Zum Auftakt ihrer Tour Gier treffe ich Patrick Wagner, Helen Henfling und Jasmin Rilke in Köln, wo wir über Ängste, Ekstasen und Routinen vor, während und nach dem Auftritt sprechen.

Wir dringen tief in das Innerste von Gewalt vor und erfahren dabei, wie die Drei zu Paradies gekommen sind, was die größte Kunst von allen ist und wieso es den Jahrhundertfick ohne Prince nie gegeben hätte. Wir starten jedoch zunächst mit einem Post-Gier-Talk und lassen mit Patrick die inzwischen zurückliegende Tour Revue passieren, bei der die Band nicht nur in Deutschland, sondern auch in Österreich, Schweiz, Slowenien, Frankreich und Belgien Station gemacht hat.

Aftershow: Metropole vs. Piss-Stadt

Patrick, wir haben uns zuletzt beim diesjährigen c/o pop Festival in Köln gesprochen, wo ihr Euer erstes Konzert der Tour gespielt habt. Anschließend seid ihr mit Eurem aktuellen Album Paradies im Gepäck quer durch Europa getourt. 30 Auftritte liegen nun hinter euch. Wie blickst Du auf diesen Gewaltmarsch zurück?

Patrick: Das war super intensiv. Wir haben gleich Vollgas gegeben und die ersten 14 Shows ohne Offdays gespielt. Bernd, unser Manager, der uns beim ersten Teil der Tour begleitet hat, meinte erst so: „Ey, wenn ihr bei der fünften Show in Folge immer noch dieselbe Energie habt, dann ziehe ich meinen Hut.“ Und bei der 15. Show dann: „Okay, wenn ihr jetzt bei der 17. Show immer noch so eine Energie habt, dann ziehe ich echt meinen Hut.“ Die Konzerte waren durchgehend gut. Wir haben vielleicht zwei Shows gespielt, die ein bisschen lahm waren; alle anderen waren super. Ich hatte das Gefühl, dass wir durch die Bank glückliche Leute vor uns hatten.

Wie ist es denn so lange gemeinsam auf Tour zu sein? Das ist ja sicher kein Selbstläufer.

Patrick: Das ging schon hart an die Grenze. Das ist bei uns ja auch was anderes, da wir nicht mit dicker Road-Crew und dem schicken Nightliner durch die Gegend reisen. Wir haben insgesamt 12.000 Kilometer zurückgelegt und gefühlt halb Europa vermessen. Und saßen dabei zu dritt zusammengepfercht in einem kleinen Bulli. Du bekommst ja zurzeit kaum ein vernünftiges Auto mehr, Benzin ist unfassbar teuer, und wenn du deinen Wagen reparieren lassen willst, lacht dich die Werkstatt aus: „Kommen Sie in einem halben Jahr wieder.“ Das war jetzt alles nicht so lustig oder um es mit den Viagra Boys zu sagen: the whole thing bad for the mental health… Andererseits war es total schön – vor allem auch wie das so unter uns war. Helen und ich kennen uns ja schon ganz gut, aber nicht in der Konstellation. Mit Jasmin waren wir das erste Mal so lange am Stück gemeinsam unterwegs. Ihr ging es vorher auch nicht so gut und danach super. Jasmin ist während der Tour echt explodiert. Das war total schön mitzuerleben, wie man selbst Teil von etwas Größerem wird, etwas, das jetzt auch über die Musik hinaus was mit einem macht.

(c) Claudia Burger

Und wie war es in Freiburg? Als wir in Köln gesprochen haben, erwähntet ihr, dass ihr die Stadt nicht in allerbeste Erinnerung habt.

Patrick: Freiburg war mit das beste Konzert: der Raum hat gut geklungen, das war extrem stark. Der Rest eher nicht. Auch die Lesung, die ich vorher in einem Plattenladen machen wollte, habe ich ausfallen lassen – einfach, weil man sich da um nichts gekümmert hat. Freiburg ist und bleibt eine PissStadt. Wir werden da nie wieder spielen, weil das interessiert einfach keine Sau. Denen geht’s halt super da und es kann dort auch bestimmt schön sein, also um was essen zu gehen oder in der Fußgängerzone zu sitzen. Aber Gewalt muss da nicht sein. Wir hatten vor ein paar Jahren schon einmal eine ernüchternde Live-Erfahrung in Freiburg und Helen hatte damals schon so gemeint, sie würde da nie wieder spielen. Und man sollte einfach immer auf Helen hören. Obwohl … sie hat vor der jetzigen Tour auch gesagt: „Brüssel und Paris. Müssen wir da jetzt echt auch noch hinfahren?“ Wir waren vorher in Bern und wollten anschließend nach Italien. Da fährst du 700 Kilometer hoch, danach weitere 400 und dann geht wieder 600 Kilometer zurück. Für zwei Shows, wo du nicht weißt, wie das werden wird. Wir sind dann doch gefahren, weil mir das wichtig war, und das war dann auch toll. Extrem toll sogar.

Was hat Euch denn in den beiden Metropolen erwartet? Ihr seid dort ja vermutlich nicht allzu bekannt.

Patrick: Also da hat man schon so gemerkt, dass man an solchen Orten eine gewisse „internationale Klasse“ hat, wie man so schön sagt. Wobei wir in Paris in der Vorstadt waren, in Bagnolet, da, wo immer die Krawalle sind. Da fährst du hin und siehst nur eins: Plattenbau, Plattenbau, Plattenbau. Und plötzlich gab es da so einen Hinterhof, der nachts abgeriegelt wurde mit einem Tor, komplett aus Eisen. Wir haben auf einem kleinen Festival gespielt, vor uns noch zwei andere Bands. Vor der Bühne standen jeweils 50-60 Leute rum. Bei uns zunächst auch, am Ende waren es über 200. Das war wirklich eines unserer besten Konzerte. Everyone dancing. Das bringt einen dann schon auf den Gedanken, dass es in der Großstadt einfach anders zugeht. Es hilft vermutlich auch bei der Rezeption von Gewalt, wenn die Leute wissen, wer die Einstürzenden Neubauten sind. Wobei ich jetzt nicht ungerecht sein möchte: auch in Weinheim oder in Mainz war es total cool. Letzten Endes hängt es davon ab, wie die Leute im Umfeld das machen, wie die das kommunizieren, ob die dafür brennen.

Es gibt keinen Soundcheck, du bekommst zwei Getränke-Bons in die Hand gedrückt und das war‘s. Es ist der erste schöne Tag im Jahr, draußen 1.000 Leute, drinnen acht. Wie gehst du jetzt damit um?

Angenommen, ihr könntet die Tour noch einmal neu planen, würdet ihr sie wieder so anlegen? Also mit Ausnahme von Freiburg jetzt …

Patrick: Eigentlich wollen wir zukünftig vom Grundsatz her eher so eine Tour spielen wie Sleaford Mods. Abgesehen davon, dass das sicher toll ist, immer, egal wo, vor 1.000 Leuten zu spielen. Die gehen einfach dahin, wo man sich für sie interessiert. Und da kann es sein, dass das in Weinheim ist oder aber eben in Mailand und New York. Das Ding ist, man fühlt und man geht auch anders damit um, wenn du weißt, hier bist du heute das erste Mal und dann spielst du so eine Pub-Show, was allein schon vom Sound her nicht so einfach für uns ist. So ist es uns jetzt in Brüssel ergangen. Da gehst du hin, musst dein Equipment 500 Meter zum Venue schleppen und dann sind da noch drei andere Bands. Es gibt keinen Soundcheck, du bekommst zwei Getränke-Bons in die Hand gedrückt und das war’s. Es ist der erste schöne Tag im Jahr, draußen 1.000 Leute, drinnen acht. Wie gehst du jetzt damit um? Da stellst du dir schon die Frage, ob du dafür 500 Kilometer weit gefahren sein möchtest, dass du jetzt in Brüssel vor acht Leuten spielst. Ich bin dann raus, habe mich auf die Straße gestellt und mir gesagt, ich mache das jetzt wie Bon Scott und brülle die Leute hier rein.

Und hat es geklappt?

Patrick: Ja, es war rappelvoll und es war eine fantastische Nacht. Wir haben die Leute wirklich abgeholt. Und das tut einem natürlich gut. Zumal mir das erst riesig Angst gemacht, ich wage mich ja nicht immer so gern unter Leute. Aber mir war schnell klar: ich fahre jetzt nicht Hunderte von Kilometern, um dann hier alleine in Brüssel zu stehen. Echt nicht. Und dann war das so ein Konzert, wo es 65 Grad sind; wo die Leute mit freiem Oberkörper vor dir knien. Und die Bühne danach verwüstet ist. Damit ist ja nicht zu rechnen und das macht auch wieder was mit einem. Dann weißt du: das ist schon richtig, so soll das sein.

Preshow: Angst unter Leuten

Blenden wir zurück nach Köln. Bürgerhaus Ehrenfeld. Kurz nach dem Soundcheck. Es ist der Auftakt zur Tour namens Gier und der Tag, an dem die Single Manchmal wage ich mich unter Leute erscheint, mit dem die Band das heutige Konzert eröffnen wird.

Patrick, du hast mal gesagt – und das ist jetzt fünf Jahre her –, dass Du den Moment vor dem Konzert hassen würdest. Jedes Mal wärest Du davon überzeugt, dass alles ganz furchtbar wird. Dass niemand kommt, Dich keiner liebt. Ist das immer noch so?

Patrick: Same, same. Heute Abend, da kommen vielleicht acht Leute. Wir werden nicht spielen. Wir werden nicht bezahlt. Wir können das gar nicht, was wir da tun. Wir können es einfach nicht. Das ist einfach nur lächerlich. Aber so fühlt es sich an. Das klingt jetzt vielleicht lustig, aber der Film läuft noch genauso ab wie vor fünf Jahren. Und das wird, glaube ich, auch für immer so bleiben. Aber schon okay, das hält einen ja wach. Und wann ist man heutzutage noch aufgeregt, außer, wenn man an seinen Briefkasten geht?

(c) Michael Marlovics

Und wie ist das bei Euch, Jasmin, Helen? Seid ihr vor dem Auftritt auch so nervös?

Jasmin: Bei mir geht’s. Ist jetzt alles nicht ganz so schlimm.

Helen: Ja, bei mir auch nicht. Mir wäre es auch ziemlich egal, wenn da jetzt nur zwei Leute rumstehen. Hatten wir schon, und das kann durchaus gut sein. Es geht ja letztlich auch gar nicht darum, wieviele Leute da sind.

Patrick: Wir haben das eh nicht im Griff. Wenn die Leute das mögen, super, wenn nicht, auch okay. Wir proben ja zum Glück nicht so viel, da ist es schon geil, wenn wir überhaupt zusammenspielen. 

Helen: Also wir haben ja jetzt mittlerweile auch schon einige Konzerte gespielt und unterm Strich war bis jetzt keines so richtig scheiße. Okay, es gab es sicherlich auch Abende, wo es nicht so gut gelaufen ist. In Freiburg zum Beispiel, aber das ist schon länger her und lag auch ehrlich gesagt nicht an uns.

Ihr habt Euch ja einiges vorgenommen: In den nächsten Wochen stehen etwa 30 Auftritte an und ihr bereist fünf Länder. Wie habt Ihr Euch darauf vorbereitet?

Patrick: Wir haben echt hart geprobt und gearbeitet, uns auch die Lieder nochmal genau angeguckt. Wir schreiben ja unsere Songs nicht wie andere Bands. Die meisten friemeln ja viel rum, denken viel nach, machen immer ganz viel, schmeißen um, und dann drehen sie das Ganze noch zehnmal durch den Fleischwolf. Bei uns findet das alles in einem Prozess statt: Wir schreiben den Kram, dann wird der aufgenommen. Wir wissen noch nicht mal, ob es überhaupt ein Lied wird. Dann sitzen da zum Glück gute Leute dran und wir sind anscheinend auch nicht total deppert. Und jetzt vor der Tour, haben wir uns gefragt: was haben wir da eigentlich gemacht? 

Helen: Und warum? Und schon entsteht wieder was Neues.

Patrick: Und es fühlt sich in dem Moment auch immer wieder anders an. Das Gute ist: wir schulden niemandem irgendwas. Wir machen das in erster Linie für uns. Eine Woche haben wir uns vor der Tour vorbereitet. Das war total intensiv und hat auch wirklich Spaß gemacht, so jeden Tag stundenlang über dem Zeug zu brüten und zu merken, wie alles zusammenwächst. 

Jasmin: So bleibt es auch spannend. Wir lassen immer ein bisschen Raum, so dass die Dinge sich dann im Nachhinein auch verändern können.

Ich würde nach dem Soundcheck am liebsten auf der Bühne sitzen bleiben und die ganze Zeit auf die Uhr schauen. Am besten soll es gleich losgehen. Es könnte ja immer noch irgendwas schiefgehen.

Wenn ihr so lange unterwegs seid, dann gibt es sicherlich viele Routinen. Wie sehen denn die typischen Abläufe von Gewalt auf Tour aus? 

Patrick: Also es gibt da einen grundsätzlichen Streit: Helen will nach dem Soundcheck immer sofort zurück ins Hotel. Und ich würde am liebsten auf der Bühne sitzen bleiben und die ganze Zeit auf die Uhr schauen. Am besten soll es gleich losgehen. Es könnte ja immer noch irgendwas schief gehen …

Helen: Also ich brauche schon ein bisschen meine Ruhe. Mir wird das sonst zu viel. Am besten also nach dem Soundcheck alle sofort wieder in den Bus rein und zurück ins Hotel.

Patrick: Und die Routinen, die sind wie bei jeder anderen Band auch, glaube ich …

Helen: … um vier Uhr am Venue. Dann um halb fünf Soundcheck. Um sechs was zu essen und dann vier Stunden Leerlauf. Und nach dem Konzert ist man, wenn man Pech hat, erst mitten in der Nacht zurück im Hotel. Am nächsten Morgen stehst du um acht wieder auf. Und dann geht wieder alles von vorne los…

Jasmin: Ja, und wenn man nicht rechtzeitig beim Frühstück ist, gibt’s nichts mehr. Also ich hab mir jetzt vorgenommen, das in einem kleinen Büchlein aufzuschreiben, wo ich die Dinge dann abhaken kann: heute gegessen, genug Wasser getrunken, solche Sachen.

Patrick: Wir sind nicht aus viel gemacht. Das merkt man auch immer wieder bei so einer Tour. Da geht es doch recht schnell um die Befriedigung der rudimentärsten Bedürfnisse; man freut sich über die einfachsten Dinge.

Ihr seid ja jetzt nicht nur in Deutschland unterwegs, sondern auch im nicht-deutschsprachigen Ausland. Habt ihr vorher überhaupt schon einmal vor Publikum gespielt, das die Sprache nicht versteht?

Helen: In Polen, ja.

(c) Claudia Burger

Und fühlt sich das irgendwie anders an? Ich meine, weil eure Musik lebt ja doch auch in weiten Teilen sehr von den Texten.

Patrick: Die Leute verstehen die Texte. Das ist so klar, was da gefühlt wird. 

Helen: Unser neues Album wurde übrigens auch von jemanden gemischt, der nicht aus Deutschland kommt: ein Engländer, der in New York lebt. Und der hat auch kein Wort verstanden. Der hat das einfach nur gespürt und total gecheckt, was bei uns los ist. 

Ohne Dogmen ins Paradies

Wie kam denn der Kontakt zu dem „Englishman in New York“ zustande?

Patrick: Alexander Almgren hat uns einfach angeschrieben und gemeint, er wäre mal in Berlin gewesen auf einem Aphex Twin-Konzert, im DDR-Funkhaus. Und dieses Gefühl, in diesem Betonbunker zu stehen, in diesem Stroboskop-Licht, mit diesem extremen Sound, das sei dann alles wieder bei ihm wieder hochgekommen als er unsere Musik gehört habe. Und dass er uns unbedingt gerne mal mischen würde. Das war genau in dem Moment als wir die erste Session im Clouds Hill beendet hatten. Und dann haben wir gesagt: „Okay, wenn du Lust hast, wir haben hier gerade Spuren, misch die doch mal!“ Und sechs Stunden später hat er uns dann den ersten Song zurückgeschickt.

Jasmin: Das war auch teilweise ganz lustig zu sehen, wie der unsere Lieder benannt hat als wir die Files zurückbekommen haben.

Patrick: Alexander macht eigentlich sonst eher so Pop-Sachen und hat das auch total anders gemacht – uns einfach die Mixes geschickt und fertig. Bis auf bei zwei Stücken haben wir das dann alles genau so übernommen.

Jasmin: Der hat auch nicht einfach nur gemischt, sondern eher so produzentenmäßig eingegriffen und aus den Beats noch die letzten Sachen rausgekitzelt. 

Patrick: Ja, richtig cool. Sogar die Grooves wurden verändert und auch die Gitarren sind voll anders geworden. Und das hat dann wiederum unser Spiel beeinflusst. Auch den Gesang habe ich live nochmal angepasst, nicht nur bei den neuen Stücken. Du siehst: Alles verändert sich, nichts ist statisch. Vielleicht ist es bei jeder Band so, aber für uns ist es genau das, was es spannend macht.

Dass ihr ein Album rausgebracht habt, war ja nicht unbedingt zu erwarten, da ihr vorher ausschließlich aufs Single-Format gesetzt habt.

Patrick: Das hört sich immer so furchtbar an, als würden wir auf irgendwas setzen. So war das nicht.

Helen: Das war ganz pragmatisch: Wir hatten am Anfang nicht so viel Zeit. Dann kam Corona und wir hatten auf einmal extrem viel Zeit.

Patrick: Es war auch nicht geplant, dass wir überhaupt ein Album machen. Eigentlich wollten wir erst einmal nur vier Stücke aufnehmen. Dann sind aus den Vieren plötzlich fünf geworden. 

Jasmin: Genau, und dann hat irgendwer gemeint: „Dann macht doch jetzt einfach noch einmal vier.“

Patrick: Das war also keine bewusste Strategie; das stellt sich nur im Nachhinein immer so dar. Als wir angefangen haben mit den Singles hat uns auch erst jeder gesagt, das wird nichts. Wir waren ja eine extrem unbekannte Band, für die sich niemand interessiert hat. Die Singles waren dann wider Erwarten wahnsinnig erfolgreich. Wir haben viele davon verkauft, hauptsächlich auf Tour. Und das, obwohl es am Anfang hieß, dass man ohne Album nicht touren könne. Selbst die letzte Tour habe ich größtenteils noch alleine gebucht und die war dann auch ziemlich voll. Wir haben es mit der Platte also letzten Endes so gehandhabt, wie mit den Singles auch. Immer aus diesem Gefühl raus, jetzt machen wir das mal. Es gibt bei Gewalt einfach keine Dogmen.

(c) Michael Marlovics

Es gibt aber ja schon ein paar Dinge, die anders sind bei dem Album. Wenn ich das mit den alten Songs vergleiche, habe ich das Gefühl, dass sich auch jenseits des Formats etwas verändert hat: die Arrangements sind vielfältiger geworden, die weiblichen Stimmen präsenter. Seht ihr diese Entwicklung auch?

Helen: Auf jeden Fall. Am Anfang war uns zum Beispiel das Feedbacken total wichtig. Das gibt es jetzt bei uns so gut wie gar nicht mehr. 

Patrick: Stimmt. Helen und ich spielen auf der neuen Platte fast nur perkussiv Gitarre, das ist uns auch jetzt erst so richtig aufgefallen. Wir benutzen die Gitarre eigentlich eher wie Percussion und es ist….

Helen: …gar nicht mehr so rockig.

Wir haben uns jetzt tatsächlich viel mehr an die Maschine angepasst. Vorher war es eher so, dass der Drumcomputer lief und die Band in irgendeiner Form dazu gerockt hat.

Auf mich wirkt Paradies ja insgesamt sehr kühl. Dabei kommt auch der Drumcomputer ganz anders zur Geltung als früher. Das Mechanische und das Künstliche des Beats passt total zu dieser Ästhetik, die vermehrt an DAF oder Kraftwerk erinnert, worauf ihr selbst bereits hingewiesen habt. Bei Stumpfer werden korrespondiert das auch textlich.

Patrick: Ja, vollkommen richtig. Wir haben uns jetzt tatsächlich viel mehr an die Maschine angepasst. Das ist schon durchaus Kraftwerk-artig. Vorher war es eher so, dass der Drumcomputer lief und die Band in irgendeiner Form dazu gerockt hat. Bei unserem vorherigen Konzert in Köln, im Herbst letzten Jahres, wo wir zum ersten Mal mit den neuen Songs aufgetreten sind, hat sich auch direkt jemand beschwert: „Wo sind denn Eure Riffs geblieben?“

Jasmin: Dabei sind das doch immer noch geile Riffs.

Patrick: Ja, das war schon echt hart; wir haben echt nur die neuen Sachen gespielt. Keiner kannte einen Ton, wie so eine neue Band. Und dann tourst du mit den Sachen. Solche Konzepte haben es uns angetan: zum Beispiel nur Stücke zu spielen, die keiner kennt. Und dann gibt es vorher noch die Lesung. Ein solches Format gibt es ja auch überhaupt nicht. Und jetzt ist es wiederum total spannend, die Sachen auf der Tour zu mischen. Je nachdem wie viel Zeit wir haben, spielen wir elf Stücke, sechs neue und fünf alte. Wobei einige Klassiker gar nicht dabei sein werden. Szene einer Ehe nicht, obwohl das eines unserer erfolgreichsten Stücke ist. So geht die Geschichte auch nicht, was live immer total weggekracht hat. Wir halten uns also schon gern in der Strenge fest.

Die Signatur des Kreises

Zurück zum Grundgefüge der Band: Wenn man Euren stummen Begleiter DM1 nicht mitzählt, ist Gewalt ein Trio – mit Euch beiden, Patrick und Helen, als personelle Konstante. Auf der Bassposition hingegen gab es einige Wechsel. Jasmin, wie bist Du eigentlich zu Gewalt gekommen?

Jasmin: Ich war mit der Band zunächst als Tontechnikerin unterwegs. Zu der Zeit war Rabea am Bass, für die ich dann bei vier Konzerten eingesprungen bin.

Helen: Ich erinnere mich noch gut an den Tag als Rabea nicht konnte und ich zu Jasmin gesagt habe: „Du kannst doch Gitarre, ne? Dann kannst Du doch auch sicher Bass spielen.“ 

Patrick: Und dann hat Jasmin einfach so das Zeug gespielt.

Jasmin und Helen, wie stellt sich das eigentlich für Euch dar, dass Patrick in der Regel im Zentrum des Geschehens steht und die Blicke in erster Linie auf ihn gerichtet sind – nervt das nicht manchmal?

Helen: Also ich habe da gar ehrlich gesagt gar keinen so großen Bock drauf, im Mittelpunkt zu stehen. Also jedenfalls nicht mehr, vor zehn, zwölf Jahren hätte ich das vielleicht noch anders gesehen. Aber jetzt ist mir das total recht. Mir wäre das einfach viel zu anstrengend. 

Jasmin: Für mich ist das auch voll okay. Jeder und jede macht sein Ding und das, was er/sie am besten kann. Patrick ist ein starker Sänger, ist doch super. Warum sollte man das ändern wollen? Abgesehen davon habe ich das ja auch bereits angesprochen, dass ich gerne mehr singen würde, und das ist ja jetzt auch passiert.

(c) Michael Marlovics

Patrick: Das ist im Übrigen auch das Resultat von der Art und Weise wie wir die Songs angehen. Zum Beispiel Manchmal wage ich mich unter Leute, ein Kernstück auf unserer neuen Platte. Das Lied ist aus so einem Groove entstanden, den wir geklaut haben von diesem chilenischen Frauen-Protest-Song „Der Vergewaltiger bist du“, wo so Hunderte von Frauen auf die Straße gehen und chanten: El violador eres tu. Diesen Groove haben wir dann in einen Beat übersetzt. Und dann war auch sofort klar, dass das nur mit Frauen beziehungsweise mit den Stimmen von Helen und Jasmin funktionieren würde.

Wahrscheinlich unterscheiden sich hier auch Fremd- und Selbstwahrnehmung. Patrick, Du hast bereits häufiger betont, dass Gewalt ein Gemeinschaftswerk und nicht das Produkt einer einzigen Person ist, die im Mittelpunkt stehen möchte.

Patrick: Ja, die Innen-Wahrnehmung ist durchaus so, dass wir das zusammen machen. Also die Riffs zum Beispiel, das entwickelt sich alles in gemeinsamer Arbeit. Das ist dann eher, wenn man das ausdrücken möchte, „kongenial“ und nicht so, dass jetzt ein Typ alles dominieren würde. Jasmin hat auf Paradies auch angefangen, eigene Beats zu machen. Auch das hat sich mit der Zeit entwickelt. Und Helen hat ja auch eine bestimmte Rolle: sie ist so ein bisschen die Geschmackspolizei in der Band. Helen sagt jedenfalls immer, wenn etwas scheiße ist. Das kann zwar auch manchmal nerven, weil man ja immer erst denkt. „Nur weil man etwas macht, ist es auch gut“. Aber das stimmt natürlich nicht. Daher ist das total wichtig, und sie hat da echt eine 99-prozentige Trefferquote.

Ich mag das nicht so gerne, wenn man sich live so gegenseitig anspielt – wenn das so BAP-mäßig daherkommt. In der Regel ist das eh nur simuliert.

Helen, du hast eben gesagt, Dir wäre es ganz recht, wenn sich die Aufmerksamkeit primär auf Patrick richtet. Wie ist das denn auf der Bühne, live? Spielt ihr da eher jeder so für sich oder findet eine Interaktion statt, wo der eine auf den anderen achtet?

Helen: Ich glaube, wir kommunizieren nicht so richtig gut. Das könnten wir vielleicht tatsächlich etwas mehr machen. 

Patrick: Also ich weiß nicht. Wir sind hier ja in Köln, da kann man das ja sagen – aber ich mag das nicht so gerne, wenn man sich live so gegenseitig anspielt, also wenn das so BAP-mäßig daherkommt. In der Regel ist das eh nur simuliert, eine wirkliche Kommunikation findet da gar nicht statt. In Wahrheit weiß man, was man zu spielen hat. Ganz oft ist das einfach blanke, stumpfe Mechanik, die da wirkt – auch wenn bei uns immer relativ viel Unvorhergesehenes passiert, außerhalb der Beats. Und wir wissen halt auch: erst wenn es schwingt, spielen wir wirklich zusammen. Dann verschwindest du in der Gesamtheit und spürst, das ist ein guter Moment. Und der ist selten genug. Aber in diesen tollen Momenten – und deswegen macht man das ja – verschwindet man in dieser Gewalt, in diesem Licht beziehungsweise der Abwesenheit von Licht, in dem Rauschhaften, das zugleich diese Strenge produziert.

Könntet ihr euch eigentlich eine Existenz der Band ohne Live-Auftritt vorstellen?

Helen: Weiß ich jetzt nicht. Ich finde, das macht dann nicht so viel Sinn. 

Patrick: Also sagen wir so: Das Proben und das Song-Schreiben, das macht schon Spaß, aber wenn man jetzt wüsste, es würde nie wieder Konzerte geben, zum Beispiel wegen einer immerwährenden Pandemie, ich glaube nicht, dass uns das auf Dauer reichen würde. Jetzt geht es aber ja auch erst wieder voll los mit den Konzerten. Und das Problem ist, wenn einer von uns Corona kriegt, dann ist das Ding auch ganz schnell wieder vorbei. Dann gibt es wieder keine Konzerte und alles war für die Katz: die Vorbereitungen, die Zeit, die Jobs, die man hat ausfallen lassen. Wir machen das ja nicht beruflich im eigentlichen Sinne, wir haben alle auch noch andere Leben, ganz bewusst. Ich finde auch, dass die Bands immer schlecht werden, wenn sie nur aus Profimusikern besteht, weil die dann nur noch über ihr Profimusikerleben singen, während es bei uns inhaltlich nie um dieses Künstlerdasein geht. Das ist ja auch eigentlich relativ öde. 

Grooves and Lyrics #1 – aus der Deckung

Ohne Eure Präsenz auf der Bühne kann ich mir Gewalt nur schwer vorstellen. Es kommt auch ehrlich gesagt nicht allzu häufig vor, dass ich Zuhause denke, so jetzt lege ich mir mal einen Song von Euch auf. Gewalt reicht für mich über das rein Musikalische hinaus; das ist einfach ein Gesamtpaket: das Laute, das Licht, das Konzerterlebnis, aber auch die Art wie ihr das Album präsentiert, das wunderbare Artwork, das von Fehmi Baumbach illustrierte Begleitbuch …

Patrick: Aber du meinst, anhören kann man sich’s nicht?

Nein, so nun auch wieder nicht. Ich finde halt nur die Songs nicht so leicht „konsumierbar“…

Patrick: Aber warum eigentlich? Also man hört ja seine eigene Musik nicht wirklich, aber ich habe uns zuletzt beim Joggen gehört, auch als Tour-Vorbereitung. Und das war voll geil. Ich war sogar manchmal versucht, so ein bisschen mitzusingen. Da dachte ich echt so: voll geil, das groovt total gut.

Helen: Ich meine bei DAF ist das ja im Prinzip auch so. Da ist die Musik ja teilweise auch ultra-anstrengend.

Patrick: Ja, aber die finde ich auch genauso gut oder schlecht konsumierbar wie uns. Es gibt sicherlich auch einfach ganz verschiedene Arten Musik zu erleben. Also ab und an kriegt man ja durchaus Feedback von den Leuten. Da fällt mir eine schöne Anekdote einer Frau aus Österreich ein, die von sich sagt, sie sei der größte Gewalt-Fan auf Erden. Die hat uns erzählt, dass zu der Zeit als in Österreich der Lockdown war, die Polizei jeden Tag mit den Autos durch die leeren Straßen von Klagenfurt gefahren ist und über Lautsprecher immer einen bestimmen Song von Reinhard Fendrich gespielt hat: I am from Austria. Das ist ein bisschen so die geheime Nationalhymne der Österreicher, also der eher konservativen Österreicher. Jedenfalls wenn die vorbeigekommen sind, hat sie dann immer Wir sind sicher dagegen geballert, mit einer riesigen PA und das dann auch gefilmt. Also es kommt ja immer darauf an, was die Leute damit persönlich verbinden. Und ich glaube gerade dadurch, dass die Stücke so explizite Aussage haben, werden sie für viele bedeutsam. Es gibt kaum einen Gewalt-Song, der keine klare Aussage formuliert. Es ist auch nicht so, dass ich für irgendein Stück noch einen Text brauchen würde. Ich habe eine Aussage zu treffen und dann mache ich ein Lied dazu. Das ist die Herangehensweise.

(c) Marc Wilde

Das heißt also, Ihr habt immer erst den Text und dann kommt die Musik?

Patrick: Ja, fast immer ist der Text der Ausgangspunkt.

In dem erwähnten Begleitbuch zum Album schreibst Du vorneweg: „sich selbst anzunähern, ist die größte Kunst von allen“. Und wenn man sich die Texte durchliest, merkt man schnell, dass so gut wie alle unmittelbar was mit Deiner Person und Deinem Erleben zu tun haben. Und ich habe auch nicht das Gefühl dabei, dass es da eine große Differenz geben würde zwischen dem Menschen und dem Künstler Patrick Wagner.

Patrick: Die gibt es auch nicht.

Und gerade das macht die Texte besonders. Bei anderen Künstlern findet man ja häufig verschlüsselte Liedtexte vor; da gibt es reichlich Metaphern, mehrere Bedeutungsebenen und jeder kann sich seinen eigenen Reim darauf machen. Bei Dir dagegen denke ich oft so: das ist 1:1. Gehst Du auch bewusst so ran an einen Text, also mit dem Vorsatz, Aussagen direkt zu formulieren?

Patrick: Ich glaube nicht, dass ich in der Hinsicht allzu viel nachdenke. Für mich hat das Texten vor allem auch einen therapeutischen Effekt, im Sinne von: da ist gerade irgendwas los, das ich nicht verstehe, etwas, das ich nicht so richtig einordnen kann und dann schreibe ich darüber. Szene einer Ehe zum Beispiel basiert auf einem viel längeren Text. Das waren mal zwei Seiten einer Abrechnung, mit meiner Ex Frau, mit dem Sorgerechtsstreit, mit allem. Ein riesiges Pamphlet. Und dann habe ich mich gefragt: aber was ist denn der Kern, worauf laufen denn so viele Beziehungen eigentlich hinaus? Doch darauf, dass man einfach den anderen gar nicht mehr versteht und nicht mehr weiß, was der oder die von einem will. Und das sage ich dann. Und trotzdem: in all den Momenten, wenn wir das Stück spielen oder auch im Studio, immer wenn ich diese Sätze aufsage, schwingen die zwei Seiten in mir mit. Alles, was ich darüber weiß, all der Schmerz, aber auch das Glück, das es ja auch gab, all das ist in diesen komprimierten Zeilen enthalten. Ich sehe bestimmte Dinge, bringe das zu Papier und denke dabei nicht groß drüber nach, wie das nach außen wirkt. 

Ich singe über meine Angst vor der Obdachlosigkeit. Das ist jetzt nicht gerade das, woraus Rock’n’Roll-Träume gemacht sind.

Ich glaube diese Distanzlosigkeit führt auch dazu, dass die Leute unmittelbar berührt werden. Mit den sehr persönlichen Geschichten zu Deinen Texten, die Du ja auch in den Lesungen vorträgst, gehst du ja sogar noch einen Schritt weiter und lieferst zusätzlichen Kontext. Auch das ist ja eine Öffnung, mit der du es wagst, dich in gewisser Weise nackt zu präsentieren.

Patrick: Ja, das ist sicherlich so. Ich bin als solcher erstmal ein recht offener Mensch. Ich glaube nicht, dass es irgendwas gibt, wovor man sich verstecken müsste. Nimm unser Stück So geht die Geschichte. Da singe ich über meine Angst vor der Obdachlosigkeit oder einer nahe gelebten Obdachlosigkeit. Das ist jetzt nicht gerade das, woraus Rock’n’Roll-Träume gemacht sind oder was einen in ein gutes Licht rücken würde. Im Gegenteil: es rückt dich ins denkbar schlechteste Licht. Aber nur, wenn man sich seinen Ängsten stellt, kann man auch besser mit ihnen umgehen. Das bedeutet für mich „sich selbst anzunähern“. Außerdem ist mir diese Form-Inhalt-Sache total wichtig. Wie bei Manchmal wage ich mich unter Leute, wo ich viermal hintereinander über den Weg zum Einkaufen singe. Dieses notorische, fast schon Thomas-Bernhard-artige Wiederholen von vermeintlich unwichtigen Dingen, das ist mir total wichtig. Und erst durch diese Wiederholung, dass man jeden Tag zum Einkaufen fährt, wenn man jeden Tag mit den öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs ist, erst dadurch können die Leute hoffentlich spüren wie schmerzhaft es ist, in der S-Bahn zu sitzen und in die Gesichter der Menschen zu blicken. Das erscheint zwar normal, ist es aber nicht. Die Gedanken über die Menschen, wenn du die siehst, die können schmerzhaft sein – wenn man Antennen hat. Alle machen sich dicht. Warum sitzen denn alle mit dem Handy da? Doch nicht, weil die alle so viel zu tun haben, sondern weil sie es nicht mehr aushalten. Weil man das einfach nicht mehr aushält. Weil der Mensch, weil die Zivilisation sich so entwickelt hat, dass man nicht mehr in der Lage ist, die Wirklichkeit zu verkraften. 

Grooves and Lyrics #2 – in den Clinch

Ein anderer Text, der beim neuen Album herausragt und über den vermutlich die eine oder der andere beim Hören stolpern wird, ist Jahrhundertfick. Den finde ich allerdings jetzt nicht so herausragend, ehrlich gesagt.

Patrick: Ja, kann ich verstehen.

Und dann habe ich mir Prince-Texte angeguckt. 20 Stück. Und in allen 20 geht’s nur ums Bumsen. Die sind echt totaler Schrott, wirklich.

Ich frage mich auch, ob dieser Text 1:1 so gemeint ist? Also geht es da jetzt wirklich nur ums Bumsen? Da scheint doch auch ein anderer Move eine Rolle gespielt zu haben, oder?

Patrick: Stimmt. Da hast Du mich jetzt kalt erwischt. Da gab es einfach musikalische Gründe – wieder ganz pragmatisch. In dem Fall war zuerst die Musik da, die in einer unserer Aufnahme-Session entstanden ist. Wir haben schon bei Manchmal wage ich mich unter Leute festgestellt, dass da eine gewisse Funkyness mitschwingt. So ein Prince-artiger Groove und dass das total Spaß macht, den zu spielen, zu hören und zu produzieren. Auf der Basis haben wir Jahrhundertfick gemacht und uns dann gedacht, okay, jetzt haben wir schon so eine Nummer, die so geil dahingroovet, so einen Partysong. Gewalt und Partysong – muss man sich mal vorstellen. Was machen wir jetzt damit? Soll ich nun wieder vom Untergang der Welt singen? Oder von meinem eigenen Untergang? Und dann habe ich angefangen, mir Prince-Texte anzuhören. 20 Stück, und in allen 20 geht’s wirklich nur ums Bumsen. Die sind echt totaler Schrott! „Now we are gonna party like it’s 1999“. Ist das ein guter Text? Das ist Ballermann. Das ist wirklich nicht besser als … „jetzt geht‘s ab, wir feiern die ganze Nacht“. Dann dachte ich mir, das kann ich auch, das Level werde ich schon nicht unterschreiten. Nur will ich das dann zumindest richtig benennen, auf Deutsch. Das war ich mir schuldig.

Also würdest Du es gewissermaßen als eine Persiflage bezeichnen?

Patrick: [Entrüstet] Nein, überhaupt nicht. Das ist keine Persiflage. Das ist so gemeint. Der Text spiegelt etwas wider, was jeder kennt. Wenn du ausgehst und da was in der Luft liegt. Wenn du verliebt bist und du an nichts anderes denken kannst. Warum darf man das nicht benennen? Warum muss das verschlüsselt sein? Es geht um Sex. Und Sex ist nun einmal total wichtig, für uns alle. Also bis zu einem gewissen Grad. Ich weiß nicht, ob es für Deinen Vater jetzt noch wichtig ist. Irgendwann lässt das vermutlich nach…

Wo wir gerade beim Zwischenmenschlichen sind. Szenen einer Ehe, wir sprachen ja bereits über das Stück …

Patrick: Das heißt „Szene einer Ehe“, eine Szene. Das ist auch wichtig, um den Text zu verstehen. Das ist nämlich nur diese eine Szene.

Zum Thema Ehe: Was ist denn mit Deinem Hochzeitsanzug passiert beziehungsweise dem davon übrig gebliebenen Rest, der ja zu einer Art Signatur von Gewalt geworden ist? Trägst Du den nicht mehr auf der Bühne?

Patrick: Ja, der ist over. Den haben wir bei dieser Lesungsrunde im Meer verschwinden lassen.

(c) Michael Marlovics

Helen, wie war oder wie ist das eigentlich für Dich, wenn Patricks Vergangenheit, seine Ehe und die Trennung immer wieder ans Tageslicht gezerrt werden. Haderst Du gelegentlich damit, dass diese alten Dämonen so viel Raum in Eurer gemeinsamen Kunst einnehmen? 

Helen: Ich weiß nicht, vielleicht fand ich das am Anfang noch irgendwie gewöhnungsbedürftig. Aber ich kenne ja auch die ganzen Geschichten dahinter. Aber was heißt schon „Geschichten“, das war ja eher eine sehr heftige Angelegenheit. Und deshalb fand ich das dann schon auch in Ordnung – einfach, weil es für Patrick wichtig gewesen ist, vielleicht auch, um damit besser abschließen zu können.

Was die Welt im Innersten zusammenhält …

Ein weiteres Schlüssellied – zumindest für mich – ist Limiter, sowohl musikalisch als auch textlich. Da geht es ja, wenn ich das richtig verstehe, um die Kindheit beziehungsweise um eine kindliche Unbefangenheit, um eine urwüchsige Kraft, die im Laufe der Zeit durch Erziehung, durch gesellschaftliche Konventionen und Normen überlagert worden ist. Ich lese das auch als Plädoyer, dieses verschüttete Potenzial wieder freizulegen. Und ist nicht genau das auch die Essenz von Gewalt? Diese Kraft wieder zu beleben, sie zu beschwören, sie zum Tanzen zu bringen?

Helen: Auf jeden Fall.

Patrick: Absolut. Hundert Prozent. Also ich bin ja hier mit Abstand der älteste in der Band und werde ab und zu gefragt, warum ich mir das alles mit inzwischen 50 Jahren überhaupt noch antue. Ich sei ja schließlich keine 23 mehr. Klar könnte ich jetzt ins Fach der Singer-Songwriter wechseln und als elder statesman wissend auf mein Leben zurückblicken. Aber so ist es ja nicht, ganz im Gegenteil. Ich weiß vielleicht ein paar Dinge, aber vor allen Dingen weiß ich, dass ich sie nicht weiß. Und dass das einzige, was gut ist, diese Kraft oder Energie ist.

Wenn ab morgen das Wort „Gewalt“ aus der deutschen Sprache verschwunden wäre, wie würde Eure Band stattdessen heißen?

Jasmin: Gehalt?

Patrick: Oder Gestalt. Gestalt finde ich schon auch gut. Aber Gewalt ist natürlich unschlagbar, wirklich. Also ich glaube, viele Bands bereuen schon nach drei Wochen ihren Bandnamen. Wir finden unseren immer noch gut. 

Helen: Ich muss zugeben, dass ich zuerst eine gewisse Angst vor dem Namen hatte. Aber ich bin ja auch immer so ein kleiner Schisser.

Weil?

Helen: Mir kam das viel zu aggressiv vor, was ja auch zweifellos so ist.

Lasst uns zum Abschluss noch über das Paradies sprechen. Auch wenn es in Eurem titelgebenden Stück weniger um das Jenseits, als vielmehr um die Hölle auf Erden geht – habt Ihr irgendwelche Erwartungen an das, was da nach dem Leben auf uns zukommen mag?

Patrick: Ich glaube da ist nichts. 

Helen: Hmm, ich weiß nicht. Ich glaube jetzt auch nicht, dass man irgendwo hinkommt. Aber schon, dass da so Energien sind. Das hat aber, glaube ich, einfach was damit zu tun, dass man die Gene von verstorbenen Menschen auch in sich trägt. Und dafür braucht es halt einen Namen.

Wo wir gerade beim Thema „Gott“ sind, Patrick. Es gab ja eine Zeit, in der das Göttliche eine gewisse Rolle in der Wahrnehmung Deiner Person gespielt hat. Es gibt das Cover der Spex, auf dem Du mit Dornenkrone und Kreuz auf dem Rücken abgebildet bist, die Zeit von Surrogat mit „Patrick Wagner Superstar“, größer als Gott usw. Das liegt nun einige Zeit zurück, Du polarisierst aber ja noch weiterhin und redest auch gern in Superlativen …

Patrick: Ja?

Ja, zum Beispiel, wenn Du sagst: „wir sind die weltbeste Band.“

Patrick: Das habe ich nie gesagt, ich habe gesagt: „wir sind die größte Band.“ Das ist ein Riesenunterschied. Ich würde nie sagen, dass wir die beste Band sind. Das sind Sleaford Mods.

Wer ist die größte Band? Rolling Stones. Oder Ed Sheeran. Das sind wir aber ja gar nicht.

Okay, aber „größte“ ist zumindest auch ein Superlativ, darauf können wir uns einigen.

Patrick: Aber du verstehst schon den Unterschied? Wenn ich sage „die größte“ ist halt auch total klar, dass wir es nicht sind. Wer ist die größte Band? Rolling Stones, glaube ich. Oder Ed Sheeran ist die größte Band. Das sind wir aber ja gar nicht. Was ich meine ist das Gefühl, wenn wir zusammenspielen; und dann ist es egal, ob da drei Leute sind oder 300. Ein Stück, mit dem mir das immer wieder passiert, ist Guter Junge, böser Junge. Wenn wir damit fertig sind, in dieser Sekunde, macht es plötzlich: „Boah, war das gerade gigantisch.“ Das ging uns letztens auch im Proberaum so. Was war denn da jetzt los? Und das ist der Ausdruck dafür. Weil es sich einfach für einen selbst in dem Moment so anfühlt als könnte es nichts Größeres geben. Und weil ich eben so bin wie ich bin, benenne ich das. 

Ich lasse dich da trotzdem nicht ganz raus, weil du ja was den Superlativ anbelangt, auch gegenüber anderen Bands kein Blatt vor Mund nimmst, und dies durchaus im negativen, also im abwertenden Sinne. 

Patrick: Zum Beispiel?

Ich habe da ein Kurzinterview bei laut.de im Sinn, da ging es um ein Festival und eine bestimmte Band, die dort gespielt hat und wo du gesagt hast, die wären so widerlich, dass du keine Lust mehr gehabt hättest, nach denen aufzutreten.

Patrick: Ja natürlich.

(c) Michael Marlovics

Was ich eigentlich sagen will, ist: Du haust gerne mal einen raus und das ist dann entweder schwarz oder weiß. Das Pastellartige scheint jedenfalls in Deinem Charakter nicht so wahnsinnig angelegt zu sein. Gibt es bei Dir nicht vielleicht doch eine Sehnsucht nach mehr Ausgeglichenheit? Und wenn ja, wer oder was bringt Dich dazu, dass Dein Pendel nicht immer nur in die eine oder andere Richtung ausschlägt, sondern auch mal in der Mitte zur Ruhe kommt? Spielen die weiblichen Energien der Band hier eine Rolle?

Patrick: Ja, sicher. Das sind aber nicht nur weibliche Energien, es sind ganz persönliche Sachen. Helen und Jasmin sind einfach in sich stimmige Leute, bei denen ich mich sicher fühle und fühlen darf. Helen hat in dem Zusammenhang mal was Ultra-Kluges zu mir gesagt, und das ist dann auch in einen Text reingekommen, bei Guter Junge, böser Junge: „Ich bin langweilig, Du bist langweilig. Wir sind langweilig. Das ist Langeweile.“ Und das in der Form so zu akzeptieren, das war für mich eine der schwersten Übungen überhaupt – also dass es auch vollkommen in Ordnung ist, wenn mal gar nichts passiert, wenn mal Sendepause ist und man nichts fühlt. 

Helen: Klar, ich habe am Anfang zu dir gesagt, dass es auch echt okay für mich ist, wenn es einem auch mal langweilig ist.

Patrick: Genau, und das gab es für mich vorher gar nicht. Und jetzt kann ich das: Langweile zulassen und das aushalten.

Dann halte ich das jetzt auch aus, unser Tiefen-Interview an dieser Stelle abrupt enden zu lassen. Das ist ein guter Schlusspunkt. Und das war alles andere als langweilig. Ich danke Euch, Patrick, Helen und Jasmin für die Offenheit und für die Zeit, die ihr Euch vor dem Auftritt genommen habt — vor allem, da ich weiß, dass es mindestens eine in dieser Runde gibt, die jetzt am liebsten schon im Hotel wäre. 

Text: Marc Wilde
Titelbild: Gewalt | (c) Michael Marlovics

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