Auf den engen Gängen vor den Toiletten drängeln sich Menschen aneinander vorbei, ein Ende 20-jähriger Mann und eine Anfang 60-jährige Frau treffen zufällig aufeinander und sind beide erstaunt, der jeweils anderen Person auf einem Get Well Soon Konzert zu begegnen – ein mal mehr Ausdruck der Tatsache, welche Strahlkraft das Projekt Groppers mittlerweile erreicht hat und was für unterschiedliche Menschen hier aufeinander treffen.

Als man sich Anfang Oktober gerade so daran gewöhnt hatte, dass das penetrante Sommerwetter überwunden und der Winter im Anmarsch sein würde, kehrte die Hitze doch noch mal für einige Tage zurück. Wenngleich klirrende Herbstkälte ein besseres Ambiente als ein lauer Sommerabend geboten hätte, tummelt sich am Freitagabend ein buntes Sammelsurium aus Menschen unterschiedlichsten Alters auf der spätsommerlichen Odermannstraße mitten in Leipzig-Lindenau, um Konstantin Gropper alias Get Well Soon mit seiner Präsentation des neuen Albums „The Horror“ beizuwohnen.

Austragungsort ist das Leipziger Westbad, einstmalig eine Schwimmhalle, heute eine charmant-unglamourös eingerichtete Konzertlocation. Als Voract hat Gropper Sam Vance-Law engagiert, einen jungen kanadischen Künstler, dessen Debütalbum „Homotopia“ Anfang dieses Jahres erschien und von Gropper selbst produziert wurde. Wie der Titel selbst bereits andeutet, ist das bestimmende Thema von Vance-Law die sexuelle Abweichung inmitten einer einfältig-einengenden Gesellschaft. Lakonisch, zwischen Ironie und Einsamkeit wankend singt er „I love god and he doesn’t love me, cause I’m a faggot“, und seine Offensivität ist deshalb so wohltuend, weil sich keiner im Publikum fragt, ob man darüber nun lachen darf oder nicht. Sein Auftreten ist charmant und selbstironisch, man könnte sich ihn bisweilen gut inmitten einer US-amerikanischen Late-Night-Show vorstellen. Zwischendrin versucht er bedauerlicherweise, das Publikum mit lokal-patriotischen Salven einzulullen, indem er betont, wie toll ihm Leipzig im Gegensatz zu München gefallen habe, wo er einen Tag zuvor gespielt habe. Nun ja.

Nach seinem Auftritt folgt eine ca. 15 minütige Umbauphase. Auf den engen Gängen vor den Toiletten drängeln sich Menschen aneinander vorbei, ein Ende 20-jähriger Mann und eine Anfang 60-jährige Frau treffen zufällig aufeinander und sind beide erstaunt, der jeweils anderen Person auf einem Get Well Soon Konzert zu begegnen – ein mal mehr Ausdruck der Tatsache, welche Strahlkraft das Projekt Groppers mittlerweile erreicht hat und was für unterschiedliche Menschen hier aufeinander treffen.

Danach wird das Betreten der Bühne von Gropper und seiner 13-köpfigen „Big Band“, wie er sie selbst nennt, frenetisch bejubelt. In der ersten Hälfe des Konzerts präsentiert er hauptsächlich Songs aus dem neuen Album „The Horror“, was im Gegensatz zum Frühwerk des Projekts deutlich opulenter instrumentiert und vielschichtiger arrangiert ist. Neben der klassischen Besetzung aus Gitarre, Bass, Schlagzeug und Gitarre sind gewohntermaßen Popmusik-untypische Instrumente integriert, inklusive vier Bläsern, vier Streichern, Vibraphone, Harmonika und einem perkussiv eingesetzten Jogger. Vorherrschende Themen sind Angst und Albträume, entsprechend düster und schwermütig fallen die Songs aus. Leise Momente wechseln sich mit lauten und eindringlichen Stellen ab, Reminiszenzen an die Epoche der Romantik paaren sich mit zurückgenommenen, folkigen Elementen. Ein Höhepunkt stellt das Duett in „Nightmare No. 2“ mit Sam Vance-Law dar, der ansonsten als Violinist Teil seiner Band ist. In der zweiten Hälfte dominieren Songs seiner früheren Alben, unter Anderem drei seines Vorgängerwerks „Love“. Dessen Hit „It’s Love“ beendet dann den regulären Teil des Konzerts, bevor die Band für eine Zugabe von zwei Songs erneut die Bühne betritt und sich anschließend auf klassisch-orchestrale Weise mit mehrfacher Verbeugung vom Publikum verabschiedet.

Titelbild: (c) Luca Glenzer

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