Phantom Winter haben kürzlich ihr neues Album Into Dark Science veröffentlicht. Für Pretty In Noise sprach Christian Hennecke mit Mastermind Andreas und seinen Mannen.


Euer neues Werk »Into Dark Science« ist auf der Rückseite mit »This is an opera. A menace. A riot.« untertitelt. Wie kamt ihr auf die Idee, eine Art Konzeptalbum zu machen?

Andreas: Das ist meine Siri-Hustvedt-Hommage. Sie hat das verwendet, ich habe es quasi übernommen. Es hat einfach so schön gepasst und ich verehre die Autorin sehr. Alle unsere Alben sind Konzeptalben. Cvlt geht um jegliche Form von Kult, der uns irgendwie beeinflusst und unser eigenes Selbst untergräbt. Sundown Pleasures geht darum, wie wir in dieser Welt überleben können, ohne an ihr zu zerbrechen. Into Dark Science ist jetzt eben ein reines Hexen- und dunkle Wissenschaften-Album.

Ihr habt euch geäußert, das Album sei eine Reise durch die Welten der Schriftstellerinnen Sylvia Plath und Mary Shelley. Könnt Ihr diese Welten näher beschreiben?

Andreas: Sylvia Plath hat einfach vor allem wunderbare Gedichte geschrieben. Sie war eine sehr tragische Persönlichkeit, aber ihr innerer Schmerz hat Unglaubliches entstehen lassen. Ich versinke gerne in ihrer Welt und freue mich, wenn auch andere so tolle Schriftstellerinnen entdecken. Mit Shelley verhält es sich natürlich anders. Sie wird nahezu jeder kennen. Aber der Frankenstein-Mythos hat so gut zu IDS gepasst, da habe ich viele Zitate in den Text des Titelsongs eingebaut. Scheitern wird somit zu einem der zentralen Themen von IDS.

Wie seid Ihr gerade auf diese Schriftstellerinnen gekommen?

Andreas: Ich lese recht viel… und gern. Plath ist eine meiner Lieblings-Lyrikerinnen, sollte jeder mal antesten! Shelley und Frankenstein passen einfach thematisch sehr gut in die IDS-Thematik hinein.

In wie weit haben deren Welten Eingang gefunden? Eher als lose Inspirationsquelle oder direkter wie eine Vertonungsgrundlage?

Andreas: Eher als lose Inspirationsquelle. Das ganze ist dann im Endeffekt eine Art Puzzle, das zusammengesetzt und verknüpft wird. Da spielen ja auch noch andere wie Neil Gaiman, Adrienne Rich, Fassbinder etc. eine Rolle. Alles in allem gibt dann einen ordentlichen Eintopf. Witches brew in diesem Fall.

Wie viel von Euch selbst steckt im Album? Gibt es persönliche Anknüpfungspunkte oder ist es eher etwas, das Euch einfach thematisch interessiert?

Andreas: Wahrscheinlich eine Mischung aus beidem. Ich denke, dass sich viele Aspekte einfach so ergeben, während ich die Songs schreibe. Alles fügt sich immer einfach irgendwie zusammen. Alles, was im privaten Umfeld und in der Welt passiert, spielt irgendwie mit hinein. Ich denke, dass fast jeder Musiker und Songschreiber so arbeitet.

Bei der Umsetzung habt Ihr die Schraube in puncto Härte und Aggression im Vergleich zu den schon knackigen Vorgängern noch einmal angezogen. Wie kam es dazu?

Andreas: Auch das ist schwierig zu beantworten, weil es einfach so ein automatischer Prozess ist. Ich sitze im Proberaum und probiere aus, dann ergibt sich etwas, ich verwerfe ein Riff, daraus entwickelt sich ein neues, irgendwie immer alles auf die Lyrics abgestimmt. So wurde das eben zu dem Album, das IDS ist. Wild, düster, brutal, irgendwie so ein explosives Gemisch. Das nächste Album kann viel weicher werden. Oder eben auch nicht. Das ist vorher nicht klar. Es entsteht einfach.

Was bedeuten für Euch die Stücke jeweils? Was ist der thematische oder auch emotionale Kern?

Andreas: Ich möchte bei diesem Album eigentlich nichts erklären. Jeder soll da selbst interpretieren. Es gibt ja auch noch Linernotes, ich denke, da kann man schon ziemlich viel mit anfangen!

Könnt Ihr Euren kreativen Prozess beschreiben? Wie läuft die Arbeit an einem Album bei Euch ab?

Andreas: Ich schreibe meist zunächst die Texte, oft arbeite ich auch nur die Themen aus, dann schreibe ich die Musik dazu. Daraufhin setzten wir uns zusammen und ich erkläre den anderen, was ich so gespielt habe. Die machen sich dann ihre Notizen. Dann versuchen wir das zusammen zu spielen und meist klappt das auch ganz gut. So ist die Vision in einer Hand und es geht unaufhaltsam in eine Richtung. Musik und Text sind harmonisch aufeinander abgestimmt. Alles macht irgendwie Sinn.

Würdet Ihr sagen, dass sich Eure Arbeitsweise über die Zeit verändert hat und ggf. wie?

Andreas: Nein. Von vornherein war klar, dass ich bei PW Musik und Texte schreibe. Christof, Martin, Flo und Krikra sind einverstanden und können die Zeit anderweitig nutzen. Familie und so. Krikra z.B. zeichnet ja auch noch Comics etc. Man kann ja nicht auf allen Hochzeiten gleichzeitig tanzen.

Eure Musik ist von großer Intensität und Wucht. Wie erlebt Ihr das Live und auf Tour? Ist das für Euch kräftezehrend oder zieht Ihr sogar Energie daraus?

Andreas: Das ist mittlerweile nicht mehr nur Spaß. Es ist auch sehr ermüdend, vor allem, wenn man partymäßig über die Stränge schlägt. Wir bekommen da schön den Spiegel vorgehalten… „Ja, ihr seid keine 20 mehr, ihr alten Säcke.“ Aber generell ist das schon der Grund, warum wir die Musik machen. Wir sind sehr gerne unterwegs, halten die Anzahl der Konzerte allerdings sehr in Grenzen (ca. 20 im Jahr). Wir haben alle Familien und das muss alles im harmonischen Einklang sein. Am wichtigsten ist dabei eigentlich alte und neue Freunde zu treffen und kennenzulernen. Jetzt auf der Tour mit Space Chaser und Deathrite war es beispielsweise so, dass wir v.a. die Deathrite-Jungs schon kannten, die Space Chasers aber erst noch so richtig kennengelernt haben. Und siehe da… es ist super schade, dass man nicht ständig miteinander unterwegs sein kann… aber… man freut sich auf das nächste Zusammentreffen wie die Wutz, vor allem , weil bei den Shows jetzt unser Drummer Christof krankheitsbedingt nicht dabei sein konnte und der großartige Matze von Space Chaser kurzerhand die Drumsticks in die Hand genommen hat. Deshalb machen wir diese Musik in erster Linie. Fantastische Menschen. Danke Matze!

Was hören die Mitglieder von Phantom Winter privat? Könnt Ihr – unabhängig vom Genre – ein paar Eurer Lieblingsalben nennen und warum Euch diese besonders gefallen?

Christof:

  • Celtic Frost – Monotheist: Perfekte Kombination aus Härte, Melancholie und Schönheit. Der würdige Schlusspunkt unter dem Schaffen einer Band, die für mich immer viel mehr als nur ihre Musik war.
  • Nick Cave – Skeleton Tree: Trauer und Schönheit. Die Soundlandschaften, die er auf seinen letzten Alben mit den Bad Seeds und auch auf den Soundtracks wie „Hell or High water“ erschafft, treffen bei mir genau ins schwarze Herz.
  • Unru – Als Tier ist der Mensch nichts: Fuck off nachvollziehbare Songstruktur und transparenter Sound. Der ausgestreckte Mittelfinger im Arsch der Hörgewohnheiten des Mainstreammetallers.
  • Khanate – Khanate: Musik guter Stephen O’Malley Standard Doom aber der Sänger und die Soundeffekte machen das Album zu einem meiner absoluten All Time Favourites. Außerdem herausragend: Der Drummer spielt kaum mehr als er muss. Alleine deshalb hörenswert.
  • Motörhead – Orgasmatron: Selbst Lemmy hat zum Schluss erkannt das Orgasmatron die am meisten unterschätzte Scheibe Motörheads ist – nur Hits, kann man immer auflegen und beinhaltet mit Titelstück den Song, den ich am liebsten selbst geschrieben hätte.

Florian:

  • Telepathy – Tempest
  • Cult of Luna – Mariner
  • Morrow – Fallows
  • If these Trees could talk – The Bones of a Dying World
  • Fall of Efrafra – Inlé
  • Toundra – (II)
  • Paul Plut – Lieder vom Tanzen und Sterben

Krikra:

  • Breathe In – from this day on: ultradreckiger Hardcore, die Stimme klingt so geil verrotzt, haben leider nicht viel veröffentlicht.
  • Converge – Jane Doe: einfach ein Meilenstein in Sachen extremer Musik, wahrscheinlich die Platte die ich in meinem Leben am Meisten gehört habe.
  • David Bowie – the Rise and Fall of Ziggy Stardust: Bowie hat für mich, seit ich ihn als Goblin King in Labyrinth gesehen habe, so etwas Mysteriöses, Düsteres. Und diese Platte begeistert mich immer wieder, obwohl sie irgendwie so gar nicht so in mein „Hörspektrum“ passt.
  • Loxiran – s/t: Auf einem Mixtape bin ich das erste Mal über den „Wa(h)re Wesen“ Song gestolpert und war so hin und weg von dieser Energie und den pathetischen Texte. „In unserem Land“ gibt mir auch bei jedem Hören eine Gänsehaut
  • Malady – s/t: Emo/Screamo aus dem City of Caterpilla /Majority Rule Umfeld. Vereint für mich perfekt Schmerz und Melodie.

Martin:

  • Baroness – Red Album: Gitarrenarbeit und -sound sind der Killer.
  • Quicksand – Slip: Bei der Platte ist auch nach 25 Jahren noch klar, warum sie musikalisch Ausrufezeichen gesetzt hat.
  • Iron Maiden – The Number of the Beast: No need to say more, a classic.
  • Oathbreaker – Eros/Anteros: Hab ich rauf und runter gehört.

Andreas:

  • Atlantean Kodex – The white godess: Unabhängig davon, dass Mario, der AK-Drummer, mittlerweile ein sehr guter Freund ist, liebe ich einfach ihre Art traditionellen Heavy Metal mit melodischem Doom zu verstricken und auch noch die bayerische Geschichts- und Sagenwelt zu durchforsten. Kann ich immer und überall hören. Immer. Und überall.
  • Anagnorisis – Peripeteia: Ich habe selten so etwas Perfektes gehört. Da wird ein wirklich interessantes Thema auf so unglaublich ausgefuchste Art umgesetzt, musikalisch so interessant und so durchdacht, dass ich einfach nur mit offenem Mund dasitze, vom ersten bis zum letzten Ton.
  • Disfear – Live the Storm: Momentan einfach meine lieblings D-Beat-Geballer-Scheibe. Live war es 2017 auch eines meiner absoluten Highlights.
  • Fever Ray – s/t: Wahnsinnsalbum. Karin Dreijer Andersson ist einfach unschlagbar. Wer auf düstere Electrosounds steht und vor Björk nicht zurückschreckt… muss hier dahinschmelzen.
  • Judas Priest – Turbo: Das neue Album „Firepower“ ist eine Granate, Turbo wird jedoch wohl neben Defenders of the Faith und Painkiller für mich immer präsent sein. Der Inbegriff von Metal.
  • Zorn – Denn alle Lust will Ewigkeit: Kaum eine Band hat mich stimmungstechnisch mehr beeinflusst als Zorn. Nicht mit den Blackmetal-Zorn verwechseln!
  • Nasum – alle Alben: Beste Band.
  • Queen – A Kind of Magic: Weil sie die Princes of the Universe sind.
  • Snapcase – Progression Through Unlearning: Weil die mich komplett mitreißt. Schon immer.
  • Warning – Watching from a Distance: Weil es eine der besten Platten ist, die je geschrieben wurde.

Wir danken für das Gespräch!

Titelbild: (c) Daniela Hütter

https://prettyinnoise.de/phantom-winter-into-dark-science.html

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