfrau der Bands Battle of Mice oder Made out of Babies Bekanntheit erlangen konnte. Zur konzeptionellen Entstehungsgeschichte des Albums heisst es seitens der Band:

“At the end of Vertikal, we stood in the cold harshness of the mechanical city and looked up onto the stars.
We lost ourselves in the awe of their grace and thought that ‘maybe the answer is to be found above.
The ship was leaking and by to look of it, our home was dying. No room for fear when a greater call demands your full attention. So, we left… Onward, forward. Like the old seafarers, we explored the vastness of space.
Not bound by physical laws we pass the speed of light and chase the expansion of space until we reach it’s limit.
And then, we continued on and disappeared.
This is our story.”

Aus dieser Motivation heraus ist es folgerichtig das Album „Mariner“ zu nennen, ist dies auch der Name eines NASA-Projektes, dessen Zweck es war, erdähnliche Planeten im Sonnensystem zu erkunden, einhergehend mit der Frage, ob Leben auf anderen Planeten möglich sei. Cult of Luna greifen diese Thematik auf um sich neue Entfaltungsmöglichkeiten jenseits der irdischen Existenz zu erschliessen. Nun steht „Mariner“ kurz der Veröffentlichung, und die Frage lautet: Ist das Album mit Beteiligung von Christmas und vielen Abgängen und weniger Zeitinvestitionen noch ein Cult of Luna -Album? Die Kurzform auf diese Frage lautet: „Ja, definitiv. Aber auch mit Veränderungen.“die lange Antwort folgt mit dieser Rezension.

Das Statement der Band waren große Worte, die zum einen den Überdruss an der Welt und dichotomisch die Sehnsucht nach etwas Größerem verdeutlichen. Was sollte da also besser geeignet sein als die Unendlichkeit des Universums? Um die Ambitioniertheit dieses Projektes noch einmal zu verdeutlichen haben Cult of Luna es geschafft sich Julie Christmas ins Boot zu holen, bekannt für ihren prägnanten, unverwechselbaren Gesang zwischen unschuldiger Verletzlichkeit und exzentrischem Wahnsinn.

Eine spannende Mixtur also, die im zuerst veröffentlichten Song und gleichzeitigem Opener des Albums „A Greater Call“ eher hintergründig zu finden ist, da hier der Gesang von Johannes Persson und die für Cult of Luna-typischen musikalischen Klangwände ganz klar im Vordergrund stehen und Christmas eher als ergänzendes Stilmittel zum Einsatz kommt. Im folgenden „Chevron“ kehrt sich dies jedoch bereits komplett ins Gegenteil um. Christmas zieht mit ihrem unverwechselbaren Organ ganz klar die Aufmerksamkeit auf sich und treibt die Band zu musikalischen Höchstleistungen. Daraus ergibt sich eine Eingängigkeit, die man von Cult of Luna eher nicht gewohnt ist, auch weil ein bisher so nicht stattgefunder Fokus auf den gesang gelegt wird, der bei Cult of Luna zwar immer äusserst passend, aber auch nie besonders originell war. Zudem bewegen sich Teile des Songs in Gefilden, von denen man bedenkenlos behaupten kann, dass sie mit zum härtesten Material gehören, was die Band in ihrer jüngeren Bandgeschichte geschrieben hat. Gegen Ende bekommt der Song auch mit Hilfe von Synthesizerklängen und leichten Trance-Anleihen schliesslich die atmosphärische Tiefe um in die unendlichen Weiten des Universums eintauchen zu können.
„The Wreck Of The S.S. Needle“ schlägt in die gleiche Kerbe wie „Chevron“ und verdeutlicht erneut, dass Cult of Luna es verstehen, wie man ein übergeordnetes Konzept wie Raumfahrt und Weltraum in eine musikalische Form presst. Assoziationen zu grossartigen Science-Fiction-Filmen wie „2001 – A Space Odyssee“, „Interstellar“ oder auch das zumindest genreverwandte „Sunshine“ geben dem Ganzen das Gefühl von physischer Greifbarkeit. Diese Querverbindung zum Film hat auch schon „Vertikal“ zu einem audiovisuellen Erlebnis gemacht, auch wenn dieses rein durch Vorstellungskraft entstanden ist. Daran schliesst „Approaching Transition“ an, welches auf den ersten Blick gar nicht auf dieses Album passen will.

Langsame Gitarren, klarer Gesang, teils hypnotische Monotonie, von Julie Christmas keine Spur. Alleinstehend könnte man hier von einer kleinen Enttäuschung sprechen, jedoch ergibt dieser kleine Hänger auf „Mariner“ als Gesamtkonzept durchaus Sinn, denn anschliessend schlägt uns mit „Cygnus“ der stärkste und auch abschliessende Song von „Mariner“ entgegen, insofern könnte man „Approaching Transition“ als die Ruhe vor dem Sturm, das Schweben im luftleeren Raum betrachten mit dem Cult of Luna einen Schlusspunkt setzen, der sich gewaschen hat.

„Cygnus“ beinhaltet alle Stärken der Band, alle Stärken von Julie Christmas und man könnte ihn fast schon als einen Schnelldurchlauf der letzten Alben betrachten, zu deutlich sind die musikalischen und melodischen Ähnlichkeiten zu Songs wie beispielsweise „Ghost Trail“, „In Awe Of“, „Vicarious Redemption“ oder „Eternal Kingdom“. Im Schlussdrittel werden erneut alle Register gezogen und in einer emotionalen Eruption mit enormer Fallhöhe entfesselt. Cult of Luna setzen zum Crescendo an, werfen alle Maschinen an um mit einem großen Knall unser Universum zu verlassen. Christmas wiederholt mantraartig ihre
Beschwörungsformel für unsere Transformation jenseits von Raum und Zeit. Dann Stille. Was für ein Abschluss,es ist wohl nicht zu hoch gegriffen, zu behaupten „Cygnus“ ist einer der stärksten Cult of Luna-Songs überhaupt. Die Produktion ist gewohnt gut, der Sound klingt weder zu steril noch zu organisch, wie man es von Cult of Luna auf den letzten Alben gewohnt ist, die Instrumente sind klar erkennbar und auch die Zusammenarbeit mit Julie Christmas zahlt sich voll und ganz aus. Es wäre unfair, einzelne Instrumente oder einzelne Songparts separat hervorzuheben, da „Mariner“ nur als Gesamtkonzept funktioniert,
somit ist die Platte sowohl thematisch als auch musikalisch die logische Folge von „Vertikal“, natürlich könnte man die einzelnen Teile mit chirurgischer Präzision analysieren, aber das würde sich nicht richtig anfühlen.. Es braucht vielleicht ein paar Durchläufe, bis man das Album in seiner Gänze erfassen kann, gerade weil durch den Stilbruch des „neuen“ Gesangs die Dynamik der bisherigen Alben ein wenig ausgehebelt wird, aber letztendlich hat die Band damit den richtigen Schritt Richtung Weiterentwicklung gemacht.

Bleibt abschliessend nur zu hoffen, dass es nicht das letzte Album der Band gewesen sein wird. Und selbst wenn, einen perfekteren Abschluss hätten sie wohl nicht abliefern können. Dass diese Band mich nunmehr seit 15 Jahren (und damit der Hälfte) meines Lebens begleiten, fällt es mir schwer „Mariner“ mit gesunder Distanz zu betrachten, die Fanbrille wird hier das ein oder andere Mal doch wieder durchscheinen, doch jeder der mit dieser Band bisher im entferntesten etwas anfangen konnte, und vielleicht auch eine gewisse emotionale Bindung pflegt, wird mir dies hoffentlich verzeihen.

Schreibfehler gefunden? Sag uns Bescheid, indem Du den Fehler markierst und Strg + Enter drückst.