Knapp sechs Monate sind seit meinem letzten Konzertbesuch vergangen. Damals zerlegten The Rival Mob das Jugendzentrum KavKa nach allen Regeln der Kunst. Auch heute ist an gleicher Stelle Großartiges zu erwarten, denn Cold World spielen nach zweijähriger Abstinenz auf europäischen Boden einen von vier exklusiven Auftritten. Da die anderen Orte (2x Hamburg und Leeds) noch weitere Strecken mit sich gebracht hätten mache ich mich also ein weiteres Mal auf den Weg nach Antwerpen. Zusätzlich spielen dort Stick Together im Rahmen des Konzertes ihre erste Show in Europa.

Die Anfahrt gestaltet sich unspektakulär und nachdem im Parkhaus unter höchster Vorsicht neben einem Ferrari eingeparkt wurde, wird anschließend zuerst einmal in der Stadt eine kleine Stärkung zu sich genommen. Dabei verpasse ich die erste Band Wild Life vollständig, was allerdings verschmerzbar ist, da die Jungs mich in der Vergangenheit live noch nicht überzeugen konnten.

Als nächste Band stehen Appraise aus Spanien in den Startlöchern. Die Band aus Barcelona bietet melodischen Hardcore, der allerdings völlig untergeht. Es werden in recht engagierter Manier viele Songs des am Donnerstag erscheinenden Albums gespielt. Das wird aber vom Publikum in keinster Weise honoriert. Der Raum ist generell nur wenig gefüllt (trotz ausverkauftem Konzert), da es viele noch vorziehen ihre Zeit bei sonnigem Wetter mit einem Plausch im Innenhof zu vertreiben. Die Leute, die den Weg in den Konzertsaal gefunden haben stehen stocksteif da und spenden höchstens Höflichkeitsapplaus. Es wird einfach deutlich, dass die Besucher, und an dieser Stelle schließe ich mich nicht aus, vor allem auf die letzte Band warten. Der schlechte Sound gerät dabei fast zur Nebensache.

Coldburn aus Leipzig starten zurzeit mächtig durch. Dass diese Tatsache auch Belgien erreicht hat beweist der kleine aber feine Haufen Fans, die in der ersten Reihe die Texte eifrig mitsingen. Es könnte allerdings auch daran liegen, dass ein Großteil der Besucher heute extra aus Deutschland angereist ist. Wie auch immer, Coldburn spielen ein solides, aber recht kurzes Set. Der Sound ist mittlerweile etwas besser, aber noch lange nicht gut. Vor der Bühne finden sich weitere Leute ein und ein paar Leute setzen sich erstmalig in Bewegung. Auch die ersten Stage Diver sind zu beobachten. Bei mir will der Funke heute allerdings nicht überspringen. Im Gegensatz zu den letzten Shows der Herren in Köln und Essen, die ich gesehen habe, fällt die heutige ein wenig ab. Es ist keineswegs ein schlechtes Set, aber eben „nur“ okay.

Durch eine weitere Stärkung vor den letzten beiden Bands sehe ich von den Local Heros von Redemption Denied nur die letzten beiden Songs. Bei diesen ist allerdings alles wie immer. Der Hardcore im Stile der alten Hatebreed Platten lässt das Publikum ziemlich steil gehen. Singalongs und Stage Dives dürfen dabei, vor allem beim letzten Song „Face The Silence“ nicht fehlen. Genauso wie Coldburn werden die Jungs aus Belgien weiter durchstarten. Dazu spielen sie im Anschluss an dieses Konzert ein paar Gigs mit Backtrack.

Nun beginnt für die meisten der spannende Teil des Abends. Stick Together machen sich bereit und heizen dem Publikum in der nächsten halben Stunde ordentlich ein. Die Band hat es endlich nach Europa geschafft nachdem die Tour mit Soul Search vor zwei Jahren leider abgesagt wurde. Der Sound der Jungs im Stile alter Youth Crew Hardcore Bands eignet sich perfekt für Singalongs und Stage Dives. Groovige, schneller Riffs laden jeden dazu ein sich in Bewegung zu versetzen. Ein Lob gebührt außerdem dem Sänger, da er für klare Lichtverhältnisse sorgt. Bis zu diesem Set ist es nämlich viel zu Dunkel im KavKa und nur dank der Beharrlichkeit des Sängers werden nun dauerhaft Lichter auf die Bühne gerichtet. Das Zugucken ist so gleich viel angenehmer. Neben altbewährten Sachen werden im Verlauf des Sets auch neue Songs gespielt. Die Band veröffentlicht im Sommer ein neues Album und präsentiert vorab schon einmal ein paar Stücke von diesem. Insgesamt ist es ein guter Gig und macht Lust auf den Abschlussact des Tages.

Vor Cold World positioniere ich mich ungefähr in der 10. Reihe. Die Temperaturen sind im Saal sind mittlerweile auf ein sehr unangenehmes Niveau gestiegen und die Luftfeuchtigkeit ist so hoch, dass sich Brillenträger über beschlagene Gläser beschweren. Die Spannung steigt weiter während ein letztes Mal die Instrumente gecheckt werden. Der Sänger hat das Mikro ebenfalls bereits griffbereit. Im Gegensatz zur letzten Tour hat er weiter zugelegt, aber solange er in den nächsten Minuten Vollgas geben kann, soll es mir egal sein. Dann geht es los. „Boom Boom Bye“ wird als Opener gespielt und innerhalb von ca. 1,6 Sekunden stehe ich nun dort, wo gerade noch die 3. Reihe war. Die Leute vor mir sind allerdings nicht verschwunden, sondern immer noch vor mir. Es ist ein einziges Gedränge und Gequetschte, aber wen wundert es und vor allem wen stört es? Ich hoffe niemanden. Mit den ersten Lyrics beginnt dann das vollständige Chaos. Salven von Stage Divern ergießen sich über die ersten Reihen. Von weiter hinten versuchen Leute ebenfalls über die Köpfe der Stehenden nach vorne zu gelangen. Hauptsache Mitsingen und Spaß haben lautet die Devise. Beim nächsten Song „But You Don’t Hear Me Though“ steigert sich die Stimmung weiter bis zum ersten richtig fetten Singalong für die die „Ice Grillz“ Platte bekannt ist. In diesem Moment beschleicht einen das Gefühl, dass 90 Prozent der Besucher sich auf den ersten drei Metern vor der Bühne aufhalten. Entweder stehend, liegend oder durch die Luft fliegend. Und jede Textzeile wird durchgehend von allen mitgesungen. Nach den ersten beiden Songs gibt es eine kurze Pause in der die Monitorboxen abgebaut werden, um diese vor Schäden zu bewahren. Ich denke das verdeutlicht am Besten, was an diesem Abend vor und auf der Bühne los ist. Wer denkt, dass die Stimmung nicht weiter steigen und das Chaos nicht größer werden kann wird mit dem nächsten Song „Refuse to Lose“ eines Besseren belehrt. Teilweise liegen mehrere Menschen übereinander auf der Menge. Nach weiteren Songs, bei denen die Stimmung weiterhin am Maximum ist, ist die Menge geradezu dankbar dafür, dass ein Song der neuen Platte gespielt wird, die in diesem Jahr noch erscheinen soll. Dabei geht es ein Bisschen ruhiger zur Sache und viele nutzen dieser drei Minuten zu einer kleinen Verschnaufpause. Doch das nächste Highlight lässt nicht lange auf sich warten. Der Stick Together Sänger bekommt das Mikro in die Hand gedrückt und es wird ein War Hungry Cover gespielt. Direkt herrscht wieder völlige Eskalation. Das Mikrokabel hat sich zwischenzeitlich in mehreren Füßen von Stage Divern verfangen und muss entwirrt werden. Natürlich stoppt das rege Treiben währenddessen zu keiner Sekunde, was diese Aufgabe zu einem schwierigen Unterfangen macht. Das ganze wird bis ins Unendliche gesteigert als Cold World die Titeltrack ihres Albums „Dedicated to Babies who Came Feet First“ spielen. Singalongs, Stages Dives und Headwalks soweit das Auge reicht. Der Sound ist während des ganzen Gigs zwar besser als bei den vorherigen Bands, aber vor allem der Mikrofonsound lässt noch zu wünschen übrig. Das stört allerdings niemanden, da eh jeder alle Texte beherrscht. Der Sänger überlässt auch gerne mal das Singen einzig und allein dem Publikum und hat sichtlich Spaß dabei. Nach einer knappen halben Stunde und viel Blut, Schweiß und (Freunden-)tränen wird mit „Roaches and Rats“ der letzte Song angestimmt. Noch einmal geben sowohl Band als auch Publikum alles. Das ganze gipfelt im letzten Singalong des Abends bei dem die Besucher in den ersten zwei Reihen aller Mühe haben unter dem Gewicht anderer Leute nicht einzubrechen. Dann ist es vorbei, keine Zugabe, aber ich glaube diese hätte auch niemand überlebt bei der unglaublichen Hitze. Insgesamt konnte der Auftritt von Cold World dem von The Rival Mob aus dem letzten Jahr sicherlich das Wasser reichen und man kann sich nur freuen, wenn sich die Band im August ein weiteres Mal auf den Weg nach Europa macht für eine exklusive Show auf dem Ieperfest.

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