Im Sommer 2007 gründen vier junge Berlinerinnen eine Band – um im spürbar einseitig männlich dominierten Subgenre des Post-Hardcore einen neuen Namen auf die Landkarte zu setzen: Kill Her First

Gründungsmitglieder Jana März, Gero Crocianelli, Giulia Campagna und Nina Götting ziehen Inspiration von internationalen Bands wie Hawthorne Heights, From Autumn To Ashes, Rise Against, Funeral For A Friend oder Kittie. Gleichzeitig sind solide deutsche Vertreter des Genres spärlich vertreten. 2014 erscheint Kill Her Sexismracismhomophobia First. VISIONS kürt die EP zum Demo des Monats. In Folge wird die Band in die TV-Show Circus Halligalli eingeladen und gewinnt die Aufmerksamkeit des französischen Labels KROD. 2016 erscheint dort die EP Born To Be Strong. Die Single Tightrope erzielt 33000 Views auf YouTube und wird bei StarFM gefeatured. Sophie Schwalbe ersetzt Oliver an der Gitarre. Live hinterlässt Kill Her First nach wie vor Eindruck und spielt Shows mit Cancer Bats oder Ignite.

Nun erschien die neue Veröffentlichung Empty Hands und wir haben einmal dazu mit der Band gesprochen.

Erstmal alles Gute zum Release eurer EP Empty Hands. Das ist die erste Veröffentlichung seit gut 2 Jahren. Wie ist es euch in letzter Zeit ergangen?

David: Nicht ganz – mit “Borders” kam letztes Jahr schon einer der Tracks als Vorab-Single raus. Der Weg zu dieser EP war sicherlich anstrengend – zumal wir selten alle zusammen in einem Raum waren.

Gero: Genau, “Borders” kam so viel früher raus, da wir unsere Studio Termine verschieben mussten. Es war nicht leicht, das ganze Warten. Aber wir haben die Zeit genutzt, um Neues auszuprobieren.

David: Die Arbeit hat sich gelohnt, wir haben ein für uns aufregendes Paket geschaffen – auch visuell mit zwei Vinyl-Varianten und zwei Videos. Jetzt verschnaufen wir alle gerade und freuen uns über die Platte und das tolle Feedback.

Ihr lebt in Berlin und arbeitet teilweise ja auch dort in der Musikindustrie. Ich habe selbst lange dort gewohnt und weiß die Szene und das Angebot dort zu schätzen. Wie geht es der Stadt in Sachen Metal/Hardcore heute?

Gero: Ich habe das Gefühl, dass sich seit der Pandemie die Szene verkleinert hat. Gleichzeitig waren wir mit Kill Her First irgendwie nie wirklich einer Szene zugehörig: Den einen waren wir zu weich, den anderen zu hart – und manchen zu weiblich.

Ich frage einfach mal: Wie erlebt ihr heute im Metal/Hardcore, female-fronted zu sein? Wie hat es sich über die Jahre verändert?

Gero: Es hat sich auf jeden Fall vieles getan. Gerade in den letzten 2-3 Jahren ist eine Veränderung deutlich zu spüren. Und dennoch ist es nicht genug! Ich habe ein tolles Beispiel dafür: Vor ein paar Wochen war die Impericon Never Say Die Tour mit sechs coolen Bands in Berlin, 36 Musiker, davon 0 Frauen.

Was war euch beim Songwriting & Produktion von Empty Hands besonders wichtig? Habt ihr euch auf bestimmte Dinge besonders konzentriert, die ihr anders machen wolltet als zuvor?

David: Alle Songs basieren inhaltlich stark auf Storytelling und Emotionalität – dafür wollten wir musikalisch den passenden Raum schaffen. 2019 haben wir mit “Street Dog vs. Eagle” zum ersten Mal in der aktuellen Besetzung einen Song veröffentlicht, der zum ersten Mal wütender und direkter wurde. Mit den vier neuen Songs behalten wir diesen kompromisslosen Vibe bei, aber haben versucht, stärker unsere Essenz zu finden.

Gero: Bei den Lyrics habe ich mich getraut, persönlicher zu werden. Emotionaler, verletzlicher. Aber auch stets mit etwas Hoffnung gespickt. Und die deutschen Lyrics sind etwas ganz Neues für mich, das war spannend.

Songtitel wie All Wealth is Fiction oder This Ain’t a Cherry-Picking Party lassen ja schon eine gewisse Einstellung erahnen. Wie würdet ihr selbst beschreiben, was ihr in euren Songs vermitteln wollt?

Gero: Zum einen ist es Selbsttherapie für mich, solche Texte zu verfassen. Sie sollen zum Nachdenken anregen. Was will ich? Was sind meine Werte? Als Teenager habe ich zum Beispiel viel Mut und Zugehörigkeitsgefühl in der RIOT GRRRLS Bewegung gefunden, das hat mich geprägt.

David: Unsere Songs transportieren eindeutige Haltung – in der Beziehung sind wir sicherlich dem Hardcore treu. Mit “All Wealth is Fiction” stellen wir zum Beispiel ein gewisses Establishment in Frage – der Titel bietet allerdings auch eine Neudefinition von Reichtum an: Reichtum ist fiktiv. Du selbst entscheidest, was dich reich macht.

Ihr seid beim Berliner Label KROD Records, wo unter anderem auch Chaos Commute neulich ihr Album released haben. Wie hat es euch dahin verschlagen?

Gero: Irgendwie hat alles von Beginn an gut gepasst. Jordan von KROD hat uns von Frankreich aus entdeckt und dann hier besucht. Das war Liebe auf den ersten Blick. Jordan hat uns immer wie einen Rohdiamanten behandelt, der kurz vor der Fertigstellung steht. Dieser Glaube hat uns viel Kraft gegeben.

David: Jordan ist inzwischen Teil der Familie – wir fühlen uns bei KROD sehr wohl. Als Teil eines Rosters zwischen Pop Punk und Indie Rock fühlen wir uns auch keinem bestimmten Genre verpflichtet – das ist mir besonders wichtig. Wir sind froh, Teil eines fein kuratierten, leidenschaftlichen Labels zu sein. Leidenschaft schwappt immer über.

Und was passiert nun? Leider ist das Virus ja immer noch unterwegs, aber vielleicht habt ihr trotzdem Tour-Pläne oder Wünsche?

David: Ich glaube, wir sind uns einig, dass wir uns erstmal von diesem Jahr erholen – aber wir sind optimistisch und haben Lust, die neuen Songs im neuen Jahr live zu zeigen.

Gero: Absolut, Spielen steht ganz vorne! Wir hatten im Oktober eine Show im SO36, wo wir unsere neuen Songs vorgestellt haben. Dieses Gefühl ist das Beste der Welt! Die Energie, die du zurück bekommst, ist wirklich schwer zu beschreiben – total beflügelnd.

Das Interview beantworteten Gero Crocianelli (Vocals) und David Lütke (Schlagzeug).

Titelbild: Foto (c) Angela Regenbrecht

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