Daniel Benyamin und Zar Monta Cola haben sich der Aufgabe verschrieben, Post-Covid die Trümmer der Kulturszene einzusammeln und sich ihre eigene Musik-Szene zu schaffen. 

Außer den gängigen Musikclubs in Europa spielen sie im Geiste von Fugazi und Sonic Youth einfach mal überall wo Begeisterung sprüht. Diese teilweise absurde Reise dokumentiert.

Zar Monta Cola in seinem Tourtagebuch, exklusiv für prettyinnoise.de.

Ein Softpunk bei Wacken und andere Konzerte nach der Apokalypse.

30. Juli 2022, Tangente, Vasenthien (Is bei Hannover!) 

Saßen so lange in der Karre, dass mir jedes Dorf wie’s Paradies erschien. Beim Übermaß an Landstraße wurde mir fast so schlecht wie bei’n Preisanzeigen der Tankstelle. Hatte Shower beim Austritt der Zeitkapsel. Die Euphorie auszusteigen, vermischte sich mit dem trüben Wetter zu einem schizophrenen Ereignis. Das Scheißwetter verursachte Glücksgefühle – strange. War froh meine Jacke schon drüber zu haben, als es anfing zu pissen. Dann war’s klar – wir spielen draußen.

Der ehemalige Dreiseitenhof war schön restauriert. Mit Unterkünften links, Werkstätten rechts und der Scheune, inklusive Gastgeber:innen, tollpatschigen Kätzchen und Galerie in der Mitte. Kamen rechtzeitig zur Ansprache, der ich wegen zu langer Nahrungsmittelaufnahmeverweigerung, nicht recht folgen konnte. Alle schienen erleichtert, dass wir es geschafft hatten und dementsprechend herzlich war der Empfang. Um den Glücksrausch noch abzurunden, stürzte ich mich auf Suppe und Bierchen. Mein innerer Himmel klarte auf. Ausladen. Aufbauen. Soundcheck – you know the drill. Glücklicherweise war der ukrainische DJ am Start. Neben seiner Soundaffinität hatte er auch Bock das Beste aus der geliehenen Anlage zu holen. Hatte ein gutes Gefühl. Auf dem Weg zu vielleicht noch ein wenig Suppe konfrontierte mich ein in sich gekehrter, junger Mann mit der Frage ob er etwas Gitarre spielen dürfe. Seltsamerweise tummelte sich das ganze Artcamp vor der Bühne, als er unsicher die ersten Akkorde klimperte. Entschlossen, ihn nicht alleine zu lassen, kletterte ich an meine Schießbude zurück. Nach einer zweistündigen Jamsession, in der alle Künstler:innen unter anderem in Muttersprache improvisierten, war ich überzeugt: der Höhepunkt des Abends ist überschritten.

Anfangs war ich zwar warmgespielt aber, nicht überzeugt vom Verlauf des Gigs. Doch dann sah ich nur noch strahlende, lachende und tanzende Gesichter. Sogar die ruhigen Songs wurden aufmerksam aufgesogen und mit überschwänglichem Applaus belohnt. Nichtmal der einsetzende Regen störte. Es war ein großartiges Konzert das von Tonträgerverkäufen abgerundet wurde. Nach Abbau ballerten süßmelancholische 80er-Synthbaladen durch den Innenhof.

Das Camp war vorbei und keiner wollt´s wahrhaben. Unser neuer Gitarrist, wurde mir gesagt, sei in Belarus gegen den Krieg demonstrierend, verhaftet und gefoltert worden. Er taute auf, als wir miteinander spielten.

Krieg und Kapitalismus ist Scheiße!

Nach etwas gutem Wein durfte ich mir mit Daniel das Pensionszimmerle teilen. Schnarch.

17. Juli 2022 – Meziprostor – Irgend wo bei Prag – Alles klar!

Nach Daniels Garten-Geburtstags-Party ab Richtung Prag. Der in dicken Nebel gehüllte Feldweg ohne Wendemöglichkeit, erschien als die Idee, die wir naiv verfolgten. Die Belohnung, prinzessinenlos, dafür aber unsere Unterkunft. Eine, in absoluter Dunkelheit versunkenen, auf einem von Gott vergessenen Hügel liegenden Dorfkirche, erwartete uns mit PumsFries® und tschechischem Bier. Beim nächtlichen Spaziergang stellten wir kläglich fest – auch hier werden Bordsteine hochgeklappt. Note to myself – nächstes mal nicht vorher ins Studio mit Doctorella 3 Songs aufnehmen – früher los. Ok.

Nach Morgenroutine (Kacken, Duschen, Frühstück) ging sie weiter, die heitere Wunderreise. Mein Arsch übersetzte mir noch, dass „in der Nähe von Prag“ auf Tschechisch durchaus, mit „kurz vor Wien“ übersetzt werden kann. Die Rettung nahte in Form von – richtig: Suppe. Diesmal vegan, mit Sauerkraut und Tofu. Auch hier füllte das Bier die Lücke der fehlenden Scheibe Brot. Erstmal zur Bühne.

Durch Aufräumen signalisierte ich – die Deutschen sind da! Dies zog einen weltrekordverdächtigen Umbau & Line-Check nach sich, der mich selbst beeindruckte. Die knackige Vorstellungsrunde auf der Bühne offenbarte: Der uns zugewiesene Toningenieur war leider keiner Sprache mächtig, die sich in meinem Repertoire befand. Glücklicherweise hatten wir noch einige, nicht ganz besinnungslos gesoffene Zuarbeitende aus dem Publikum.

Auch heute hatte ich nichts erwartet und wurde mit einem endgeilen Publikum belohnt, das nicht müde wurde, Tanz, Gelächter & Begeisterung zu kommunizieren.

Uns beiden war klar, wie sehr wir es genossen, nach 2 Jahren Germany nicht Germany zu spielen. Nach Einladen und weiter mit bezaubernden Besucher:innen feiern, beschlossen wir, unser sich in einer eigenwillig umgebauten Mühle befindenden, Nachtquartier aufzusuchen.

Mit eigenem Badezimmer und Betten unterm Dach ließen wir uns, zu den Klängen alter Jumbo Jet-Songs vom fernen DJ Pult, in einem halb-wachen Zustand halten, bis ich beschloss, die, auf volle Pulle laufende Anlage, die das ausgestorbene Festivalgelände bedröhnte, auszuschalten. Ohne Frühstück, abenteuerlustig geführt, ab nach Bremen.

22. Juli 2022 – Breminale – Hotel mit Frühstück

Ausgehungert und ausgelutscht, war das Hotel einfach, die Bühne jedoch nur mit Hindernissen zu erreichen. Das hatten sich die Organisator:innen wohl auch einfacher vorgestellt und schickten entschlossen die überengagierten Helfer:innen los, um den Inhalt unseres Kofferraums über den Deich, durch die Meute feierlustiger Breminale-Besucher:innen & das kurzerhand aufgeschraubte Gitter, zum hinteren Bühnenaufgang, zu tragen.

Nichts, was ein gutes Sandwich, eine Cola & eine Handvoll Gummizeug nicht wieder richten könnten. Alle waren extrem gastfreundlich & erfolgreich, es uns an nichts mangeln zu lassen. Sogar das Hotel indem nur das Wasser abgestellt war, wurde kurzerhand umgebucht, da wir, mal wieder, mehr waren als wir selbst wussten.

Auch hier war der Umbau zügig. Der Soundcheck war, zu meiner Erleichterung nur durch eine kaputte Zuleitung seitens der geliehenen Technik, um einige Minuten verzögert und konnte uns nicht daran hindern ein sehr energetisches und unterhaltsames Konzert, für ein feierwütiges Breminale-Publikum zu spielen.

Nach einem Teller Reis mit Scheiß folgte der Abbau. Wieder Gitter aufschrauben und durch die Menge den Deich hinauf, jedoch gesichert unter den wachsamen Augen von (gefühlt) 1 Million Polizist:innen. Daniel trinkt bestimmt immer noch Breminale-Cola. Nachdem wir im Hotel abgeladen und unsere Kumpelinnen nach Kneipenbesuch, nach Hause geeiert sind, beschloss ich, auf der Aftershow-Party mit meinen Freund:innen der Breminale-Crew zu saufen. Aua.

Zum Glück gab´s Hotel mit einer viel zu großen Auswahl an viel zu geilem Frühstück. Zurück nach Leipzig über Berlin mit Ausladen. Juhu. Feierabend! Horstival.

Es lebe das 9-Euro-Ticket. Nach 2 Stunden Zug holte mich Daniel ab. Wir fuhren in den Wald. Immer weiter in den Wald. Meine nass-geschwitzten Hände verschmolzen mit dem Türgriff. Was sollte das? War ich unaufmerksam? Hab ich die Zeichen nicht erkannt? Wollte er mich hier im Wald lassen oder womöglich auf einem Campingplatz – im Wald?

Als sich die Campingplatz-Schranke hinter mir schloss, gab ich mich innerlich auf. „Das war´s jetzt also!“ verhallte es in meinem verängstigten Schädel. Wir wurden viel zu herzlich empfangen. Alle waren viel zu freundlich und es gab Süßigkeiten und Orangensaft! Sogar Obst! „Ihr gebt euch wirklich Mühe, aber so leicht bin ich nicht zu täuschen!“ Sprach es und suchte den Haken.

Ich versuchte, mir meine Panik nicht anmerken zu lassen. Die Bühne war groß, sogar ausgestattet mit einer guten Anlage und Fachpersonal. Jetzt war ich mir sicher das es ein Trick war. Aber ich spielte mit.

Getrieben von der Angst es könnte mein letztes Konzert sein, wollte ich Daniel überzeugen das er es sich noch anders überlegt und mich nicht im Wald aussetzt.
Mit all den viel zu netten Familien und den PumsFries® & vegetarischen Schnitzeln, den Gemeinschaftsduschen und dem zauberhaften See, bei göttlichem Wetter mitten im Wald – niemand würde mich hier vermuten, geschweige denn dort nach mir suchen.

Wir verlebten einen zaubervollen Abend mit guten Gesprächen, Baden im See und einer luxuriösen Nacht auf dem Bungalowsofa. Vor der Abfahrt gabs noch Käsebrot – das mich wieder kurz zweifeln ließ. Zu meiner Überraschung ging die Schranke wieder auf. Mit mir im Auto, ließen wir den Campingplatz im Wald und den Wald hinter uns und fuhren direkt zum Bahnhof. Dort verpasste ich meinen Zug und musste nur 2 Stunden warten um nach weiteren 2 Stunden auf meiner Tasche sitzend wieder in Leipzig anzukommen. Verwirrt aber glücklich erreichte ich Leipzig und das Bangen lag hinter mir. Außer das Head – Bangen.

Wacken 2022 – Wann proben wir eigentlich mal wieder, Daniel?

Als ich im Konsum an der Kasse die Wacken-Bier-Pyramide sah, musste ich kurz lachen. Hatte Daniel nicht neulich versucht, mich zu verarschen und mir geschrieben, wir spielten auf dem Wacken?

Ja, klar. Du mich auch …

Brav fuhr ich mit meinem 9-Euro-Ticket nach Berlin. Zum Proben, dachte ich. Neues Material, bisschen schwimmen – Quality time. Als wir das Auto geladen hatten, dachte ich immer noch wir fahren in den Proberaum. Stattdessen holten wir unseren alten Kumpel Martin, den Bestseller-Autor, ab und fuhren mit ihm – ja klar… – zum Wacken.

Irgendwie hielt ich an der Vorstellung fest er würde uns zum Essen einladen oder so…

Der Beginn eines relaxten Probewochenendes in Berlin. Mit alten Freunden, warum nicht? Es war schon etwas seltsam, dass er ´nen echt schweren Koffer dabei hatte. „Sind Bücher drin – für´s Wacken – LOL.“

Es war echt lustig im Auto. Eine Krachergeschichte vor dem nächsten Lacher. Ausgelassen störte mich nicht, das wir die Stadt immer weiter hinter uns ließen. Weeeeiiiit hinter uns!

„Klar, Martin. Du hast mal in Hamburg gewohnt aber das ist schon etwas übertrieben uns dahin zum Essen auszuführen. Na, von mir aus. Ach – doch nicht in die Stadt rein. Ins Hotel – Klar. Essen im Hotel und dann wieder zurück nach Berlin zum Proben. Ihr spinnt wohl. Dann will ich auch ein Zimmer…! Sind verdächtig viele Metalheads in der Lobby. Und ein Wacken-Shutlle. Nice touch.“

Leicht verwirrt ging ich mit meinem mir seltsamerweise ausgehändigten Schlüssel auf mein eigenes Zimmer.


„Anscheinend treffen wir uns in ´ner halben Stunde wieder in der Lobby und fahren dann aufs Gelände. Ok. Mal sehen wie lange die das noch durchziehen“, lachte ich mir.

Im Auto wurde ich immer ruhiger. Sollte das wirklich wahr sein? Auch als wir ankamen und ausstiegen und am Einlass unser Ticket abholten und ich eine Flasche Meet und eine Tüte Gummibärchen geschenkt bekam und vor der Bühne Mercyful Fate anschaute und dann in der Backstage Bier bekommen hab und uns unsere Bühne gezeigt wurde, war ich noch immer nicht ganz sicher was das für ein Witz werden sollte.

Nach Judas Priest und weiss der Geier wieviel anderen Bands fuhren wir zurück zum Hotel und ich schlurfte in mein eigenes Zimmer. Geiler Ausflug!

Nach dem ausgezeichneten Frühstück fuhren wir, diesmal mit einem Umweg von, 2 mal ums Gelände rum wegen, Ausfahrt verpeilt und jetzt alles Einbahnstraße, zurück zum Festivalgelände. Privilegiert wie ich nun mal bin wurde unser Gear und ich, mit dem eigens nach uns geschickten Bühnentransportvehikel, direkt durchs Publikum an die Bühne kutschiert und durfte ganz alleine ausladen. Ich war sprachlos. Als die Jungs eintrafen – Partybesprechung.

„Martin liest aus seinem neuen Buch wir spielen ein paar Songs. Dann wird wieder gelesen. Dann Pause und dann das gleiche nochmal. Dann Einladen, richtig geil in der Backstage abhängen und spachteln bis der Arzt kommt um dann pünktlich zu Slipknot. Danach zurück nach Berlin.“

Die Bühne, auf der sonst immer Henry Rollins liest, war umrandet von Bierbänken. Das Technikteam kompetent und engagiert, hatte richtig Bock und machte ´nen sehr guten Job. Ich fühlte mich sehr aufgehoben und unser Amp, der beim Soundcheck abgeraucht ist, wurde auch sofort, durch einen überdimensionierten Metallkühlschrank ersetzt – De Luxe. Es geht auch anders – Ja, ich spreche mit dir: „`n Kickmike reicht doch, oder?!? Boah, ´nee, viel zu aufwändig…“

Die Songs liefen super, nur auf der Bühne rumsitzen während Martin liest war nich so überlegt, dachte ich. Als Martin die Tabuisierung von psychischen Krankheiten thematisierte und für einen offeneren Umgang plädierte, taumelte ein Typ in Richtung Bühne. Dort angekommen stützte er sich am Gitter ab und lallte: „Du, nee…“ und schüttelte mit erhobenem Zeigefinger den Kopf. „Das will hier Keiner hören!“

Ich war total erschüttert. Wie dreist und respektlos, dachte ich mir während mein Mund sich öffnete und mich sagen hörte: „Nee, DU willst das nicht hören! Und jetzt verpiss dich, aber ganz schnelle Füße!“

„Oh, shit!“ Mein Kopf. Streit angefangen von der Bühne, auf´m Metal-Festival. Was für ein Ende. Ich wollte doch nur proben und jetzt sowas. Das unüberlegte Auf-der-Bühne-sitzen entpuppte sich als echter Job, der zur Folge hatte, dass der Typ sich tatsächlich verdünnisiert hat, ohne mich zu töten. Danach lief´s richtig gut, alle haben mitgemacht, gefeiert und sogar Merch gekauft. Dass es so läuft hätte ich mir nicht vorstellen können.

Das “SpaceBühnenShuttle” brachte mich dann wieder zurück, wo ich nur noch das Auto finden musste. Daniel hatte umgeparkt und mir beschrieben wo – Doppel LOL. Dann sporteinladen und Sport-in-die-Backstage-Wanderung. Im Schlaraffenland gab´s dann wirklich alles. Von Handtüchern über Massagen und Tattoos, sogar ´nen Frisör, denn sich Daniel gönnte und natürlich Essen ohne Ende.

Am Ende war ich so vollgefressen, dass ich dachte: „Slipknot ist die beste Death-Metal-Band der Welt!“

Als wir Martin ausgeladen hatten, damit er rechtzeitig in´n Urlaub kommt, dachte ich mir: „Geil, Maske tragen auf dem Festival. Wieso bin ich da nicht früher drauf gekommen. Kein Staub in der Nase und krank werd ich wahrscheinlich auch nicht. Perfekt, das merk ich mir!“ Bleibt nur noch die Frage: „Wann Proben wir eigentlich mal wieder, Daniel?“

Die Tour geht weiter…kommt vorbei!

  • 23.09. WALDENBURG, Gleis 1
  • 24.09. BURGKUNSTADT, Roesla
  • 25.09. DRESDEN, Scheune
  • 06.10. HOF, Alte Filzfabrik
  • 07.10. BRACKENHEIM (b. HEILBRONN), Epizentrum
  • 08.10. GÖPPINGEN, Chapel
  • 10.10. CALW, tba
  • 11.10. AUGSBURG, Soho Stage
  • 12.10. ERFURT, tba
  • 13.10. LEIPZIG, Täubchenthal
  • 14.10. HUSUM, Speicher
  • 15.10. KASSEL, Schlachthof
  • 16.10. BARSINGHAUSEN b. Hannover, Kulturverein Krawatte
  • 25.10. WACHTBERG, Drehwerk 1719
  • 26.10. LUXEMBURG De Gudde Wellen
  • 27.10. NEUNKIRCHEN, Stummsche Reithalle
  • 28.10. DORTMUND, Subrosa
  • 29.10. AACHEN, Überhaupt
  • 30.10. WETZLAR, Cafe Vinyl
  • 04.11. MÜNCHEN, Alte Utting
  • 05.11. RAVENSBURG Zehntscheuer
  • 06.11. FREIBURG, Klimperstube 

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