Ein freundlicher Herbstsonntag geht langsam dem Ende entgegen. Im UT Connewitz – einem der schönsten Veranstaltungsorte Leipzigs, vermutlich der ganzen Welt – ist alles für ein großartiges musikalisches Ereignis hergerichtet. Nothing und Swain stehen auf dem Programm, um eine Art 90er Alternative Revival nach Leipzig zu bringen.


Auf der einen Seite die angesagte US-Band NOTHING am bereits 14. Tag ihrer Europa-Tour zu ihrem großartigen aktuellen Album „Tired of tomorrow“. Zum anderen SWAIN als Support nur für diesen Abends. Vielen sind die Niederländer, die seit einiger Zeit in Berlin ein neues Zuhause gefunden haben, durch ihr Vorgängerprojekt „This Routine is hell“ gut bekannt.

Der Abend beginnt mit SWAIN. Während sie früher klar dem Hardcore zu zuordnen waren, haben sie sich nun unter neuem Namen und auf dem aktuellen Album „The long dark blue“ mehr und mehr einem garagig-grungigem Punk-Mix zugewandt. Und diese Mischung aus sowohl älteren und somit eher HC-orientierten Nummern und neuen Songs funktioniert durchaus sehr gut. Man sieht der Band sowohl ihre (im positiven Sinne) Routine als auch die Spielfreude an, was vor allem durch die bewegungsreichen Tanzeinlagen des Frontmanns Noam Cohen unterstrichen wird. Die Band findet ihr Publikum, welches leider nicht so zahlreich wie erhofft erschienen ist. Mit den ersten beiden Songs wird das Eis direkt gebrochen und die Lieder gehen nach vorn. Man merkt den Menschen an, dass sie sich freuen dabei zu sein. Mit etwa 150 Zuschauern ist das UT Connewitz leider nicht mal zur Hälfte gefüllt, es bildet sich der in solchen Fällen typische Anstandsgraben zwischen Publikum und Musikern. Zum Glück gibt es vereinzelt Liebhaber der Band, die offensichtlich mit dem Material sehr vertraut sind und sich redlich bemühen, die Freifläche mit Leben zu füllen. Musikalisch wandelt die Band – live zum Quartett aufgestockt – zwischen schnelleren durchaus noch nach Hardcore klingenden Songs und einem eher nöligem Sub-Pop-Sound, der nicht selten an den Genre-Klassiker schlechthin erinnert. Vielen Leute macht das Spaß und nach etwa 35 Minuten ist dann auch schon wieder Schluss. Der Eindruck bleibt, hier eine energiegeladene, vielseitige und vor allem sympathische Band gesehen zu haben.

Danach kurze Pause, gegen halb 11: Nebel, Piano-Intro vom Band, Vorfreude! – und: NOTHING! Irgendwie gelingt es der Band an diesem Abend leider nicht, ihre großartigen Songs so auf die Bühne zu bringen, dass sie es schaffen das Publikum in Begeisterung oder einen ähnlichen Gemütszustand zu versetzen.

Vom ersten Song „Fever Queen“ an herrscht sowohl auf als auch vor der Bühne eine gewisse Schwerfälligkeit. Mag dies vielleicht auch dem eher langsam daherkommenden Opener geschuldet sein, der vor allem für die shoegazige Seite der Band steht, ändert im Verlauf des Sets auch ein treibendes „Vertigo Flowers“ nichts an dieser Tatsache, das der Funke nicht so recht überspringt. NOTHING wirken müde und irgendwie unambitioniert. Nach zwei Wochen Tour ist es sicher auch nicht verwunderlich, dass man mal ein schlechter Tag dabei ist. Schade ist es trotzdem und irgendwie stimmt auch die Chemie zwischen Publikum und Band nicht. Frontmann Domenic Palermo versucht zwar von Beginn an durch lockere Sprüche (Liebeserklärung ans UT, wiederholte Verwechslung der Albumtitel etc.) die Stimmung aufzulockern, das Publikum muss auch schmunzeln, aber Charme und Eis brechen geht irgendwie anders. Manchmal erinnert er ein bisschen an El Duderino Lebowski: ein bisschen verunsichert, verpeilt. Man weiß nicht, was der Herr ernst meint, und was Scherz sein soll, vermutlich alles. Der Sound ist solide, aber die Art und Weise wie hier dicke Walls of Sound und noisige Feedback-Orgien eher ansatzweise abgeliefert werden, ist nicht überzeugend. Die zerbrechlich melancholisch-melodiösen Teile gehen häufig unter. Hinzukommt dass die Stimmen der beiden Gitarristen live nicht an die tollen Gesangsparts der Studioversionen heranreichen, die Musik wirkt etwas entzaubert

Die Atmosphäre ist von Beginn an etwas beklemmend als würde irgendetwas zwischen Band und Publikum stehen. Klar, da ist immer noch dieser Anstandsgraben, der diesmal jedoch kaum oder gar nicht betreten wird. Und so bleibt die Stimmung irgendwie über das gesamte Konzert hinweg unterkühlt und im Verlauf der der Show leert sich der Saal zunehmend.

Es ist scheinbar einer jener Abende, wo alles unter einem eher unglücklichen Stern steht. Daran ändern auch an sich tolle Songs wie das großartige quasi Smashing-Pumpkins-Gedächtnis-Stück „Curse of the sun“ zum Ende des regulären Sets nichts. Publikum und Band sind irgendwie bemüht, teilweise aber auch nur halbherzig dabei. Für das Publikum ist es Sonntag, für die Musiker sind schon zwei Wochen Tour rum, beide Seiten wirken ausgelaugt, nicht ganz bei der Sache – vielleicht auch in einer anderen Welt?! Vielleicht zu viel Nebel aus der Maschine?

Irgendwann verschwinden sie in eben diesem, um nochmal wiederzukommen. Das Publikum zeigt auch hier in seiner Reaktion, dass es nicht wirklich weiß, ob es sich die Zugabe wirklich wünscht. Es wird immer artig geklatscht, aber Begeisterung am heutigen Abend: Fehlanzeige. Am Ende geht bei den beiden Zugaben nochmal ein kleiner Ruck durchs Publikum, die Band spielt ordentlich, aber dabei bleibt es. Am Ende sieht man in einigen Gesichtern Verwirrtheit und Enttäuschung. Meine eigene ist sehr groß, vor allem wegen meiner Erwartungshaltung und weil ich NOTHING so gerne so gut gesehen hätte, wie sie es auf ihren Aufnahmen zeigen. Vielleicht beim nächsten Mal, ich wäre dabei. Das UT Connewitz war heute leider eine Nummer zu groß. Aber sie wollen bald wieder kommen, sagt Palermo. Ob er das ernst gemeint hat? We know NOTHING!

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