Eins sei vorab klargestellt: Der Autor dieser Zeilen konnte Comics – egal welcher Art – nie wirklich etwas abgewinnen. Zu schrill die Farben, zu eckig die Formen, und dann auch noch die überbordend oft genutzten Satzzeichen (???/!!!). Für eine eigene, fundierte Kulturkritik des Comics hat es zwar nie gereicht, aber die Affekt-geladene Ablehnung (die wohl hartnäckigste Form der Ablehnung überhaupt) blieb lange und unbeugsam bestehen. Daher schien klar: Wenn überhaupt irgendwie ein Einstieg in die alles in allem fremd gebliebene Welt des Comics gelingen konnte, dann nur über den Umweg eines überaus verlockenden Köders inhaltlicher Art, der die Vorbehalte gegenüber der unliebsamen Form ein wenig abmildern könnte.

Womit wir bei der hier vorliegenden Buchveröffentlichung sind: Sie wollen uns erzählen – Zehn Tocotronic-Songcomics heißt ein vor kurzem erschienener Comicband. Und tatsächlich hat er es als erster Comic überhaupt in das Bücherregal eben jenes Autoren geschafft und mehr noch: Er hat ihn sogar gelesen („VON VORNE BIS HINTEN!!!“, um es in der Sprache des Comics auszudrücken). Und was soll man sagen? Der Autor ist verliebt und reumütig gleichermaßen: Wie konnte er diesem knuffigen Format 28 Jahre seines Lebens die ihr gebührende Liebe und Anerkennung verweigern?

10 Comiczeicher:innen haben sich in diesem vom Mainzer Ventil-Verlag herausgegebenen Band 10 verschiedener Songs der Band Tocotronic angenommen. Chronologisch geordnet, wird jeder Comic mit zwei kurzen Texten von Sänger Dirk von Lowtzow sowie der jeweiligen Zeichner:in eingeleitet. Von Lowtzow skizziert darin mal seine Beziehung zum entsprechenden Song, mal dessen Entstehungsgeschichte – und ein mal mehr offenbart sich in diesen Texten seine Fähigkeit, auch jenseits der Formats „Songtext“ pointiert, witzig und und manchmal auch einfach nur süß zu schreiben.

Das Intro wird von Jim Avignon „gespielt“. Er interpretiert (stilsicher, wie wir ihn kennen) den Song Digital ist besser vom gleichnamigen Debütalbum. Laut von Lowtzow geht es in diesem Lied „lediglich um Digitaluhren“, aber damit untertreibt er natürlich ein bisschen, denn am Ende geht es, wie meistens bei Tocotronic, um viel mehr: Um den Platz in einer Gesellschaft, die einen komisch beäugt, und deren Korsett offensichtlich so eng geschnürt ist, dass die wie auch immer gesinnten „Anderen“ (in diesem Falle die Digitaluhren-Träger:innen) vor der Wahl stehen: Anpassen – oder draußen bleiben.

Besonders gelungen ist außerdem der Comic Der schönste Tag in meinem Leben von Tine Fetz, der die mangelnde Kompatibilität von (nostalgischer) Erinnerung und (trister) Gegenwart thematisiert und dabei schlicht in schwarz-weiß gehalten bleibt. Auch die Interpretation des Tocotronic-Evergreens Aber hier leben, nein danke von Eva Feuchter ist fesselnd und entfacht durch das bloße Blättern und Bestaunen der Seiten einen regelrechten Rauschzustand. Und nicht zuletzt sei die Bebilderung zu Warte auf mich auf dem Grund des Swimmingpools von Julia Bernhard hervorgehoben, die ihren Comic mit den so schönen wie wahren Worten Roland Barthes einleitet, nach denen derjenige verliebt ist, der wartet. Und so verdeutlicht sie auch mit den dann folgenden Bildern, wie unerträglich das Gefühl der totalen Hingabe sein kann, wenn man warten muss, und wie schön es dann wiederum ist, wenn diese Unerträglichkeit – wie in dem vorliegenden Comic – am Ende in Harmonie und Zärtlichkeit aufgeht.

Selten, oder vielleicht nie wurden die Songs von Tocotronic so schön interpretiert wie hier. Jedes „Cover“ ist auf seine ganz eigene Art und Weise gelungen, und die Qualität und Eindringlichkeit der Comics ist spätestens dann erwiesen, wenn ihre Bilder im Zuge des allabendlichen Parkspaziergangs vor dem inneren Auge erscheinen, während die Stimme Dirk von Lowtzows aus den Kopfhörern erklingt und zärtlich singt: „Ich gebe dir alles, und alles ist wahr – Electric Guitar“.

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