Refugees, die erste Single von EDEs für das Frühjahr 2023 angekündigte Album Mercy! Mercy! rangiert zwischen TripHop und Kraut Pop.

Punks, Dissident:innen und Liedermacher:innen ereilte zu Zeiten der DDR und innerhalb durch die Ostmächte kontrollierten Berliner Stadtbezirke bis hin zum Mauerfall 1989 meist das gleiche Schicksal. Unerwünscht, unterdrückt und mundtot gemacht wurden viele Musiker:innen, die nicht mit der Staatsmacht kooperierten, oder gar finanzielle Unterstützung in Anspruch nahmen, früher oder später mit Auftritts- und Veröffentlichungsverboten konfrontiert.

EDE wandte sich ab Mitte der achtziger Jahren dem Spielen und Komponieren unterschiedlichster Musik zu, fungierte hinter dem Schlagzeug in Kalle-Winklers Liedermacher-Band (ostdeutscher Herkunft), fühlte sich peinlich berührt, bekam man doch damals häufig zu hören, die eigenen Lieder klängen wie hier und dort schon bekannt gewordene Künstler:innen. In heutigen Zeiten darf ein gleicher Umstand genau umgekehrt, als ein Kompliment angesehen werden und entzieht sich relativ staubfrei der Kategorie Retro. Der gelernte Krankenpfleger verbrachte gerne seine Freizeit in der Madonna Bar, vielleicht fungierte sie für ihn als sein zweites Wohnzimmer und aus jenen Epochen des Kalten Krieges könnte uns EDE mit Sicherheit mehr als ein dreckiges Dutzend solch verwegen und verrückt klingender Kreuzberger Stories erzählen.

Nach dem Fallen des Eisernen Vorhangs welcher den Untergang der UDSSR einleitete, nahm der Musiker Gesangsunterricht, gewann 1992 mit seiner Formation Private Talk den Hard Rock Cafe-Wettbewerb und auch Jealous Deer profitierten von seinen Gesangsstunden zu Beginn der neunziger Jahre.

Satte dreißig Jahre und eine Pandemie später kündigt der seit 2004 in Hamburg lebende Künstler an, Anfang 2023 sein allererstes Solo-Album, ein Spätwerk sozusagen zu veröffentlichen, auf dem aktuell arrangierte und überarbeitete Songs enthalten sein werden. Höchstwahrscheinlich entsprangen diese nicht mehr einer Fricke-Box, aber voller Frische, altem oder neuen Wave, Krautrock und einigen Captain Beefheart-Zitaten dürften sie allemal sein. Auch EDE, gefangen in den eigenen vier Wänden während des ersten Lockdowns, zückte seine Instrumente und nutzte mehr als hörbar die ihm zur Verfügung stehende Zeit der Isolation und werkelte an einem Berg von liegengebliebenen, unfertigen musikalischen Ideen.

Überhören lässt sie sich nicht, die mit tiefer Stimme und leidenschaftlichen Arrangements ausgestattete Feinjustierung, die von dunkel angehauchter Aura lebt und den Geist der längst in die Pop-Historie eingegangenen Hochphase des Kraut-Rock reflektiert und so in dieser Art vielleicht doch noch nie niemand zu Hören bekam.

Seziert in kleinere Bestandteile können geneigte Hörer:innen Nuancen von David Bowie bis Talking Heads ausmachen und und und …

EDEs erste Single Refugees, darf heute, hier und jetzt mit Freude, seitens Pretty in Noise präsentiert werden und stimmt hervorragend in die dunklere Jahreszeit ein.

Titelbild: EDE | (c) Cecile Ash

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