Bremen Blumenthal, 30. Mai 2021: Stille zwischen den hohen Backsteinfassaden, Schwalben pflügen über das hohe Gras der brachen Flächen. Das weitläufige Gelände der Bremer Wollkämmerei liegt verlassen. Leise weht Gelächter herüber, einige schwarz gekleidete Gestalten haben es sich in Campingstühlen gemütlich gemacht. „Hier würde jetzt eigentlich die Mainstage stehen“, sagt jemand und nimmt einen bedächtigen Schluck Bier. „Hier wird sie stehen. Im September.“ Die Gruppe sitzt vor einem leuchtend blauen Container. Die Aufschrift: HELLSEATIC.

HELLSEATIC

Altes Zollamt Bremen, 18. Februar 2020:
„Bremen ist bescheiden und etwas langsam.“, überlegt Andrea Rösler. „Es liegt in der Natur des Bremers – das ist zumindest mein Eindruck – sich immer etwas kleiner zu machen als er ist. Dabei muss sich unsere Musikszene im Vergleich zu anderen Städten wie Hamburg ganz und gar nicht verstecken.“ Die selbstständige Kulturmanagerin lebt nun seit über zehn Jahren in Bremen und engagiert sich im Verein Musikszene Bremen e.V. für die Förderung der lokalen Szene. Im Vereinssitz, dem alten Zollamt in der Überseestadt, proben Tür an Tür um die 300 Musiker:innen. Andrea schätzt die lebendige Subkultur Bremens, denkt aber, dass diese durchaus mehr Raum außerhalb ihrer Nischen für sich beanspruchen sollte: „Ich würde mir wünschen, dass Bremen selbstbewusster zeigt, was es kann. Um Aufmerksamkeit und am Ende auch Anerkennung zu erzielen, ist es unabdingbar, sich untereinander zu vernetzen und zusammenzutun.“

Diesen Wunsch teilen viele Aktive der Bremer Musikszene, so auch Claudia Müller. Die Sängerin der Hardcore-Band Kavik schreibt für das im Punk verwurzelte Fanzine Trust und entdeckt auch dadurch immer wieder neue Facetten der städtischen Subkultur. „In Bremen geht recht viel. Ich stelle aber häufig fest, dass es viele Szenen gibt und die Bands sich untereinander mitunter kaum kennen. Aber da, wo es zu Berührungspunkten und Austausch kommt, da wird es interessant.“ 

Für das Trust berichtete Claudia erst kürzlich über die Bremencore-Bands der 90er Jahre, die die Entwicklung der deutschen Szene zwischen Punk und Metal in den vergangenen Jahrzehnten entscheidend mitprägten. „Es gab vorrangig vier Bands, die einen eigenen ganz speziellen Sound hatten, der eine neue Extreme in die Musikwelt getragen hat: Angefangen mit Acme, dann kam Systral, Carol und als letztes Mörser. Mitte der 90er wollte jeder in der Szene nach Bremen, weil hier das Zentrum des Landes war, für extreme Hardcore-Musik, die sich der sehr politischen Emocore-Szene zugehörig fühlte“, erinnert sich auch Sven Nienaber Gitarrist bei Mörser, der in der Nähe Bremens aufwuchs. Schon früh fühlte er sich in ebenjener Szene zu Hause und gestaltet diese unter anderem als Musiker, Veranstalter und Mediengestalter mit. „Das besondere an der Bremer Szene sehe ich einerseits in ganz pragmatischen Dingen: die Stadt ist klein. Hier lernt man sich ganz schnell kennen, wenn man sich erstmal ein wenig in der Musikszene tummelt. Und die Menschen in der Szene hier haben immer Lust auf Zusammenarbeit und Vernetzung, Konkurrenzdenken kommt eher selten vor.“ 

Vernetzung ist ohne Zweifel der Motor einer DIY-zentrierten Subkultur, erst recht in einer Stadt, die zwar über eine lebendige Musikszene verfügt, deren Ressourcen wie Proberäume, Auftrittsmöglichkeiten und Förderung aber sehr begrenzt sind. So zögerten Andrea und André vom Verein Musikszene Bremen auch nicht lange, als sie feststellten, dass viele der Veranstaltenden aus ihrem Umkreis sich gar nicht kannten. „In der Zollkantine, dem Konzertraum der Musikszene Bremen, finden viel Konzerte statt, die von verschiedenen nichtkommerziellen Veranstaltern oder auch den Bands selbst organisiert werden. Insbesondere die Metal-Szene fühlt sich dort sehr wohl und die Zusammenarbeit mit Kollektiven wie Heavy Bremen oder Tsunamimusic läuft rund und macht einfach Spaß. Da wurde kurzerhand zum runden Tisch eingeladen um zum Austausch anzuregen. Die Chemie hat sofort gestimmt und nun haben wir den Salat.“

Der Salat – das ist die Vision des ersten großformatigen Metal Open-Airs in Bremen. Das HELLSEATIC Festival wird auf dem Gelände der ehemaligen Bremer Woll-Kämmerei in Blumenthal stattfinden.

Im bisher bekanntgegebenen Line-Up tummeln sich Bands aller Subgenres wie Kadavar, Controversial, Disbelief, The Hirsch Effekt oder Hexer. „Das Festival soll mehr sein als eine Aneinanderreihung von Konzerten. Wir möchten die lokale Szene weiter vernetzen und eine Plattform für alle Metal-Fans, Musiker:innen, Bands, Kollektive und andere Szenevertreter.innen aus Bremen und dem Umland sein. Themen wie Inklusion, Gleichstellung und Nachhaltigkeit beschäftigen uns. Neben Musik möchten wir auch anderen Künsten eine Bühne – oder besser gesagt eine Wand oder einen Raum geben“, erklärt Andrea Rösler.

Das raumgreifende Gelände der Wollkämmerei, die im 19. Jahrhundert  zu den größten Betrieben weltweit gehörte, blickt auf eine bewegte Geschichte zurück und spiegelt auch die dunklen Kapitel Bremer Geschichte wieder. Nun soll es zum Schaufenster nicht nur für die Bremer:innen, sondern auch für die Europa-weite Metal Szene werden, das diese Kapitel nicht überschreiben, sondern miteinbeziehen und thematisieren wird. Doch dann kommt der Lockdown. 

Pier 2, Bremen Überseestadt, 25. März 2021:
Die in blauem Licht glühende Halle bebt. Mit unverwechselbarer Urgewalt walzt sich das Post-Metal-Kollektiv The Ocean um Frontmann Robin Staps durch ihre Setlist der geologischen Erdzeitalter. Die letzten Monate der Isolation scheinen im Angesicht der gewaltigen Live-Show nur noch die vage Erinnerung an einen schlechten Traum zu sein. Wäre da nicht eine bedeutende Kleinigkeit: Die Halle ist beinahe leer. Der Raum vor und auf der Bühne ist mit Kameras besetzt. 

In den Monaten des Lockdowns hat die Vernetzung der überschaubaren, aber engagierten Bremer Kulturszene eine noch nicht gekannte Dichte erreicht. Auch von Seiten der Stadt zeigt sich viel Initiative: Fördergelder wie der Fonds Neustart Kultur sind niedrigschwellig zugänglich und explizit auch für unkommerzielle und aktivistische Projekte ausgeschrieben. Politiker:innen wie Kai Wargalla von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN setzen sich mit zunehmendem Erfolg für den Erhalt und die Sicherung subkultureller Spielorte und Strukturen ein. Die schmerzhafte Abwesenheit dessen, was für alle immer wie selbstverständlich zum Bremer Stadtbild gehörte wie die absurd bunten, schmalen Häuser und das oft verfluchte Kopfsteinpflaster, rückt die Bedeutsamkeit der Kultur ins kollektive Bewusstsein. 

Auch das Organisationsteam um das HELLSEATIC Festival verharrt nach anfänglicher, unvermeidbarer Schockstarre nicht lange im Status Quo. Webcams flimmern, Köpfe rauchen und konspiratives Getuschel gehört zum neuen guten Ton. Ein Höhepunkt der gemeinsamen Anstrengungen ist das Streaming-Konzert von The Ocean im Pier 2 im Rahmen der Veranstaltungsreihe Club 100. Mit städtischen Mitteln wird die Veranstaltungshalle mit modernster Streaming-Technik ausgestattet, sodass flexibel auf aktuelle Inzidenzen reagiert werden kann und Konzerte entweder live, im Stream oder im Hybridformat veranstaltet werden. Auf eigene Faust organisiert das Team darüber hinaus ein Streaming-Revival der goldenen Zeiten des Bremen-Core und richtet Mörser zu ihrem 25. Bandjubiläum ein Streaming-Studio für eine Preview-Session im Güterbahnhof ein. Sven Nienaber betont, dass der DIY-Spirit für ihn nie an Relevanz verloren hat: „Wir brauchen eine junge Szene, die sich voller neuer weltverbesserischer Ideale in eine Subkultur stürzt, und Musik und andere Kunstformen vorrangig als Ausdrucksmittel dafür nutzt, um ihrer Wut und ihren Ideen Gehör zu verschaffen.“

Bremen, 04. August 2021:
Noch immer steht der leuchtend blaue Container zwischen den hohen Backsteinfassaden der Bremer Wollkämmerei. Hier ist noch nicht viel davon zu spüren, doch Bremen regt sich. Aus Gärten, den grünen Wallanlagen um den Stadtkern und auch aus dem Sommerhaven, dem Vorplatz des alten Zollamts, ist immer häufiger Live-Musik zu vernehmen, mal fragil und besinnlich, mal dröhnend und dringlich. Die Hoffnungen sind sehr groß, dass auch die Wollkämmerei sich bald in einen Ort lang vermisster Begegnungen verwandeln wird. „Ich wünsche mir, dass das HELLSEATIC alle, die sich zur Metalszene Bremens zählen, zusammenbringt und vernetzt. Dass es darüber hinaus aber auch Leute aus anderen Städten her bewegt und auch für Leute aus anderen Szenen attraktiv und offen ist“, spricht Claudia den Gedanken aus, der das HELLSEATIC-Kollektiv nun schon seit über zwei Jahren antreibt. Auf dem Marktplatz stapeln sich, von unzähligen Touristen-Fingern blank gescheuert, die bronzenen Bremer Stadtmusikanten. 20 Kilometer entfernt, dort, wo nun der blaue Container steht, türmen sich nun bald endlich die Gitarrenverstärker. 

Du möchtest bei der ersten Ausgabe des HELLSEATIC Festivals dabei sein? Versuche dein Glück und schreibe für zwei Tickets bis zum 22.08.2021 eine Mail mit dem Betreff HELLSEATIX an redaktion[at]prettyinnoise.de.

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