Melting Palms beantworten passend zur Veröffentlichung ihres zweiten Albums Noise Between The Shades einige Interviewfragen.

Wie geht es euch aktuell, da die allgemeine Lage in Europa und der Welt immer bedrohlicher zu werden scheint? Resultieren aktuell Auswirkungen aus der Gesamtsituation, die euer Privatleben negativ beeinflussen oder erschweren auch Rohstoffknappheit, Inflation und ähnliches die Bandaktivitäten?

Natürlich nimmt uns die aktuelle Lage in der Welt mit. Corona, Krieg, Hunger und flüchtende Menschen etc., alles unglaublich schlimm und Probleme, die an einem nagen und einem bewusst werden lassen, wie gut es uns geht. Wir sind in einer sehr privilegierten Position und können nicht meckern. Uns geht es gut. Wir haben zwar in der Vergangenheit mit Tourabsagen aufgrund der Corona-Pandemie zu kämpfen gehabt, aber dies ist im Gegensatz dazu, was andere Menschen aushalten müssen, kein großes Ding. Wir sind nun glücklich endlich wieder touren zu können und freuen uns auf die kommenden Konzerte. Wir hoffen mit unserer Musik bei unseren Zuhörer*innen für die nötige Abwechslung zu sorgen, dass sie den Stress der heutigen Zeit für eine kurzen Moment vergessen.

Für die Release-Shows eures neuen, zweiten Albums hattet ihr Hamburg und Berlin auserkoren. Heimatstadt Hamburg ist klar, das wird ein Heimspiel, aber war es der logische Schritt die Hauptstadt ins Visier zu nehmen oder stellte das Cassiopeia-Booking eine Konzertanfrage, eure zielsichere Mischung verschiedener Musikstile live zu präsentieren? Nebenbei erwähnt hat ja das Cassiopeia mit Beginn der Krise die Tore etwas mehr in Richtung musikalische Artenvielfalt geöffnet und wenn ich nicht schon eingebunden worden wäre in den Festival-Ausflug zum Death Fest UK, welches seit 2020 immer wieder verschoben wurde, dann hätte ich dem Cassiopeia am 01.09.2022 definitiv einen Besuch abgestattet.

Schade, dass du nicht da warst 😄. War ein super Abend. Das Cassiopeia ist ein sympathischer Club und mit Tristesse und Beat Degeneration hatten wir zwei richtig starke Supports mit dabei. Warum wir uns für eine Releaseshow in Berlin entschieden haben, liegt wahrscheinlich an der Stadt selbst. Die Musikszene, gerade in die Richtung Garage, Punk und Psychedelic (siehe zum Beispiel das Synästhesie Festival), ist extrem groß und vielfältig. Wir hatten zuvor erst einmal in Berlin gespielt und trotzdem war das Konzert gut gefüllt. Das hat gut getan und wir hoffen wir haben uns in Berlin einen kleinen Namen erspielt.

Sicher hat der Release von Noise Between The Shades einiges an Energieschüben freigesetzt und nach dem fallen diverser Pandemie-Regeln kann die Band bestimmt etwas entspannter auf die Bühne gehen und brennt quasi darauf eine Menge Konzerte verteilt auch in den benachbarten Ländern zu spielen!?

Wir haben einfach Bock Konzerte zu spielen, rumzukommen und unsere Musik auf die Bühne zu bringen. Egal wo, Hauptsache spielen. Da wir Englisch singen, hoffen wir, dass unsere Musik auch gut in anderen Ländern ankommt. Besonders auch, da zum Beispiel in Frankreich, im Gegensatz zu Deutschland, die Musikszene in unserem Genre sehr groß ist. Wir sind gespannt und auch ein bisschen aufgeregt, denn so lange am Stück waren wir noch nie auf Tour.

Mit der Veröffentlichung des aktuellen Album schlittern Melting Palms ja nur minimal an einer ultimativen Begleitung ausklingender Sommerabende vorbei, aber wie der Blick auf die Mini-Tour im Oktober und November verrät, bietet diese genug Möglichkeiten, verregnet, kalten Herbstabenden etwas wohlig, wärmende Sehnsucht auf den kommenden, hoffentlich nicht zu heiß werdenden Sommer einzuhauchen. Seht ihr euch als eine Band die Musik schreibt, die wie ich finde, zu jeder Jahreszeit funktionieren kann und welche Faktoren haben einen Einfluss auf die Stimmungslagen eurer Songs?

Haha Mini-Tour?! Wir haben das Gefühl wir touren da ein Monster ab. Wir glauben schon, dass unsere Songs zu verschiedenen Jahreszeiten funktionieren. Jeder Song passt wahrscheinlich unterschiedlich gut zur Atmosphäre der jeweiligen Jahreszeit. Aber das Wetter oder die Jahreszeit haben nicht wirklich Auswirkungen auf die Stimmungslagen unserer Songs. Eher sind es Erfahrungen und Gefühle, die wir erleben und in unserer Musik ausdrücken. Positive, sowie negative. Deswegen sind wir wahrscheinlich auch so facettenreich.

Erstaunlich finde ich, dass ihr immer wieder ungewöhnliche Instrumente, die meist von Gastmusiker:innen eingespielt werden, in euren Sound-Kosmos integriert. Cello, Violine und Klavier sind zwar nicht untypisch, aber finden sich doch eher selten in Bezug auf Releases die grob in der Ecke von Post-Punk, Post-Rock und Shoegaze firmieren. Existiert eine bestimmte Band, der ihr es verdankt sehr aufgeschlossen bei der Wahl der Instrumente vorzugehen, oder unterliegt dieser Aspekt schlicht der bandinternen Musikalität?

Die Einflüsse in unserer Musik sind vielfältig. Oft finden wir diverse Musiken gut, dass wir denken, dass wir diesen oder jenen Aspekt von verschiedenen Interpret:innen in unserer Musik einbauen wollen. Deswegen kommt es auch dazu, dass wir zu unterschiedlichen Instrumenten greifen. Jedoch passen die „klassischen“ Instrumente auch zu den jeweiligen Songs auf dem Album. Bei Ark oder Orchard’s Lie haben wir zum Beispiel die Assoziation zu etwas Märchenhaften und Archaischem.

Den Abenteuern von anfangs drei, im späteren Verlauf von vier jungen Frauen können wir im Videoclip zur ersten Album-Auskopplung, Crimson Eye folgen, die sich eine Schneise von kleinen Gesetzesverstößen erlauben, Spaß wird hierbei mit drei Ausrufezeichen geschrieben und einen flockig, lustigen Tag zusammen verbringen. Nach und nach bekommen alle Gäste und Bandmitglieder ihr Fett weg, wobei es keine Rolle spielt, ob sie die Rolle der Gangsterin, Ticketverkäufer oder Kioskbesitzer innehaben. Zu guter letzt verursacht das Quartett eine Art nicht im Detail verfilmten Verkehrsunfall, in dessen Folge die Geisel aus dem gestohlenen Wagen fliehen kann. Liegen in der Storyline einige eurer Erinnerungen aus Jugendzeiten versteckt, oder wolltet ihr das Gefühl einer vorherrschenden ernsten, Freude befreiten Lebenssituation widerspiegeln, die während der ersten Pandemie Intervalle vorherrschte und besonders jüngere Generationen hart traf mit all ihren Einschränkungen?

In Crimson Eye geht es um die Selbstreflexion von sich in vergänglichen Zeiten und dem Zurücklassen eines Lebens, indem man in seinem jugendlichen Sein falsche Entscheidungen getroffen hat. Dieses Gefühl von grenzenloser naiver Freiheit, was man in diesem Alter verspürt, haben wir versucht in dem Video einzufangen. Natürlich hat jede:r von uns in seiner Jugend Sachen verbockt, die man im Nachhinein besser nicht hätte machen sollen. Jedoch schwebt über all diesen Fehltritten ein Gefühl von Nostalgie, auch wenn man jetzt glücklich ist, aus den damaligen Fehlern gelernt zu haben.

Letzte Frage für dieses Interviews bezieht sich auf euren musikalischen Werdegang. Habt ihr früher schon in Bands gespielt, oder Projekten beigewohnt? Wenn ja, welche waren das und wie hoch hinaus möchtet ihr aktuell mit Melting Palms? Kommt ein bestimmtes Publikum zu euren Konzerten oder verläuft das schon bunt durch gewürfelt, über musikalische Stile verteilt?

Jeder von uns hat in der Vergangenheit schon in unterschiedlichen Projekten gespielt. Teresa zum Beispiel spielt noch in einer All-Female-Punkband namens New Project 666 und spielte in Tims Post-Rock-Band Draught. Tim wirke zudem bei Glue Teeth am Schlagzeug mit und nimmt zuhause Ambientmusik und eigene Stücke auf. Johann drummte schon in diversen Punk- und Hardcore-Bands wie bei The Dutts, Plastic Propaganda oder Don’t. Lukas war Teil der Emo-Band Coral Tree und Mike spielt bei Swutscher und rockte in der Vergangenheit bei Psychedelic-Bands wie Dunya oder The Hair den Bass.

Aufgrund der verschiedenen Werdegänge münden in unserer Musik so viele unterschiedliche Einflüsse und wir haben dieses riesige Sammelsurium an unterschiedlichen Ideen. Dies ist wahrscheinlich der Grund, warum unser Publikum so sehr durchmischt ist. Jeder kann sich etwas Anderes aus der Musik ziehen. Wir haben keine Zielgruppe und unsere Musik zieht Menschen aus unterschiedlichen musikalischen Bereichen und unterschiedlichen Alters an. Wir hoffen, dass es in der Zukunft so weitergeht wie bisher. Wir haben kein bestimmtes Ziel vor Augen. Wir merken jedoch, dass uns das Musizieren und das Projekt Melting Palms extrem am Herzen liegt und wir froh sind, uns und unsere Musik zu haben. Wenn dabei als Nebeneffekt herausspringt, dass unsere Musik an Reichweite gewinnt und wir dadurch bekannter werden und mehr Leute unsere Konzerte besuchen, umso besser.

Für die Zukunft alles Gute, eine Rezension eures aktuellen Albums gibt es auch auf Pretty in Noise nachzulesen und ich bedanke mich ganz herzlich für die Beantwortung meiner Fragen. Vielleicht sieht man sich, auf der nächsten, kommenden Monster-Tour auch mal bei einem Konzert in Berlin.

Titelbild: Melting Palms | (c) Aylin Sengül

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