Durch die Bestätigung der 2G+ Regel konnte das Synästhesie Festival mit einem etwas besseren Gewissen besucht werden, wenngleich zugegebenermaßen auch eine Portion naiver Egoismus mitschwingt, wenn die aktuelle Entwicklung der Infektionszahlen beobachtet wird. Zum Einstieg ein Lob an den reibungslosen Ablauf der 2G+ Kontrollen am Einlass.

Einleitend fand ein Talk mit Mark Reeder und Alex Remzi statt, welcher von keinem Geringeren als Wahl-Berliner Eddie Argos moderiert wurde, der noch vor etwa zehn Jahren mit seiner Band Art Brut zu den Stars der Indie-Szene gehört hatte. Hierbei ging es um die Entstehung des Festivals und die allumfassende Entwicklung der Underground-Music-Culture, wieso Berlin noch immer den interessanten Charme der frühen 80er Jahre besitzt und weshalb dies im Gegensatz zu anderen ehemaligen Szenemetropolen heute eher ein Alleinstellungsmerkmal ist. Nach einer kurzen Pause fand im Maschinenhaus das erste Konzert statt.

Das erst kurz zuvor bestätigte Trio Plaisir spielte einen Mix aus Shoegaze, Dreampop und Post-Punk, welcher aufgrund des Sounds leider nicht wirklich überzeugen konnte.

Foto: (c) Alex Koch

Die Zeit drängte darüberhinaus, denn die hochgelobte Band Automatic aus Los Angeles spielte fast zeitgleich auf der großen Bühne des konzeptuell sehr durchdachten und arrangierten Festivals. Mit ihrem minimalistischen Disco-Post-Punk brachten sie die schon zahlreich erschienenen Besucher:innen zum tanzen und performten am Ende ihres Sets ein neues Stück, welches die Wartezeit auf die neue Platte nur noch unerträglicher macht.

Automatic | (c) Alex Koch

Insgesamt vier Bühnen bietet das Synästhesie Festival, die Duchess Box Stage wurde von APTBS Mastermind Oliver Ackerman und seinem Label Dedstrange kuratiert.

Das erste Konzert welches ich aufgrund des doch engen Zeitplans besuchen konnte wurde von Emerson Snowe gespielt, welcher anscheinend ein Geheimtipp in der Berliner Musikszene darstellt seitdem er von Australien in die Hauptstadt gezogen ist. Snowe geistert im Raum herum und sieht aus, als ob der junge Nick Cave eine Rolle in What we do in the shadows angenommen hätte. Im Programmheft wurde geheimnisvoll erwähnt, dass er entweder alleine mit Backing Tracks oder aber auch mit bis zu 7-köpfiger Band spielt. Tatsächlich betrat er alleine die Bühne, aber nach einem Intro stieß seine Band hinzu, welche sich als Berliner All-Stars entpuppten, es standen Mitglieder von Odd Couple und auch den Snoffeltoffs mit dem hageren Vamp auf der Bühne. Musikalisch ging es überraschenderweise in Richtung Folk-Pop mit ordentlich Ohrwurmcharakter. Spätestens beim Just like heaven-Cover von The Cure stand fast keine:r mehr still. Auf Konzertlänge konnte Jarrod Mohan, wie Snowe mit bürgerlichem Namen heißt, nicht ganz überzeugen, jeder Song wirkte ein wenig wie schon gehört, trotzdem bin ich gespannt, wann die erste Single die Charts erklimmen wird.

Emerson Snowe | (c) Alex Koch

Nach dem Newcomer ging es noch für einige wenige Songs zu der am längsten aktiven Band des diesjährigen Festivals. Die Krautrock-Legenden Faust spielten ihr Album IV in voller Länge und lieferten einen solide beeindruckenden Auftritt, welcher, durch die ziemlich üppig besetzte Band, mit einer ziemlichen Wucht durch das industrielle Ambiente wummert. Viele Fans der Band sahen mehr als zufrieden aus und es scheint, als ob die 50 Jahre seit Veröffentlichung des Albums nahezu spurlos an der Band vorbeigezogen sind, zumindest auf die Performance bezogen.

Faust | (c) Alex Koch

Im Anschluss, ich muss wieder mit Superlativen um mich schmeissen, stand der Auftritt der lautesten Band des Festivals (die amerikanische Presse behauptet sogar, dass sie „the loudest band in New York“ seien) an.

A Place To Bury Strangers | (c) Kathrin Molter

A Place To Bury Strangers sind zum ersten Mal in ihrer neuen Besetzung auf deutschen Festivals unterwegs, Oliver Ackerman scheint eine intensive Freundschaft mit Alex Remzi, Besitzer der 8MM Bar und Leiter des Festivals, zu pflegen.

Foto: A Place To Bury Strangers | (c) Kathrin Molter

Neu besetzt mit dem Ehepaar John und Sandra Fedowitz, welche normalerweise als Ceremony (East Coast) unterwegs sind, verwandelten sie das Kesselhaus zu einem wahnsinnigen Stroboskop-Cube, die Gitarren dröhnten, die Drums schlugen auf den Gehörgang ein und der Bass trug die Melodien der Songs. Ackerman zerstörte schon beim ersten Song eine seiner Gitarren, die Band spielte zwei noisige Stücke in reduzierter Form in mitten der Zuschauer:innen und ließen einige Gesichter ratlos aussehen. Es war ein Mix aus alten Klassikern, Juwelen von EPs und einigen eher aktuelleren Songs.

A Place To Bury Strangers | (c) Alex Koch

Das Festival kündigte Vormittags einen „very special guest“ an, welcher den Abend abschließen sollte. Kurz vor Beginn wurde klar: Brian Jonestown Massacre beenden den Freitag. Leider mussten wir das Festivalgelände vor dem Auftritt schon verlassen, uns wurde aber zugetragen, dass die Band ein beeindruckendes Konzert gegeben hat.

Der zweite Tag startet mit Thala, welche mit ihrem überaus innovativen und bombastischen Dreampop schon eine beachtliche Anzahl an Zuhörer:innen anzieht.

Ihre eigene Interpretation des teilweise schon längt ausgeschlachteten Genres überzeugt wohl aufgrund der Einflüsse: sie nennt Beach House, Mazzy Star, aber auch Brian Jonestown als Inspirationsquellen.

Thala | (c) Alex Koch

Das krasse Gegenteil wartete schon auf der kleinsten der Bühnen – Oliver Ackermann gibt ein Death By Audio-Noise Set zum Besten. Mit Pedalen aus seiner eigenen Schmiede macht er fantastischen Krach mit Gitarren, Drumsticks, seiner Stimme oder einfach nur der bloßen Oszillation der verschiedenen Effekten. Es ist mehr als sinnvoll, dass am Merchstand seiner Band Gehörschutz zu erwerben war.

Death By Audio | (c) Alex Koch

Im Kesselhaus wurde schon für den ehemaligen Geheimtipp Anika umgebaut und gecheckt. Ihr Album Change aus dem Jahr 2021 schlug eine etwas andere Richtung ein als ihr schon über 10 Jahre altes, selbstbetiteltes Debutalbum und machte ihre Musik zugänglicher für eine breitere Hörer:innenschaft. Das Album wurde im Alleingang aufgenommen, für die Live-Konzerte stellte die Künstlerin eine neue Band zusammen, in der unter anderem Sally von Gurr und Plattenbau den Bass spielt, welcher so unglaublich prägnant und wichtig in dem stark vom Dub beeinflussten Post-Punk/Dreampop ist. Der Auftritt lud gleichermaßen zum Träumen und zum Tanzen ein, das letzte Viertel bestand aus Songs von dem Debut, die im Festivalkontext eine bessere Wirkung erzielen konnten und endlich stand kein Mensch mehr still. Anika Henderson zeigt erneut, dass von ihr noch viel erwartet werden kann, sie erinnert an eine talentiertere Nico, die vor keinem Genremix halt zu machen scheint.

Anika | (c) Alex Koch

The KVB sind ebenfalls schon länger kein Geheimtipp mehr, dass Duo aus London spielt mit Visuals die ihren Konzerte eine besondere Intensität verleihen. Durch die schillernden Gitarren und die dröhnenden Synthies verwandeln sie das Kesselhaus in eine Art Disco, die Bassdrum scheint für eine ganze Stunde durchzuspielen, durch Ästhetik, treibende Beats und ein Gespür für ein durchdachtes Songwriting erinnern die beiden, auch wenn es musikalisch nicht zwingend die gleichen Genre bedient, an Joy Division, The Cure oder Jesus and the Mary Chain.

Die kurzen Wege auf dem Gelände der Kulturbrauerei sind sehr dienlich, so kann nur kurz zum DJ Seit im Vorraum der Duchess Box Stage getanzt werden, wo zwei Herren einen Mix aus Punk, Funk und HC spielen. Eine perfekte Einstimmung für meine persönliche Überraschung des Festivals: Jealous.

Schon öfters habe ich von der Band gelesen, die Sängerin auf der Halloween Party ihres Kollektivs Baby Satan Records kennengelernt, aber so richtig bewusst war es mir bis zu dem Moment des Konzertes nicht, dass die Musik so unfassbar gut ist. Sie spielen einen Mix aus Punk und Garage mit einer sagenhaften Energie, welche ich sonst nur von HC-Punk-Konzerten kenne. Anscheinend sind viele Leute angetan, es entsteht sogar ein richtiger Pogo-Pulk, welcher der einzige des Wochenendes bleiben sollte. Paz, die Sängerin und Gitarristin des Trios, feierte passenderweise noch ihren Geburtstag „on stage“. Erst vor zwei Monaten erschien die neue EP auf Dedstrange Records, unbedingt reinhören.

Headliner, zumindest im persönliches Rahmen, waren am Samstag Abend Beak> aus Bristol. Schon lange höre ich die Platten des Trios bei welchem unter anderem Geoff Barrow von Portishead am Schlagzeug sitzt. Durch den brillanten Sound, die Location und die Setlist konnte die Band in jeglicher Hinsicht mehr als überzeugen. Die Gruppe spielt einen Mix aus hypnotisierendem Rock und elektronischen Drones und jeder Menge Groove. Kaum vorstellbar, dass das Debut innerhalb weniger Tage in Bristol aufgenommen wurde – jeder Song klingt wie ein Jam und doch so durchdacht und ausgeklügelt, sodass keine:r aus dem Nicken rauskommt.

Beak> | (c) Alex Koch
Beak> | (c) Alex Koch

Apropos: die Jungs haben das erste Album von Anika produziert und zwei Songs von eben diesem (mit)geschrieben. Im Allgemeinen steht beim Synästhesie Festival die Zusammenhänge vieler Bands und Künstler:innen im Vordergrund. Als kleines Beispiel: der Drummer von Brian Jonestown sitzt ebenfalls bei Jealous an den Drums – und bei Error! Vielleicht wird auch schon nur dadurch klar, was Mark Reeder im Eröffnungstalk damit meinte als er davon sprach, dass Berlin auch noch heute die interessanteste Stadt der Welt sei. Sonst würden mit Sicherheit auch nicht immer wieder Künstler:innen aus der ganzen Welt zahllose Konzerte in der Hauptstadt spielen.

Leider mussten wir das Festival auch Samstags ein wenig früher verlassen, weshalb wir das Konzert von Plattenbau nicht mehr sehen konnten – Videos bezeugen allerdings, dass auch sie nicht ohne Grund ab sofort bei Dedstrange Records unter Vertrag sind und dort bald ihre neue Platte veröffentlichen werden.

Das Synästhesie Festival scheint alleine aufgrund der doch recht kleinen Kapazität der Location eine Art Geheimtipp zu sein, trotz des vorzüglichen Line-ups, welches nicht nur im Jahr 2021 ohne einen einzigen Ausfall total begeistern kann.

Titelbild: A Place To Bury Strangers | (c) Alex Koch

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