The boys and girls of Primavera Sound

„Man könnte hier eigentlich den ganzen Tag nur Bier und Kaffee trinken, Pintxos (baskische Tapas) essen, shoppen, Musik hören und an den Strand gehen”, stellt unser Barcelona und Primavera-Guide in seiner just erworbenen Pacman-College-Jacke fest. Während besagter uns durch schönste Gassen mit Wäscheleinen, Zitronenbäumen, Liebhaber-Lädchen und Bars führt, kann er die Kamera gar nicht wegpacken vor lauter Street-Art. Die Sonne scheint, Freundlichkeit ist das neue Schwarz. Doch das bedeutet nicht, dass sich nicht eben zwei ältere Herren zu einer kleinen Demo vor einer Bank zusammentun und durch das geräuschvolle Mikro in Schulhofmanier „Ladrones, ladrones! (Diebe)“ rufen. Das ist ihr gutes Demorecht. Hier regt sich keiner darüber auf. Ein Festival in dieser bunten Stadt kann eigentlich nur gut gehen – und so war es auch.

Vom 28.-30. Mai 2015 fand bereits zum 15. Mal das Primavera Sound Festival in Barcelona statt. Eine ganze Woche lang fanden sich hierfür 175.000 Musikfreaks auf dem weitläufigen Gelände des Parc del Forúm und den schönen Off-Bühnen in Parks, vor Museen und Theatern ein. Mit insgesamt 365 Performances gab es eine enorme Bandbreite an Genres und Acts zu feiern und zu entdecken. Das vergangene Primavera Sound Festival war ein …

Festival der Freundlichkeit: Die nicht abgesperrte, bestimmt 10 Meter hohe Mauer auf dem Gelände sagt einfach schon alles. Hier ist keiner so daneben, dass man sich darum wirklich Gedanken machen müsste. Man isst Bio, die Pärchen sind gleichgeschlechtlich. Wenn man die Serviceleute fragt, wie es ihnen geht, bekommt man 10% Rabatt.

Festival der Gegensätze: An zwei verschiedenen Tagen bespielen die wummernden Poser von Run The Jewels, die sich selbst die motherf++++ best rap-band in da world nennen, aber eher an Kirmes statt an Abriss erinnern und die deutsche Industrial/Art Band Einstürzende Neubauten um den würdevollen Blixa Bargeld die gleiche Bühne. Statt Sprüche regnet es bei den Neubauten jedoch Nägel. Begeisterung wird hier nicht durch Hüften kreisen und jumpen, sondern fasziniertes Starren ausgedrückt.

Festival der coolen Frauen: Die ehemaligen Rrriot Girls Sleater-Kinney liefern ein kompromissloses Set inklusive anbetungswürdiger „auf den Boden-Leger“ von Gitarristin Carrie Brown ab. Auch die Babes in Toyland lassen sich nicht lumpen. Die Schulmädels und Junge der spanischen Newcomer MOURN erscheinen ungeschminkt, im schwarzen Blazer und weißer Bluse zu ihrer TRAUER-Feier. Des Weiteren lassen sie stark hoffen, dass “Your brain is made of Candy“ nicht der einzige Rotz-Smasher à la „PJ Harvey in jungen Jahren“ bleiben wird. Tori Amos im gülden-schwarzen Gewand zwischen ebensolchen Bösendorfer und Synthie bringt es nicht nur auf den Punkt, sondern zeigt als Hauptact des Samstags, dass sie einfach eine goldene Jahrhundertkünstlerin ist. Von einem heute noch übergroßen „Crucify“ bis zum Synthie-Cover von „You spin me round“ ist die Songauswahl ein mit Bedacht ausgewähltes Geschenk ans Festivalpublikum. Das Primavera ist zudem ein gelungener Start für Patti Smith’s Horses Tour. Fürs Aufhorchen sorgt noch die vielseitig talentierte Iwona des Duos Rebeka, die zusammen mit vielen weiteren, elektronisch-experimentellen Acts aus Polen die H&M Bühne prägt. Am Sonntagabend begeistert außerdem Torres aus Nashville mit ihrer Purheit in Gitarre und Gesang.

Tori Amos @ Primavera Sound 2015

Tori Amos @ Primavera Sound 2015

Festival des Indie und Festival des Mainstream Undergrounds: Während einfach alle zur Primavera Bühne stürmen, um zu den Strokes zu tanzen und mitzusingen, spult Casablancas im schwarz—rot gefärbten Vokuhila und Sonnenbrille bei Nacht einen guten Standard ab. Die Ray Ban Bühne hingegen zeigt Indie-Ikonen wie Howe Gelb mit seiner Band GIANT SAND, die Vollblut sind und Vollgas geben. Auch die gestandenen Emo-Alternative Vertreter Brand New und ihre jüngeren Kollegen The Hotelier sind keine Bands für eine sorglose Tanznacht.

Giant Sand @ Primavera Sound 2015 by Sven Linnert

Giant Sand @ Primavera Sound 2015 by Sven Linnert

Festival der Aufsteiger und überraschenden Kollektive: Die noch vor zwei Jahren nur Liebhabern bekannten Strand of Oaks und Benjamin Booker aus den Staaten sind weiter auf Eroberungskurs. Die Hardcorer von Fucked Up amüsieren nicht nur optisch als crazy bunter, abgehender Haufen. Songs wie „I hate summer“ oder die empfohlene Weed-Diät von lead singer Damian machen den Act zum absoluten Sympathen.

Festival der vielen Bühnen: Fernab vom großen Festivalgelände vor einem Museum im Park, wo Kinder Seifenblasen nachjagen, spielen Sonntagnachmittag die furchtlosen Single Mothers aus Ontario literweise schweißtriefenden Hardcore und Punk. Wer diese Show erlebt, wundert sich nicht über die fehlenden, oberen Schneidezähne des Frontmanns. Es bleibt nichts anderes übrig als sich ganz schnell ein gefrorenes Estrella von den fliegenden Bierhändlern zu besorgen. Um es sich dann auch selbst über das Haupt zu schütten. Die Adiletten des Gitarristen sind so Kult wie die Band selbst. Und wenn man denkt, besser geht’s nicht, setzen sich die südkoreanischen Jambinai mit traditionellen Instrumenten ihrer Heimat an den Bühnenrand eines Theaters in der Stadt. Doch wer an diesem Sonntag meditative Klänge erwartet, wird von der Wucht der aus dem Nichts einsetzenden Wall of Sound von Post-Rock und Metal erschlagen.

Zu bemängeln am Primavera Soundfestival gäbe es nur die grässlichen, ziegelroten Giveaway-Hüte von Firestone sowie die kaum schaffbare Vielfalt an tollen Acts.

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