Während sich Portishead in den letzten Jahren auf sämtlichen Festivals als Helden des Trip-Hop feiern ließen, wuchs im Untergrund eine Bewegung, die Geoff Barrow vom Thron zu stoßen drohte. ‘Tomorrow’s Harvest’ heißt diese Revolution und Boards Of Canada gehören spätestens jetzt zu den wichtigsten Vertretern der modernen elektronischen Musik. Aus dem Nichts kamen sie zurück. Im Gepäck: eine beeindruckende neue Platte und diese Platte bricht alle Dämme. Das Land des Trip-Hops hat einen neuen König.

Für viele Menschen waren Boards of Canada bislang ein unbeschriebenes Blatt. ‘Tomorrow’s Harvest’ allerdings, das erste Album nach sieben Jahre Wartezeit, sprengt die Medienwelt und drängt Daft Punk von den Titelseiten von Pitchfork, dem Guardian und dem Feuilleton der New York Times. Ähnlich wie sie bis vor kurzem verheimlichten, dass sie Geschwister sind, trieben die geheimnisvollen Schotten Marcus Eoin und Mike Sandison dieses Spiel von Anfang an auf die Spitze.

Seit ‘The Campfire Headphase’ wurde es still um die beiden Junggenies, die schon mit ihrem Debütalbum ‘Music Has The Right To Children’ eine neue Ära der elektronischen Musik einläuteten. Die Reise in das Innere, das Psychedelische, was es seit Jean-Michel Jarres ‘Oxygéne’ nicht mehr gab, ist das Besondere an Boards of Canada. Die herausfordernde Leichtigkeit im Songwriting und der erfrischend ehrliche Stil, in welchem die Drums noch eingespielt werden, begeisterten en masse.

Dann plötzlich: Record Store Day 2013 und was passiert? Ein Soundfetzen erscheint, eine Stimme verlautet Codes. Die Verwirrung ist groß und die Mutmaßungen um Boards of Canada werden laut. Rätselhafte Webseiten und Blogs führen entlang einer Schnitzeljagd, die daraus besteht, das Passwort der neuen Band-Homepage zu knacken. Das Ergebnis nach Tagen der Gerüchte, Sonderberichten und Informatik-Nachhilfe: Der Trailer für ‘Tomorrow’s Harvest’.

Der spektakuläre Soundfetzen entpuppt sich mittlerweile als ‘Semena Mertvykh’, einem klassischen BoC-Song, der treibt und staunen lässt. Vibrato-Synth und authentische Beats überzeugen nicht einfach. Sie lassen das Gefühl aufkommen, dass man sich viel zu selten Gedanken über sein Leben macht. Boards of Canada sind vielleicht sogar Propheten, die mit einer einfachen Nachricht von einer langen Reise zurückkehrten: Sei und Genieße.

Während die früheren Alben schon in sich geschlossen wirkten, ist ‘Tomorrow’s Harvest’ genau das, worauf alles hinausläuft. Dieses selbstproduzierte Album ist in sich geschlossen und steckt mit seinen siebzehn Stücken tief in der Materie. Viele Experimente, schöne Variationen und eine innere Ausgeglichenheit bringen Faszination und Begeisterung für das Einfache in die alternative Musik zurück. Während sich alles um große Lichtshows, abgefahrene Instrumente, ausgefallene Bühnenpräsenz und Lautstärke dreht, kommen Eoin und Sandison mit der Botschaft, dass das Schöne so denkbar einfach sein kann.

Hier gibt es keine besonders herausstechenden Singles, denn ‘Tomorrow’s Harvest’ ist ein Konzeptwerk. Jeder Song greift die anderen auf. Ob der Opener ‘Gemini’ mit der Bläserintroduktion oder der letzte Song ‘Semena Mertvykh’ mit seinen Drone-Einflüssen – man möchte diese Musik zum Essen ausführen oder lieber sofort heiraten und mit ihr alt werden.

Ich weiß nicht mehr genau, wer Portishead war oder was Aphex Twin in den letzten Jahren getrieben hat, aber für mich gibt es jetzt eine neue Hoffnung für das elektronische Land. Denn Boards Of Canada bringen nicht nur Milch und Honig, sondern befreien auf halber Strecke auch noch die Genre-Sklaven der vergangenen Jahrhunderte.

01. Gemini
02. Reach For The Dead
03. White Cyclosa
04. Jacquard Causeway
05. Telepath
06. Cold Earth
07. Transmisiones Ferox
08. Sick Times
09. Collapse
10. Palace Posy
11. Split Your Infinities
12. Uritual
13. Nothing Is Real
14. Sundown
15. New Seeds
16. Come To Dust
17. Semena Mertvyk

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