Nun liegt das neue, erste Album von Duchamp auf dem Tisch. Duchamps Slingshot Anthems macht jede Menge Spaß. Was hat die Protagonisten zu diesem Album und zu diesem Projekt bewogen? Dazu konnte ich Ingo zu einem sehr angenehmen Gespräch letztes Wochenende im Baumkreis in Eschwege treffen.

Wie kam es eigentlich zu Duchamp?

Im Mai 2020 bekam ich eine FB-Nachricht von Peter Tiedeken, weil ich ein Shirt von Kid Dynamite anhatte. Er meinte: Wie krass ist das denn? Kid Dynamite ist eine meiner Lieblingsbands aller Zeiten. Und ich habe noch nie jemanden ein Shirt davon tragen sehen. Die Band gab es ja auch nur für 2 Platten Ende der 90er. Ich wollte immer mal so eine Band machen wie Kid Dynamite, Lifetime und Dag Nasty, hast du nicht Bock? Ich hätte Saubock, aber ich sehe die Donots nichtmal für Songwriting usw. oder Studio und so. Durch Corona haben wir zu der Zeit alles komplett separiert. Ja, meinte er, aber ich kann dir mal Garageband-Demos schicken. Dann hörst du dir das an. Und wenn dir etwas dazu einfällt, setzt du dich halt mit 2 Bier in dein Badezimmer, wenn deine Frau und die Tochter schlafen. Und dann singst du das halt ein, irgendwie. Das habe ich dann auch mit einer halben Flasche Rotwein gemacht. Das klang tatsächlich wie Lifetime. Nach 2 Stunden war der erste Song fertig. Hab ihm das rüber geschickt. Er so: total geil. Hat mir noch einen Song geschickt. Und dann waren wir an einem Punkt: Moment mal, das ist eigentlich zu gut dafür, dass es als Demo in einem Giftschrank versauert.

Woher nimmt man wegen/trotz Corona die Energie für so ein Projekt?

Ich kann da nur für mich reden. Wegen Corona hatte ich die letzten 1,5 Jahre einen riesen Energieüberschuss. Ich habe soviel Scheiß in meinem Körper, der raus muss. Ich habe die ganze Zeit mit Standgas und durchgetretenem Gaspedal zuhause gesessen. Ich bin schon so ein notorischer Jogger, gehe jeden Tag joggen, bis 14 km, weil ich mir selbst auf den Sack gehe. Und natürlich meiner Frau irgendwann. Da war das ein total geiles Ventil. Weil diese Musik auch das ist, was ich beim Joggen höre. Da hat sich soviel bei allen aufgestaut.

Woher kommt der Name Duchamp? (Ev hat vermutet vom Schriftsteller Marcel Duchamp)

Best Badge… Aber nein, der Name ist entliehen von unserem Lieblingscharakter aus Stephan King-Büchern. Das Buch Die Leiche und dazu der Film Stand by me. Der Film ist ja gerade 35 Jahre alt geworden. Und Teddy Duchamp, der von Corey Feldman gespielt wird, ist Namensgeber für die Band. Dieser Film symbolisiert so ein ganz großes „Coming of Age“. 4 Kids ziehen los, um eine Leiche zu finden. Und werden dabei schneller erwachsen als sie gedacht hätten. Das Ganze wird so retrospektiv erzählt. Der Hauptdarsteller Gordie Lachance schreibt ein Buch und denkt an diesen Sommer zurück. Und dieses „Coming of Age“ ist ja irgendwie auch das, was wir mit der Band gerade erleben. 4 Jungs, die immer noch nicht ganz erwachsen sind und es wohl auch nie ganz werden. Teddy Duchamp ist halt der von der Gruppe, der sein Herz am meisten auf der Zunge trägt. Der am Rand des Wahnsinns geparkt ist. Es gibt da eine ikonische Szene, wo er mit den Jungs auf den Bahngleisen unterwegs ist. Auf einmal naht ein Güterzug heran… Dann dreht er sich zum Zug und ruft „Train Dodge“, also Zug ausweichen. Er will es durchziehen, mal gucken ob der Zug eher von den Gleisen springt als ich das tue. Und diese Szene ist ja auch direkt ein Titel auf unserem Album: Train Dodge. Und all das ganze Zeug, was Teddy Duchamp so ausmacht, passt wie Arsch auf Eimer zur Band. Ich wollte immer schonmal so eine Art Konzeptplatte machen. Und da war der Überbau „Die Leiche“ oder „Stand by me“ halt perfekt.

Wenn so viel Herzblut, so viel Energie in dem Projekt steckt, plant ihr doch sicher auch Liveshows, wenn wieder alles normal ist?

Wenn alles wieder normal ist, das ist das große Wort. Weißt du: Was wir hier heute mit den Donots machen, das ist echt. Da springen wir schon über einen Elefantenschatten. Wir haben eigentlich 2020 das große Glück gehabt, dass wir gesagt haben, wir machen ein Sabbatjahr. Wir machten ein Familienjahr, wir machten nichts. Die 25 Jahre Jubiläumstour war beendet und wir dachten: Lass uns mal die Leute ein Jähr vermissen lassen. Aber da haben sie dann leider alle Leute vermisst und alle Bands. D.h. wir hätten nichts promoten müssen und wir waren in keinem Zugzwang, als die ganzen Kino- und Picknickkonzerte angeboten wurden. Wir hatten darauf auch keinen Bock, weil das war nicht, wie ein Konzert sein sollte. Heute hier bietet es sich an, weil wir das Buch mit den Donots draußen haben. Dann spielen wir unplugged oder halbplugged. Und in solch einem Kontext ist halt so etwas wie hier okay, mit Bänken, mit Tischen und Abstand.

Duchamp | (c) Uncle M

Aber mit Duchamp haben wir gesagt, wir spielen erst wieder, wenn es geht. Und auch zu den Konditionen die ein Old School-Punk Rock-Konzert früher hatte. Genau dieser Gestus ist es ja, der dieses Eastcoast-Spektrum ausmacht. Wo eine Band anfängt und dann diven schon die ersten 20, bevor die ersten Songs gespielt sind. Die Leute greifen sich das Mikrofon und schreien gleichzeitig rein. Das soll passieren, wenn Duchamp spielt. Und vorher machen wir auch nix live. Keinen Bock vor Picknickleuten zu spielen mit einer Hardcoreband. Die Idee ist so etwas wie 10 Clubdates, aber wirklich in ausgesuchten Clubs. Ich denke an so etwas wie den Forellenhof in Salzgitter, die alten, kleinen Hardcoreclubs halt. Und dann vielleicht ein paar ausgewählte Festivals, wenn das mit dem Line-Up stimmt.

Und die Donots….

Wir sind tatsächlich dieses Jahr schon mehrmals mit den Donots im Studio gewesen. Wir schrauben an neuen Songs. Aber wir haben gesagt, es ist fertig, wenn es fertig ist. Seit 2008 ist die Maßgabe der Donots „Stagnation ist der Tot“. In diesem Sinn darf man auch bei den Donots auf das Kommende gespannt sein.

Titelbild: Ingo Knollmann von Duchamp | (c) Stephan Lindner @hcpix.com