Ein Fluss. Nebel über dem Wasser. Nasses grünes Gras. Dunkle Bäume. Hier schimmert gar nichts, auch wenn der erste Song auf der EP Vlimmer I „Schimmer” heißt.

Die zwei Zwillingswerke von Vlimmer sind dunkler Stoff. Das einzige was schimmert, ist das Können von Alexander Leonard Donat, der Mann hinter Vlimmer. Sein Können, Atmosphäre und Bilder hervorzurufen und tiefe, existentialistische Texte zu schreiben.

Gleich zwei EPs veröffentlich Vlimmer zum Debüt von Vlimmer, einfach betitelt I und II. Vlimmer mischt Shoegaze, Darkwave und Postpunk. Diese Musik lässt die Wahrnehmung abdriften – durch Hall, Effekte und Verzerrungen. „I didn’t mean to drown myself. I meant to swim till I sank”, schrieb mal Joseph Conrad und das passt so gut zu Vlimmer und die Wirkung seiner Musik. Merkmale sind der verschwommene, langgezogene Gesang und die lineare Struktur der Songs. Doch noch mehr prägend und vor allem lobenswert ist die Fähigkeit, Stimmung und Lyrics zusammenzubringen. Beim Hören evoziiert die Musik Bilder, Wörter im Kopf, die dann man in den Lyrics wiederfindet.

Der Opener „Schimmer” fasziniert mit seinen Drums und seinem Bass und schafft jenen atmosphärischen Raum, den man für die nächsten 46 Minuten nicht mehr verlassen wird. Hier merkt man, wie die Songs unlösbare Konstrukte sind, wie alles in einer Stimmung schmilzt. Wieder eine gute Bassline ist in „Zeitrand” zu hören, ein Anker, der dem Song Tiefe verleiht und ihn nicht zu sehr „airy” werden lässt. „Verankerung” gehört zu den besten Tracks der EPs, hier ist der Gesang etwas verständlicher, es gibt mehr Struktur. Der Bass pulsiert, die verzerrten Synths-Einlagen wirken wie die im Text gesungenen „dünnen Streifen Regen”, die Atmosphäre öffnet sich bei dem Wort „Existenz”. Ein Marsch in der Dunkelheit ist das an Verzerrungen reiche „Kanzer”. Der Gesang klingt wie eine Ruf, man stellt sich vor, wie jemand ziellos in einem dunklen Wald geht und nach dem „beinahe Nicht” ruft. Ein bisschen Licht bietet der letzte Track von I, „Geigerzahl”. Hier sind die Gitarren nicht verzerrt, die Stimme ist klarer, alles ist ätherisch, erleichtert, als ob man nach oben schweben würde.

Konsequent zu diesem letzten Song geht es weiter auf der zweiten EP, II. Etwas heller in der Stimmung, mehr Elemente sind jetzt im Vordergrund. Die Drums zum Beispiel in „Zeitriss”, die ungewöhnlich warm wirken. Der Gesang kommt auch mehr an die Oberfläche – oder besser gesagt, vom Äther nach unten. „Pianist”, wieder ein Höhepunkt, lässt alles vibrieren und pulsieren über einem zarten Synth-Teppich. Sehr schön ist, wie die Keyboards und die Stimme harmonieren. Gleich danach noch ein Schlag, „Konstrukt”. Tänzerisch, Elektro, fast Industrial, die Drums kommen genau dort herein, wo man sie vermisst hatte. Es erinnert fast an The Soft Moon – wenn auch mit einem unterschiedlichen, nostalgischeren Gesang. Konstrast dazu bildet „Stillstand”. Die Musik und die Stimme ziehen sich lang, wiederholen sich, um einen bedrohlichen Kreis zu bilden, aus dem kein Ausgang möglich ist. Stillstand eben. Und dann wieder eine Wendung. Schneller, rhythmischer, mit einem eindringlichen Bass schließt „Verschiebung” die EP ab. Hier ist kein Stillstand mehr, hier ist alles in Bewegung, „ohne Halt”, singt Donat. Man lässt sich treiben, man geht verloren.

Morbide Atmosphäre, verzerrte Klangbilder, Beklommenheit: Das ist nicht etwas für alle, man muss schon Shoegaze und Co. mögen, um Vlimmer zu schätzen. Aber wenn es so ist, dann wird man I und II lieben.

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