Treibender, unbequemer Post-Punk, hektisch, melodiös und wunderbar schräg.

Vö: 19.05.2017

Späti Palace

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Kala Brisella machen Post-Punk mit Noise Anleihen. Das ist jetzt hierzulande weder etwas neues, noch etwas besonders innovatives. Doch während bei vielen anderen Bands des Genres zum gefühlt tausendsten Mal die ersten beiden Joy Division Alben zitiert werden und alles zu einem mumpfigen Wavebrei verkocht wird, rockt es bei den Berlinern äußerst ordentlich!

„Braun Oral“ ist mitnichten eine Werbesong für Zahnpflegegeräte, sondern eine dadaistisch-zynische Aufforderung, in den richtigen Moment die Fresse zu halten. Angenervt und garstig klingt Jochen Hakers Gesang, bis die melancholischen Gitarren zum Ende hin wieder eine andere Sprache sprechen. Die Krachwände von „Flächen“ sind fett und mächtig und trotzdem gelingt, es sie für leisere Passagen mit kryptischen Texten zu durchbrechen. Eine perfekte Symbiose aus Ausbruch und Beruhigung! „Endlich Krank“ treibt alles nach vorne, verzerrte Riffs, kräftige Dissonanzen geben nur schwerlich Melodien frei, Bass und Drums bilden ein dynamisches Gerüst. Plötzlich macht der eigentlich irrsinnige Wunsch sich von seiner Gesundheit zu verabschieden absolut Sinn! Tiefenphilosophie und balladeske Stimmung gibt es dann mit „In meinem Innern“, verquer und undurchsichtig, man fühlt sich an Bands erinnert, die in den 90ern in Hamburg eingeschult wurden. Die Gitarre von „Im Quartier“ knarzt zäh und schwer aus den Lautsprechern, greifbare Melodien bleiben vorerst im Verborgenen. Plötzlich ist die Zerre weg, die Stimmung wird ruhiger und auch der Herr Haker scheint seinen Zorn für einen Moment in Zaum halten zu können. Er klingt sogar fast schon arrogant-schnöselig. Großartig! „Planet“ fetzt in weniger als einer Minute alles weg, anders kann man das nicht sagen. Alles übersteuert, die Stimme überschlägt sich, hier haben wir den Punk im Post-Punk. „Immer neu immer fresh“ brutzelt noch im gleichen Stil weiter und gibt noch viel mehr von Hakers charismatischer Stimme preis. Der Text ist (so denkt zumindest der Rezensent) als Kritik an der modernen Gesellschaft zu sehen. „Der Schlaf in meinen Augen“ schleppt sich dahin, man kann sich augenblicklich damit identifizieren, so lebhaft und nachvollziehbar wird hier Stimmung erzeugt und ein lethargischer Lovesong geschaffen. Alles gewandet in noisigen Postrockgitarren. „Alles zerreisst“, ja ganz bestimmt, ich glaube in Anbetracht der Fuzzsalven jedes Wort! Die „Kids“ sind vermutlich wieder in den Straßen der großen Hansestadt aufgewachsen. Hier wird es dann musikalisch auch mal etwas versöhnlicher, was sich gegen Ende des Albums auch wirklich gut ins Konzept einfügt. Das finale „Wenn Du Sprichst“ nimmt den Dada-Charakter des Openers auf verweist wieder auf den Anfang. Wir drehen die Platte noch einmal rum.

Was die Vinylqualität angeht, gibt es auch überhaupt nichts zu meckern. Alles sehr wertig verarbeitet, gerade und klanglich einwandfrei. Man hätte eine gefütterte Innenhülle verwenden können, aber das ist Kritik auf hohem Niveau.

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