BERICHT: Gewalt (04.06.2022 @ Lido, Berlin)

BERICHT: Gewalt (04.06.2022 @ Lido, Berlin)

Kein Konzert der Band Gewalt gleicht dem nächsten und dem vorausgegangenem, woran sicherlich eine mit dem Status „Anfänger“ behaftete Programmierung der bandinternen Drum-Maschine DM1, aktuell LMMS, nicht ganz spurlos vorüberzieht und die „gewaltigen Drei“ wollen ihrem Publikum etwas zurückgeben, legen viel des eigenen Ichs in die Waagschale und stellen sich zur Disposition.

Gewalt verstehen sich als eine Formation die sich gängigen Strukturen verweigert, mit den „verkommenen“, negativen Nebenerscheinungen des Musikbusiness nicht kokettieren möchte und stattdessen live auf der Bühne stehend am Besten laut und aggressiv, als ihre Passion ansieht. Statussymbole und Konsumgüter zählen nicht zu den Zielen der drei Musiker:innen, erfolgversprechendes Konzipieren ihrer Lieder passen nicht in Arbeitsstrategien und genau genommen soll diese Band auch gar nicht erst in ähnliche Muster hineinrutschen, die mit immer wiederkehrender Eintönigkeit zu tun hat. Politik stand anfangs nicht im gewaltigen Masterplan der drei um nicht unnötig, wie Helen in einem Interview mitteilte, voreilig in eine festgefahrene Schiene eingeordnet zu werden. Kein Mensch, am 1. Mai 2019 unter die Massen gebracht, besaß trotzdem in seiner Art und Weise, ohne politische Parolen zu verwenden eine kritische Grundhaltung und Deutsch manifestierte doch irgendwie für sich gesehen deutlich, was normalerweise oft unsagbar bleibt. Bislang fand sich in Patrick Wagners Tour-Tagebuch keine Randnotiz zum Thema Full-Album, aber nach einer Vielzahl von Singles, die auf dem klassischen Format 7″ erschienen, beschenkten uns Gewalt letztes Jahr dann doch mit einem paradiesischen Longplayer. Dieser führte nun Jasmin Maria Rilke, Helen Henfling mit Patrick Wagner, letzten Samstag auf die Bühne des Kreuzberger Lidos.

Gewalt | (c) Nico Pfüller

Sehr gut gefüllt, wenn man bedenkt, dass aktuell viele Konzertbesucher:innen nach dieser zermürbenden, ungewissen Durststrecke doch etwas Kulturscheu geworden sind, lassen sich doch Kontakte zu Fans knüpfen und Erfahrungen austauschen. Schiefgehen kann nun eigentlich nichts mehr, denn der zuständige Techniker an den Lichteffekten leistet immer hervorragende Arbeit und die emsigen Soundbastler:innen schwimmen auf dem gleichen Qualitätslevel.

Mille, Sänger der deutschen Thrash-Metal-Band Kreator mischt sich wie auch Nagel, Frontmann der wiedervereinigten Muff Potter unter das Volk und damit gehören sie zu den prominenteren Gästen des heutigen Abends.

Manchmal wage ich mich unter Leute eröffnet sehr treffend und zielstrebig, die mit Tracks vom Album Paradies, strickt durchzogene Setlist. LMMS hämmert vorerst mit Zurückhaltung programmiert, kalt und schroff, tanzbar und groovig vorwärts und mit dem Jahrhundertfick bekommen wir die industrialisierten HipHop-Beats in unsere Trommelfelle gedrückt und Patrick schwankt zwischen Shouting und Storytelling wie im lustig ist, provoziert, kritisiert in Deutsch und degradiert die Schlachtpalette, wie sie einst Marco Ferreri in Das Grosse Fressen servierte zum angestaubten Platzhalter für Cineast:innen. Jasmin lässt ihren Bass tänzeln, denn nichts ist unsre Gier, während Helen immer wieder den härtesten Stahl durch ihre Industrial-Gitarre zum Funken schlagen bringt, begleitet von Techno-Rhythmen die all jene, die sich nun doch bis auf einen halben Meter an die Bühnenkante heran gewagt haben, Gummimenschen artig ihre Arme und Beine kreisen.

Gewalt | (c) Nico Pfüller

Die raren Backups der beiden Frauen sitzen, poliert und getimt wie das präziseste Uhrwerk der Welt und verbünden sich mit ihrem Sänger zum musikalischen Triple, das nicht eine Sekunde lang Erinnerungen an Demonstrationen aufkommen lässt wo Schlagermusik die Untermalung der Revolution ausmacht. Menschen die mitsingen, schreien, weinen und tanzen, all das bekommen die Musiker:innen zurück, von ihrem sich verschwitzt, in den unzähligen Stroboskopeffekt-Attacken bewegendem Publikum, sind gerne gesehene Gäste, so dass es fast kein größeres Kompliment geben kann, außer sich am Merchandise-Stand auf einen kleinen Plausch mit der Band einzufinden. Der neue Berliner-Noise zeigt, dass Es Funktioniert und dazu keine komplexen Beatstrukturen, oder Breakbeats aus der Schmiede der Atari Teenage Riots braucht um dem nachfolgendem Versuch der Unterwerfung zu entgehen.

Um sich die Szenen einer Ehe in Erinnerung zu rufen, darf jedenfalls die aktuelle Reinkarnation von Patricks Hochzeitsanzug nicht fehlen, mittlerweile prangt auf dessen Jackett, rückseitig das Gewalt-Logo und niemand könnte mehr Seelenstriptease für sein Eintrittsgeld bei einem Konzertbesuch bekommen.

Helen, Jasmin und Patrick sind laut und kraftvoll, spielen nicht einfach nur gegen Die Wand, klettern sie hoch, reißen sie ein und füttern ihre Performance mit ordentlich Stage-Action. Eingetaucht in grelles Licht gönnen sich die Musiker:innen auch in marineblauen Gefilde gehüllt keine Atempause und während Patrick fast am Boden kniend seiner Gitarre krachige Sounds entlockt, bedient Helen in Absatzschuhen spielend fast im 3/4 Takt die Auslöser ihrer Gitarrenpedale. Ohne Hinzunahme des Plektrums, die Saiten ihrer Bassgitarre zupfend, erreicht Jasmin genau jene auffällige und perkussive Dynamik, die dem gewaltigen Band-Sound eine enorm druckvolle Tiefe verleiht.

Gewalt | (c) Nico Pfüller

Das Paradies lässt uns opulent und ausufernd, wohlverdiente Früchte des Konzertausklangs kosten und die Höhen der hallenden Atmosphäre greifen. Wir sind sicher stellt danach erst einmal klar, dass es sich um den letzten Song handeln wird. Der ganze Saal schickt euphorisch tosenden Applaus begleitet von Zugabe-Rufen in Richtung Bühne den Patrick abschließend mit dem Statement kommentiert: „Wir sind Gewalt, wir spielen keine Zugaben“. Eine durchaus nachvollziehbare Ansage in meinen Augen, da Künstler wie Page Hamilton, Sänger der Band Helmet der Ansicht sind, dass Zugaben etwas für Rockstars sind und Musiker:innen von vornherein mehr Songs spielen sollten.

Ein tolles, mit Energie geladenes Konzert ist damit aus, alle sind nass geschwitzt, ausgelaugt und treten K.O. den Nachhauseweg an.

Titelbild: Gewalt | (c) Nico Pfüller

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Von Veröffentlicht am: 08.06.2022Zuletzt bearbeitet: 08.06.2022924 WörterLesedauer 4,8 MinAnsichten: 675Kategorien: Events0 Kommentare on BERICHT: Gewalt (04.06.2022 @ Lido, Berlin)
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Über den Autor: Nico Pfueller

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