Was passiert, wenn sich drei „sozusagen“ Big Names der Underground-Szene zusammentun?

Eigenständige, postmoderne und trotzdem atmosphärische Musik, die auf den ersten Blick wie eine Mischung aus allen Beteiligten, das eigene musikalische Spektrum um mehr als eine Komponente erweitert, ist das Resultat.

2016 feierte diese doch eher ungewöhnliche Kollaboration ihre Premiere auf dem Roadburn Festival in Tilburg (NL).

Blood Moon wurde das Projekt getauft und präsentierte diverse Songs aus der Feder Converges in neuen, nie zuvor gehörten Versionen. Alle involvierten Musiker:innen schienen Blut geleckt zu haben und bestätigten ein komplettes Album. Chelsea Wolfe, die wohl kommerziell erfolgreichste Künstlerin dieses Reigens, veröffentlichte seit 2006 mehrere Solo-Alben.

Nachdem ihre früheren Bands wie zum Beispiel Red Host, Winter Trees oder auch Wild Eyes relativ zügig das zeitliche segneten, begibt sich Chelsea damit erneut in ein Bandgefüge.

Am 28.01.2021 erblickte ihr zuvor im Rahmen des Acoustic-Albums verworfener Song Anhedonia das Licht der Welt, den Chelsea Wolfe in ein Duett mit ihrer Blutschwester Emma Ruth Rundle umsetzte. Stephen Brodsky, seit mehr als 20 Jahren Gitarrist der Band Cave-in, die Anfang 2002 von RCA Records unter Vertrag genommen wurden, verlore 2018 durch einen tragischen Verkehrsunfall seinen Bassisten und Freund Caleb Scofield. Neben Old Man Gloom oder New Idea Society scheint Stephen einen schier unerschöpflichen kreativen Output zu besitzen, tourte er auch schon diverse Male mit seiner eigenen Band Mutoid Man durch die Ländereien.

Converge ihrerseits, auch längst keine Unbekannten mehr in Bezug auf extreme Musik, fungieren letztendlich als Initiatoren dieser multiinstrumentalen Zeremonie.

In den letzten 5 Jahren schien es jedoch so als sei das Projekt zu Grabe getragen worden, aber am 28.09.2021 wurde wie aus dem Nichts verkündet, Blood Moon nimmt Gestalt an.

Acht Minuten nimmt sich Blood Moon Zeit eine dunkle Stimmung aufzubauen, die zarten, ausdrucksstarken Gesänge von Chelsea mit Jacob Bannons Schreien zu kontrastieren und ein Gegengewicht in die vermittelte Ruhe, intravenös, zu initiieren.

Converge, 1994 in Boston gegründet bewiesen mehr als einmal in ihrer Karriere, dass Kreativität und technisches Know How bereits mit der Muttermilch verabreicht wurde.

Sänger Jacob, nebenbei als Grafikdesigner unterwegs, lotete bereits mit Solo-Veröffentlichungen wie Wear Your Wounds die Gefilde getragener musikalischer Natur perfekt aus. Kurt Ballou, Gitarrist der Band, mischte in seinem eigenen Godcity Recording Studio unzählige Bands der Hardcore-Szene, die auf Namen wie All Pigs Must Die, Nails oder Drop Dead hören. An dieser Stelle schließt sich der Kreis, trommelte Ben Koller in der Vergangenheit schon bei Cave In und aktuell neben Converge auch bei All Pigs Must Die. Vierter im Bunde, Nate Newton, für die richtigen Basslines zuständig, spielte mit Old Man Gloom und den Doomriders mehrere Alben ein.

Nach Aussage der Band sollte sich ein neues Album vom ersten bis zum letzten Ton komplett von den bisherigen Veröffentlichungen unterscheiden.

Bereits Blood Moon erfüllt das gesteckte Ziel über alle Maßen. Ich kann mich an kein Album erinnern wo Converge bislang ein Piano integriert hätten. Für den Videoclip zauberte Emily Bird einen Wald voller nebelverhangener Bäume, sich windender Schlangen, die durch die Strand und Rotlichtsequenzen eindrucksvoll durchbrochen werden. Fast möchte ich die Worte „Konzeptalbum im Bandkontext“ durch den Nebel huschen lassen. Experiment geglückt würde ich mutmaßen und damit sieht sich das Projekt in der Nähe zu ähnlich monumentalen Werken von Neurosis und Cult Of Luna gerückt.

Gerade die Verknüpfung von weiblichem Gesang und härterem Shouting erinnert positiv an die Kollaborationen mit Jarboe und Julie Christmas der zuvor genannten Bands.

Titelbild: Converge | (c) Emily Birds

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