Die englische Musikerin und Komponistin Poppy Ackroyd spielt solo eine von Piano und Geige dominierte moderne Klassik mit perkussiven Elementen, Feldaufnahmen und elektronischer Bearbeitung. Dabei setzt sie die Instrumente über das gewohnte Maß ein und entlockt diesen z.B. durch Klopfen, Anreißen mit Plektren und Streichen allerlei zusätzliche Klänge. Seit Februar ist sie mit ihrem neuen Album Resolve auf Tour. Wir hatten im Anschluss an ihren Auftritt in der Bundeskunsthalle in Bonn Gelegenheit zu einem Interview.


Was ist das grundlegende Thema von Resolve? Und was hat dich zu gerade dieser Geschichte inspiriert?

Mir ist bewusst geworden, dass ich im Laufe der letzten Jahre aus deb schwierigeren Ereignissen in meinem Leben eher gestärkt und belastbarer hervorgegangen bin und weniger geschlagen. Ein bisschen wie „Was dich nicht umbringt, macht dich härter“. Dieses Gefühl wollte ich festhalten.

Wie kam es zum Wechsel zu Björks Label?

Derek Birkett von One Little Indian war bei einem Konzert, das ich vor ein paar Jahren im Kings Place in London gegeben habe. Er setzte sich daraufhin mit meinem Verleger in Verbindung. Bald darauf trafen wir uns und die Gespräche begannen.

Du gehst über die „normale“ Art und Weise hinaus, auf die Instrumente gespielt werden. Was hat dich darauf gebracht? Kannst du deine Reise in diese Art von Klängen beschreiben?

Ich studierte Piano auf Master-Ebene. In den letzten Jahren meines Studiums entdeckte ich das Spielen zeitgenössischer Pianowerke und verliebte mich darin. Durch das Spielen von Werken verschiedener Komponisten verfiel ich auch der Idee, das Instrument auf andere Art und Weise einzusetzen, um neue, frische Klänge zu erzielen. Als ich damit anfing, bekam ich die fixe Idee, sämtliche Klänge eines Stücks mit nur ein oder zwei Instrumenten zu erzeugen. Logischerweise fing ich mit den Instrumenten an, die ich selbst beherrsche, und erst seit kurzem habe ich andere Musiker hinzugezogen.

Kannst du uns die Klangwelt des neuen Albums beschreiben? Wie stellt sich diese im Vergleich zu den vorherigen Alben dar?

Bisher hast du nur Saiteninstrumente eingesetzt, aber dieses Mal sind auch Gastmusiker mit Blasinstrumenten dabei. Der Klang des neuen Albums fühlt sich wegen der Gastmusiker sehr viel voller an als bei den vorherigen Alben. Da wären Mike Lesirge mit Flöte und Klarinetten, Manu Delago an der Hang und Jo Quail am Cello. Ich mag den Klang der Blasinstrumente – deren Atmen hat etwas ätherisches, und ich denke, dass Piano und Hang besonders gut zueinander passen.

Welche Verfahren zur Klangerzeugung hast du auf dem neuen Album eingesetzt? Wie hast du die Aufnahmen anschließend bearbeitet? Und auf welche Weise?

Auf dem neuen Album habe ich weitgehend gearbeitet wie schon zuvor. Ich setze das ganze Instrument ein, um eine Reihe verschiedener Klänge zu erzeugen. Manche sind melodisch und manche perkussiv. Grundlage eines Stücks kann entweder ein Melodiefragment, eine Akkordfolge oder eine Rhythmusidee sein. Und manchmal habe ich schon zuvor ein Pianostück geschrieben, das dann das Rückgrat des Stücks wird. Ich wende viel Zeit auf das Bearbeiten und Arrangieren von Klängen auf, um den richtigen Rhythmus, das Gefühl und die Atmosphäre zu treffen. Dazu nutze ich Logic Pro mit einer Reihe von Plug-Ins. Beim neuesten Album habe ich so wenig Bearbeitung wie möglich eingesetzt und versucht, alles gleich so aufzunehmen, wie es klingen sollte – mit Hilfe der richtigen Mikrofone und deren Aufstellung.

Woher nimmst du die Feldaufnahmen und wonach entscheidest du, was du aufnimmst? Sammelst du, was dir auffällt, oder suchst du gezielt nach Dingen, die zu einem bestimmten Stück passen?

Die Feldaufnahmen sollen normalerweise das erzählerische Element eines bestimmten Stücks unterstützen, und ich mag es, wie ihre Klänge sich mit den ungewöhnlicheren perkussiven Klängen vermischen. Ich nehme sie immer für ein spezifisches Stück auf und überlege mir vorher, wo und wann ich etwas aufnehme. Für Rain, ein Stück über eine lange Fahrt durch starken Regen, saß ich mit einem Digitalrekorder in meinem Transporter. Für Glass Sea verwendete ich Aufnahmen von Vögeln und Wellen von der kleinen Insel North Rona, die mein Partner Joe Acheson bei unserem Aufenthalt dort aufgenommen hatte. Das Stück erzählt von einem Ausflug auf die Insel bei ungewöhnlich ruhiger See.

Dieses Mal hast du mit drei Gastmusikern zusammengearbeitet. Wie kam es dazu? Du hast geschrieben, dass du den Gastmusikern im Grunde aufgegeben hast, alle möglichen Klänge zu erzeugen, die ihnen in den Sinn kamen. Kannst du die Arbeitsweise genauer erläutern? War es ein eher zielgerichtetes Vorgehen oder wurde ein Vorrat angelegt, aus dem du dich dann bedienen konntest?

Beides. Ich habe für jeden Musiker kurze Rohentwürfe geschrieben und am Ende der Session wurden einige improvisierte Ebenen hinzugefügt, sowohl melodischer als auch perkussiver Art. Dieses Material habe ich für die endgültigen Stücke dann dramaturgisch neu arrangiert und bearbeitet.

Wie gehst du an das Arrangieren von Stücken für die Live-Aufführung heran? Angesichts des Entstehungsprozesses scheint mir das schwierig zu sein.

Es ist sehr schwierig. Die Stücke sind alle derart dicht strukturiert, dass die Entscheidung schwerfällt, was man spielt und was man auslässt. Ich versuche, live möglichst viel zu übernehmen.

Hast du derzeit außer der Tour noch weitere Projekte?

Ich denke bereits über mein nächstes Projekt nach, möchte das aber noch für mich behalten. Für den Rest des Jahres toure ich noch mit meinem Album, und es wird noch weitere Veranstaltungen geben. Außerdem trete ich noch mit dem Hidden Orchestra auf.

Der feine, ziselierte, schon zerbrechliche Charakter deiner Musik erweckt den Eindruck von Intimität, von großer Nähe. Wie viel von Poppy Ackroyd als Privatmensch steckt darin?

Meine Musik ist sehr ehrlich, insofern findet sich in der Tat viel meiner eigenen Geschichte darin wieder. Ich denke, ich kann ohne Worte viel mehr sagen, aber ich mag auch, dass die Musik von jedem Hörer anders interpretiert werden kann.

Denkst du, dass es in deinem Leben einen entscheidenden Moment gab, der die Art und Weise änderte, wie du über Musik denkst oder sie wahrnimmst? Wie war er?

Es gab davon so viele. Ich weiß noch, dass ich nach dem Studium und viel Spielpraxis in Bands und Improvisieren begann, klassisches Repertoire und alles andere musikalisch anders zu sehen. Dass alles nur ein Lied ist.

Was hat dich dazu gebracht, eine professionelle Musikerin / Künstlerin zu werden?

In bin in einer sehr künstlerischen Familie aufgewachsen. Mein Vater und mein Bruder sind beide Künstler, und meine Mutter betreibt eine Kunstgalerie. Seitdem ich in jungen Jahren erst einmal angefangen hatte, Instrumente zu spielen, habe ich nie wirklich über etwas anderes nachgedacht!

Wie hörst du als Privatmensch Musik? Hast du lieber Stille, läuft sie nebenbei oder konzentrierst du dich nur darauf und hörst zuhause mit der High-End-Stereoanlage?

Ich höre meist über Kopfhörer, wenn ich unterwegs bin. Kürzlich habe ich mir Umgebungsgeräusche ausschaltende Kopfhörer angeschafft. Ich liebe sie! Wenn ich schreibe, höre ich mir viel von dem an, an dem ich gerade arbeite. Denn es ist gut, sich Stücke mit Abstand zum Computer anzuhören, dadurch erhält man eine neue Perspektive. Ich höre auch viel Podcasts. Stille ist bei mir sehr selten!

Vielen Dank für das Gespräch!

Titelbild: (c) Kat Gollock

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