Knapp 2,5 Jahre ist es her, dass Mogwai, die schottischen Großmeister des Post-Rock, zum letzten Mal in Nordrhein-Westfalen unterwegs waren. Eine (viel zu) lange Zeit. Nach dem Release des neuen Albums „Rave Tapes“, welches mit gemischten Gefühlen von den Fans aufgenommen wurde, ist es also wieder Zeit für eine ausgiebige Tour. In NRW macht die Band im Kölner E-Werk halt. Die Zeit bis zum Beginn nutzen die meisten Gäste dazu, an diesem schönen Apriltag das Wetter draußen vor der Halle zu genießen oder die frisch zuvor gekauften, aber nicht mit reinnehmbaren Zweiliterflaschen Orangensaft und Wasser in sich hineinzuzwängen. (Keine Gute Idee.)

Gut zehn Minuten vor dem eigentlichen Beginn startet bereits der Toursupport Pye Corner Audio. Dabei handelt es sich um einen einzelnen Herren, der hinter seinem Tisch voller technischer Spielereien einen seichten, recht entspannten Elektrosound hervorbringt. Er liefert damit einen soliden Einstieg in den Abend und die Musik bringt auch hier und da einige Leute zumindest dazu, im Takt mit ihren Fuß zu wippen. Es wirkt allerdings allgemein eher so, als wäre der Herr nur dazu da, den Fans mit zugegeben recht angenehmer Hintergrundmusik das Warten zu verkürzen. Das spiegelt sich auch in der Lautstärke wieder, die so leise ist, dass das Führen einer Unterhaltung problemlos möglich ist. Etwas schade ist es schon, aber wenn wir ehrlich sind, ist der Support bei Mogwai auch eher Nebensache. Insofern: Alles richtig gemacht.

Pünktlich um 21 Uhr geht das Licht aus. Das E-Werk hat sich mittlerweile angenehm gut gefüllt, ohne dass es vor der Bühne allzu eng wird. Die Band betritt unter großem Applaus die Bühne. Ein kurzes Umlegen der Instrumente, ein kurzer Blick, ob alle bereit sind. Dann startet das Set mit dem Opener des aktuellen Albums „Heard About You Last Night“ und es dauert keine halbe Minute, bis der typische Mogwai-Sound das ganze Pulikum gefangen hat. Die erste Gänsehaut stellt sich spätestens mit der für den Song charakteristischen Pianomelodie ein. Der Song weiß live zu gefallen, ebenso wie die anderen drei neuen Songs, die gespielt werden. Wurde auf Rave Tapes die etwas flache Ausgestaltung der Songs bemängelt, die zu elektronisch orientierte Produktion, fügt sich hier alles sehr gut in das Gesamtbild ein: Alles ist zwar mogwaitypisch elektronisch angehaucht, aber doch analog, human und fett. Für die besonderen Momente sorgen aber weiterhin die älteren Stücke – mit einem solchen geht es auch gleich weiter. „Travel is Dangerous“, einer der wenigen Songs mit Gesang, leitet perfekt über zu „I’m Jim Morrison, I’m Dead“. Es fällt schwer zu beschreiben, wie gut dieser Song live ist. Der ganz langsame Spannungsaufbau, die Musik, die immer lauter wird. Ganz langsam, aber doch merklich. Immer weiter, bis es mit Einsetzen des Pianos zum endgültigen Ausbruch kommt. Dabei mit geschlossenen Augen vor der Bühne zu stehen vermittelt einem den Eindruck, als wäre man ganz allein mit der Musik. Als würde die Band im eigenen Wohnzimmer spielen. Vor uns machen Personen Fotos mit ihren Handys. Es sind zwar angenehm wenige, aber leider doch vorhanden. Warum? [Anmerkung des Co-Autoren dieses Artikels: In meinem Fall, damit da oben ein Artikelbild erscheint. Aber ja, Handykonzertpermanentmitfilmer sind für den Popo.] An dieser Stelle gibt es nur eine Sache, die wichtig ist: Den ganzen Moment in sich aufsaugen, die Atmosphäre, die Melodie, die Klänge, die in perfektem Sound durch die Halle schwirren. Ein Foto des recht schlicht gehaltenen Bühnenbildes im Stile des aktuellen Albumscovers mit ein paar blinkenden Scheinwerfern kann nicht einmal ansatzweise diesen Moment beschreiben. Ein wenig Schade übrigens, dass man hier auf die in der Vergangenheit verwendeten Visualisierungen und Projektionen verzichtet hat – aber gut, auch simples grünes-Licht-an-blaues-Licht-aus baut in Kombination mit dieser Musik und diese Wucht genug Atmosphäre auf. An dieser Stelle noch ein Wort zum Sound: Der Soundmann hat einen, vielleicht sogar mehrere Orden verdient für diese Klanggewalt. Es ist laut. Und mit laut ist nicht normale Konzertlautstärke gemeint, sondern ohrenbetäubender Lärm. Manowar und Motörhead, die weichgespülten Möchtegernlautstärkenpioniere, würden angesichts der Soundwand weinend in einer Ecke kauern und ihre Lederhosen einnässen. Laut meint hier wirklich laut. (Zweifelhaftes Selbstexperiment: Ohne Ohrenschützer konnte man nach drei Tagen immerhin wieder halbwegs normal hören.) Bei all diesem Lärm ist der Sound aber immer noch makellos. Man hört alles, jeden Gitarrenanschlag, jeden Pianoton, jeden Schlag auf die Drums, selbst der auf Konzerten oftmals schändlich vermatschte Bass ist in allen Nuancen zu erkennen. Ganz, ganz großes Tennis, was den Besuchern hier präsentiert wird. Die Band scheint darüber hinaus auch gut drauf zu sein. Bandleader Stuart Braithwaite, der häufiger eher durch einen grimmigen Blick auffällt, lächelte heute erstaunlich oft. In den Pausen wird sich wie immer artig bedankt, wenn auch immer mit dem gleichen „Dankeschön, thank you!“. Große Reden werden aber keine geschwungen. Wozu auch? Die Musik spricht für sich selbst. Wie beispielsweise „White Noise“, bei welchem auch die Violine zum Einsatz kommt. Der Song hat sich fest in der Setlist etabliert und sorgt auch für Gänsehautmomente. Von „Hardcore Will Never Die, But You Will“ finden auch insgesamt vier Songs den Weg ins Set, denn im späteren Verlauf werden noch „How to Be a Wherewolf“ und „Mexican Grand Prix“ gespielt. Abgeschlossen wird der erste Teil des Auftritts mit „We’re No Here“. Sicher ein ungewöhnlicher Titel für einen Abschluss, aber er verfehlt seine Wirkung nicht. Der Sound ist mittlerweile so laut, dass man sich wahrscheinlich selbst vor dem E-Werk die Ohren zuhalten muss. Der Song donnert mit voller Wucht auf die Besucher ein. Brachial, gewaltig, ohrenbetäubend, einfach gut. Dann herrscht Stille. Mogwai verlassen unter großem Applaus die Bühne, der auch nicht abreißen will. Da währenddessen von Roadies bereits Gitarren gestimmt werden ist klar: Hier wird es eine Zugabe geben. Und was für eine! Die Band betritt die Bühne ein weiteres Mal und es wird „Hunted by a Freak“ angestimmt. Im Publikum gibt es kein Halten mehr. Der Song bekommt noch während der ersten Takte mehr Beifall als manche Bands für ihr gesamtes Set – verdientermaßen. Die wunderschöne Melodie gepaart mit dem elektrisch stark verzerrten Gesang bringt alle auf eine ganz andere Gefühlsebene. Wieder ist man gefangen im Mogwaiuniversum. Ein Entkommen daraus gibt es auch beim nachfolgenden „Auto Rock“ nicht, welches wohl durch diverse Verwendungen in Film und Fernsehen der wohl bekannteste Song der Band ist. Auch hier beginnt es wieder ganz leise. Die Melodie setzt ein, verzaubert innerhalb von Sekunden, hält einen in ihrem Bann. Der Song kommt heute deutlich elektronischer daher als bei den letzten Touren. Es wird lauter, und lauter, und lauter. Die Melodie verliert keinen Deut von ihrer Schönheit. Die Haare an den Armen richten sich auf. Gänsehaut. Überall. Um uns herum Hunderte Menschen, gebannt auf die Bühne blickend oder mit geschlossenen Augen, ganz für sich allein. Jeder genießt auf seine eigene Art und Weise. Es könnte ewig so weitergehen. Dass heute leider Songs wie „Friend oft he Night“ und „Mogwai fears Satan“ nicht gespielt werden könnte in diesem Moment nicht egaler sein. Überhaupt wäre es vermutlich möglich, eine dreizehn Songs umfassende Setlist mit zufällig ausgewählten, querbeetesten Mogwaistücken zu füllen und trotzdem ein großartiges Konzert zu haben. Dass Mogwai selbst einen Uraltschinken wie Ithica 27ø9 (Erst-VÖ: 1996!) bei ihrem gigantischen, vielseitigen Katalog spielen, zeugt von Selbstbewusstsein und dem Willen, den Fans jeder der unterschiedlichen Mogwaivarianten einen tollen Abend zu bieten. Anschließend wird zum gewaltigen Finale angesetzt. Bis auf den Schlagzeuger stehen nun alle Mogwai-Mitglieder, inklusive einem vor Vorfreude grinsenden Barry Burns, an den Saiteninstrumenten. Kurz Stille. Dann: Laut. Gänsehaut. Batcat. Ein letztes Mal werden die Gehörgänge der Besucher bis zum Äußersten strapaziert. Mogwai waren vorher schon laut, aber dieses Finale ist unbeschreiblich in seiner Wucht. Und welcher Song wäre dafür besser geeignet als „Batcat“? Man wird fast erdrückt von der Soundgewalt, die die Jungs aufbauen. Die Gitarristen hämmern auf ihre Instrumente ein als gäbe es kein Morgen mehr. Ein kurzer ruhiger Part in der Mitte des Songs sorgt noch einmal für eine kurze Verschnaufspause, bevor ein für das Ende aller Register gezogen werden. „Batcat“ überbietet „We’re No Here“ in allen Dimensionen noch ein Mal um Längen. (Im übrigen bleibt der Sound auch bei diesen übernatürlichen Klangwänden transparent… zumindest, soweit ich das noch beurteilen konnte zu dem Zeitpunkt.) Es ist der perfekte Abschluss eines großartigen Konzertes. Als Mogwai die Bühne verlassen, hält der Beifall noch lange an. Die Band hat es sich redlich verdient. Beim Verlassen des E-Werks sind viele Leute damit beschäftigt das Erlebte für sich zu verarbeiten oder einfach nur auf der Suche nach ihrem nicht mehr vorhandenen Gehör.

Mogwai haben an diesem Tag wieder einmal eindrucksvoll bewiesen, dass sie zur absoluten Spitze des Post-Rocks gehören und ihnen live so schnell keiner was vormacht. Perfekt die eigenen Stücke spielen können viele, aber eine so in jedem Aspekt (bspw. Songauswahl und Songarrangement) einzigartige, lohnenswerte Show wie Mogwai bieten wenige. Noch viel deutlicher wird das vielleicht dadurch, dass dieses Konzert trotz der oben beschriebenen Genialität nicht das Beste ist, was die PiN-Reporter je von dieser Band gesehen haben. Also ein Aufruf an alle Leute, die mit Mogwai auch nur im Entferntesten etwas anfangen können: Bei der nächsten Tour ein Konzert mitnehmen, Gehör verlieren und etwas Wunderbares erleben.

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