BERICHT: Pukkelpop Festival | 15.08. – 17.08.2013, Kiewit Belgien

BERICHT: Pukkelpop Festival | 15.08. – 17.08.2013, Kiewit Belgien

Das Pukkelpop Festival in der Nähe der belgischen Stadt Kiewit bei Hasselt erlangte vor zwei Jahren traurige Bekanntheit. Am 18.08.2011 starben bei einem starken Unwetter, welches das Festivalgelände verwüstete, fünf Personen. Etwa 70 Menschen wurden verletzt.

Meine Begleiter und ich entschieden uns dieses Jahr aufgrund der zeitlich günstigen Lage in den Semesterferien und dem abwechslungsreichen Line Up für das Pukkelpop. Ein schlechtes Gefühl oder gar Angst hatte keiner von uns, da eine solche Tragödie prinzipiell jedes Festival heimsuchen könnte. Leider musste das Festival kurz vor Beginn die Absage von Neil Young & Crazy Horse verkraften. Es wurde von der organisatorischen Seite um Ersatz bemüht. Allerdings stand bis zu unserem Anreisetag noch kein weiterer Act fest.

Mittwoch:

Nach einer weitestgehend ohne Probleme verlaufenen Anreise erreichen wir den vorher anvisierten Parkplatz und machen uns auf den Weg zum Campingplatz B. Es gibt drei verschiedene Campingplätze beim Pukkelpop. Schon beim Ticketkauf muss der angestrebte Platz angegeben werden. Der Weg zwischen Parkplatz und Campingplatz ist lang. Und wenn ich lang sage, dann meine ich lang. Für den Weg vom Campingplatz zum Parkplatz und wieder zurück ist man beladen mit Gepäck locker eine Stunde unterwegs. Zusätzlich werden am Eingang des Campingplatzes relativ genau nach Glas durchsucht. Der Platz an sich ist aber wunderbar. Saubere Dixis, wobei es einen extra Stand für Klopapier gibt, der 24 Stunden am Tag besetzt ist und ständig Nachschub erhält. Außerdem gibt es, wie schon eine Woche vorher in Ieper, Kabinenduschen mit warmem Wasser. Diese sind allerdings an Festivaltagen ab 9 Uhr nicht mehr ohne eine gute Portion Geduld zu benutzen, da sich meist eine 100 Meter lange Schlange davor bildet. Hier wären mehr Duschen im nächsten Jahr wünschenswert. Über einen Infobildschirm am Campingplatz werden fortlaufend wichtige Informationen und Regeln zum Thema Camping und Festival eingeblendet. Darüber erhalten wir auch die Nachricht, dass am Freitag Major Lazer zusätzlich auf der Main Stage spielen wird. Dies löst zwar keine Begeisterungsstürme in mir aus, aber bei insgesamt 8 Bühnen wird sicher eine Alternative zu finden sein. Abends gibt es noch eine Warm Up Party auf dem Festivalgelände im Boiler Room, die wir uns aber sparen.

Donnerstag:

Der Weg von Campingplatz B zum Festivalgelände nimmt über eine halbe Stunde in Anspruch, führt dabei allerdings durch ein kleines Wäldchen und ist so sehr angenehm zu überbrücken. Am Gelände angekommen werden uns nach der Kontrolle der Ausweise für die Bändchen unsere Tetrapacks abgenommen. Zu groß seien diese. Welche Größe allerdings erlaubt ist, konnte uns niemand erklären.

Das Gelände an sich in für ein Festival dieser Größe relativ klein. Dafür ist alles mit viel Liebe gestaltet. Viele Fahnen und Luftballons sind zu sehen. Wie oben schon erwähnt, gibt es 8 verschiedene Bühnen, wobei bis auf die Main Stage alle in Zelten untergebracht sind. Namentlich heißen die Bühnen Marquee, Dance Hall, The Shelter, Boiler Room, Castello, Club und Wablief. Die Wege zwischen den einzelnen Bühnen sind aber verhältnismäßig kurz, sodass ein Bühnenwechsel selbst zu später Stunde schnell durchzuführen ist. Die Bühnen sind außerdem so zueinander ausgerichtet, dass man nur ganz selten von dem Schall anderer Bühnen gestört wird. Im Verlauf des Wochenendes statte ich jeder Bühnen einen Besuch ab außer dem Boiler Room. Dort legen von 12:00 Uhr bis 04:00 Uhr DJs auf. Das Essensangebot ist vielfältig und das selbst für Vegetarier. Allerdings sind die Preise unverschämt teuer. Was man außerdem vergeblich auf dem Gelände sucht, sind Trinkwasserstellen.

Gleichzeitig mit dem Betreten des Festivals fängt es kräftig an zu regnen. Es soll aber der einzige kräftige Schauer in drei Tagen bleiben. Schnellen Schrittes begeben wir uns zum Shelter. Dort beginnen mit viel Nebel Oathbreaker ihr Set. Große Änderungen zu ihrem Auftritt letzte Woche beim Ieperfest sind nicht zu erkennen. Allerdings ist heute der Sound deutlich schlechter. Während der Gesang viel zu leise ist, übertönt der Bass durch ein ständiges Dröhnen die anderen Instrumente. Der schlechte Sound trübt also deutlich die Stimmung. Schade.

Anschließend betrete ich die direkt neben dem Shelter gelegene Marquee, um mir Merchandise anzugucken. Meine Mitfahrer schauen währenddessen Imagine Dragons, die ihren Berichten zufolge einen guten Auftritt abgeliefert haben sollen. Merchandise bieten einen solide Mix aus Indie und Post-Punk, wobei das Set wirklich Höhepunkte vermissen lässt.

Wieder zurück im Shelter schaue ich knapp 25 Minuten des Auftritts von The Menzingers. Deren Punk Rock erfindet sicherlich das Rad nicht neu, aber man muss ihnen zugutehalten, dass sie das sehr ruhige belgische Publikum zumindest etwas aus der Reserve locken.

Nun mache ich mich zum ersten Mal auf den Weg zur Main Stage. Der Grund dafür ist der amerikanische Rapper Mac Miller. Namentlich war mir der gute Herr schon länger bekannt, aber erst vor dem Pukkelpop habe ich auch in ein Album reingehört und es gefiel relativ gut. Auch der Liveauftritt fällt da nicht ab. Obwohl ich jetzt sicher keine Poster von ihm über mein Bett hängen werde, unterhält er mich und den Rest des Publikums mit Hits wie „Donald Trump“ oder „Knock Knock“ für die nächsten 45 Minuten sehr gut. Sollte ich ihm ein weiteres Mal auf einem Festival begegnen, ich würde die Stage nicht wechseln.

Nur ein Katzensprung von der Main Stage entfernt ist der Club. Dort spielen Allah-Las aus Los Angeles. Ihr leicht psychodelisch angehauchter Garage Rock gefällt mir gut vermittelt eine angenehm entspannte Atmosphäre. Das sehe nicht nur ich so, denn das Zelt ist sehr gut gefüllt. Besonders in Erinnerung bleibt mir der zwischendurch eingestreute instrumentelle Song, der sich gut in das restliche Set einfügt.

Während auf der Main Stage mit Kendrick Lamar ein weiterer Rapper an den Start geht, begebe ich mich in die Marquee zu Surfer Blood. Die Band hat dieses Jahr ihr zweites Album „Pythons“ veröffentlicht und präsentiert dieses nun bei einigen ausgewählten Festivalauftritten. Der Indie Rock besticht vor allem durch die schöne Stimme des noch sehr jungen Sängers. Zu meiner Überraschung begibt sich der vorher recht statisch agierende junge Mann plötzlich ins Publikum und singt dort einen Song. Das ganze rundet den durchaus gelungenen Auftritt der Band ab.

Im Shelter spielen anschließend Zebrahead. Deren Show wird vom ganzen Zelt bis in die hinterste Ecke augenscheinlich abgefeiert. Außer von mir. Die Musik ist in meinen Augen ziemlich langweiliger Punk und beim fünften „OhOhOh“-Part, den das Publikum wiederholen soll, verlasse ich das Zelt, um mir einen guten Platz bei den Deftones zu sichern. Der schlechte Sound unterstreicht zusätzlich das Gesamtbild des Auftritts.

Der Auftritt der Deftones ist für mich leider eine der größten Enttäuschungen des Wochenendes. Das liegt allerdings nicht am Auftritt der Band oder der Setlist, die beide wirklich sehr gut sind, wobei ich doch gerne „Passenger“ gehört hätte. Sänger Chino Moreno ist dauerhaft in Bewegung und nimmt für einen Song auch ein Bad in der Menge. Doch leider ist der Sound auf gut Deutsch komplett für den Arsch. Hier stimmt wirklich gar nichts. Mit Mühe und Not kann man den Sänger zu Anfang hören. Im Verlauf des Sets verbessert sich das Ganze nur minimal. Schade. Darüber tröstet auch leider nicht der Gänsehautmoment hinweg, als dem ehemaligen Bassisten der Band Chi Cheng, der im April dieses Jahres verstorben ist, der Song „Change“ gewidmet wird.

Zurück im Shelter gucke ich den Hardcore Punk Veteranen von Fucked Up, deren Auftritt allerdings auch unter schlechtem Sound zu leiden hat. Die Band macht das Beste draus und liefert einen unterhaltsamen Auftritt ab. Allerdings kann ich nicht ganz nachvollziehen, wozu die Band drei Gitarren benötigt, um ihren Sound zu kreieren. Hauptverantwortlicher für die gute Laune ist Sänger Damian Abraham, der die meiste Zeit im Bühnengraben oder zwischen den Zuschauern. Es findet sich auch eine beachtliche Menge, die ihn textlicher unterstützt. Zwischen den Songs lobt er die gute Organisation des Festivals und erzählt, dass er sich sehr auf den heutigen Auftritt von Eminem freut. Hier wird die Vielfalt des Line Ups deutlich.

Nach dem Auftritt mache ich mich zum ersten Mal an diesem Wochenende auf den Weg zur Dance Hall. Der dortige Auftritt von AlunaGeorge ist für mich die Entdeckung des Wochenendes. Das Elektroduo besteht aus Sängerin Aluna Francis und George Reid. Live werden sie dabei von Bass und Drums unterstützt. Gespielt wird sehr ruhiger und eingängiger Elektro, der trotzdem das ganze Zelt zum Tanzen bringt. Mit Sängerin Aluna wird zusätzlich zur Freude der Herren im Publikum einiges fürs Auge geboten. Songs wie „Attracting Flies“ und „You Know You Like It“ gehen sofort ins Ohr und werden zu Ohrwürmern. Noch am nächsten Tag erwische ich mich mehrmals dabei, wie ich die Melodie leise vor mich hin summe.

Wieder zurück zum Shelter, wo sich eine Hardcore Legende die Ehr gibt. Walter Schreifels, seines Zeichens (ehemaliges) Mitglied bei Youth of Today und den Gorilla Biscuits, spielt mit seiner Band Quicksand einen der seltenen Auftritte in Europa. Die Band bietet mit ihrem Hardcore Punk eine solide Show. Der Funke will bei mir aber nicht so ganz überspringen. Es könnte vielleicht auch an den zu hohen Erwartungen liegen und der Tatsache, dass mir die Gorilla Biscuits doch etwas lieber gewesen wären.

Auf der Main Stage spielen nun die Nine Inch Nails. Überraschenderweise haben wir während des Auftritts viel Platz um uns herum. Vorher war ich der festen Überzeugung, dass die meisten Leute die Band von Trent Reznor sehen wollen. Die Show an sich ist vor allem visuell ein Highlight, denn es wird an Lichteffekten alles aufgefahren, was das Herz begehrt. Die Musik kommt natürlich auch nicht zu kurz. Obwohl ich nicht der allergrößte Nine Inch Nails Fan bin, gefällt mir der Auftritt wirklich gut. Vor allem der Drummer hat für seine Performance ein Lob verdient. Trent Reznor scheint heute allerdings nicht seinen besten Tag erwischt zu haben. Nach dem abschließenden „Head Like a Hole“ schleudert er seine Gitarre gegen einen der Bildschirme und verlässt die Bühne 10 Minuten früher als geplant. Keine Zugabe. Kein „Hurt“ wie beim Lowlands Festival in den Niederlanden am nächsten Tag. Wahrscheinlich fühlt sich der gute Herr gekränkt, da er nicht als Headliner spielen darf sondern von Eminem auftreten muss.

Nun heißt es warten. Und warten. Und warten. Eine halbe Stunde länger als geplant lässt sich Eminem Zeit, um auf die Bühne. Headliner hin oder her. Das muss nicht sein. Gerüchten zur Folge gab es Diskussion über weibliches Securitypersonal im Bühnengraben. Während der Wartezeit füllt sich die Main Stage auf jeden Fall bis auf den letzten Platz. Als Eminem endgültig von einer Liveband begleitet die Bühne betritt bin ich zuerst einmal erstaunt über sein Aussehen. Mit mittlerweile 40 Jahren sieht der Mann immer noch genauso aus wie zu Anfang des Jahrhunderts, als ich ihn zum ersten Mal wahrnahm. Der Auftritt ist sehr unterhaltsam. Alle Hits werden gespielt und wie viele Hits der Herr hatte, wird mir dadurch überhaupt erst bewusst. Was mich allerdings stört ist die Tatsache, dass von den meisten Songs nur das Schema Refrain, 1.Strophe, Refrain gespielt wird, um anschließend zum nächsten Song überzugehen. Dadurch kommen einem die Songs wie ein einziges großes Medley vor. Weniger und dafür komplette Songs wären meiner Meinung nach die bessere Alternative gewesen. Nichtsdestotrotz ist es wirklich ein Erlebnis einen der wenigen verbliebenden Superstars des Musikbusiness einmal live zu erleben.

Während Eminem gerade seinen letzten Song spielt, beginnt in der Marquee mein großes Highlight des Wochenendes: Godspeed You! Black Emperor. Die Marquee ist leer. Problemlos kann ich mich zentral in der dritten Reihe positionieren ohne angestoßen zu werden. Man hat schon vor dem Beginn das Gefühl, dass die 99% der Menschen wissen, was sie erwartet und sich geistig darauf einstellen. Als die 10 Personen die Bühne betreten ertönt großer Applaus gefolgt von Stille. Die Band beginnt. Über einen Projektor werden Schwarz-Weiß Videos abgespielt. Zuerst erscheint nur das Wort „Hope“. Hoffnung? Auf was? Einen großartigen Auftritt? Die habe ich und werde nicht enttäuscht. Es ist einfach überwältigend, was die Band auf der Bühne vollbringt. Egal ob minutenlange Intros, die im ersten im Moment sehr schräg erscheinen, ruhigen melodischen Parts oder gewaltigen Ausbrüchen. Die Band beherrscht alles. Spätestens beim „Mladic“ hat die Band alle Leute erreicht und man kann sich treiben lassen. Als plötzlich doch eine Gruppe junger Belgier laut redet, werden sie sofort von einem Landsmann zurechtgewiesen und verlassen das Zelt. Ich danke ihm innerlich und genieße weiter das Set. Nach 90 Minuten verlassen die Musiker einzeln nacheinander die Bühne. Jeder bekommt dabei tosenden Applaus. Selbst als das Set schon lange vorbei ist und Godspeed You! Black Emperor ihr Equipment zusammensuchen werden sie dabei noch mit Beifall belohnt. Es ist für mich der beste Auftritt des Festivals und ich muss diese Band unbedingt einmal auf einem Solokonzert sehen. Es kann nur noch besser werden.

Freitag:

Der Freitag beginnt für mich wie schon der Donnerstag im Shelter mit einer einheimischen Band. Homer aus Belgien eröffneten den Tag auf dieser Bühne und so konnte den verpassten Auftritt vom Ieperfest im letzten Jahr nachholen. Die Band spielt melodische Hardcore und ist somit ideal dafür geeignet, noch müde Besucher zu dieser noch frühen Uhrzeit wachzurütteln. Die 40 Minuten Spielzeit vergehen so wie im Fluge.

Danach geht es schnell rüber zur ziemlich vollen Club Stage, wo Chuck Ragan auftritt, der vielen auch bekannt sein sollte als Sänger von Hot Water Music. Seine ruhigen Songs werden unter anderem von einer Geige begleitet und es könnte wirklich ein guter Gig werden, wäre da nicht der schlechte Sound. Wie so oft an diesem Wochenende übertönt der viel zu laute Bass alle anderen Instrumente und schmälert so das Erlebnis deutlich. Hier besteht für das nächste Jahr auf jeden Fall Verbesserungsbedarf.

Zurück im Shelter spielen Palm Reader aus dem Vereinten Königreich. Deren Hardcore Sound bietet mit einigen experimentellen Spielereien die Basis für ein abwechslungsreiches Set, sodass keine Langeweile aufkommt. Von dieser Band wird man wahrscheinlich in den nächsten Jahren noch einiges hören.

Anschließend sollte Frank Turner in der Marquee auftreten. Allerdings musste sich der Singer-Songwriter aufgrund von akuten Rückenbeschwerden einer Operation unterziehen und seinen Auftritt deswegen absagen. Nina Nesbitt rückt dafür auf den Slot. Ihr Mix aus Indiepop und Folk sorgt für die perfekte Untermalung zum heute sehr guten Wetter. Auch das Fleetwood Mac Cover „Don’t Stop“ bringt sie solide über die Bühne und bekommt zu Recht von den Zuschauern positives Feedback.

Für Cerebral Ballzy aus New York zieht es mich ein weiteres Mal zum Shelter. Ihre Mischung aus Punk und Old School Hardcore kommt gut beim Publikum an. Leider ist der Sound ein weiteres Mal eher schlecht. Zwischendurch beobachte ich den Soundman, der rein gar nichts tut und frage mich, ob wir dasselbe hören.

Anschließend betrete ich zum ersten Mal an diesem Wochenende das Castello. Neben dem Wablief ist das Castello das einzige Zelt, das nicht vollständig offen ist, sondern über einen Ein- und Ausgang verfügt. Leider ist diese Tatsache nicht sehr förderlich für die Temperatur, der unangenehme Höhen erreicht. Der Grund für meinen Besuch sind Factory Floor. Auf Platte gefällt mir ihr experimenteller, elektronischer Post-Punk Sound gut. Live verkommt das ganze allerdings nach 10 Minuten zur absoluten Langeweile und ist in meinen Augen sehr eintönig. Viele Leute scheinen aber auch begeistert zu sein. Das Zelt ist jedenfalls trotz Saunatemperaturen gut besucht. Ich gucke mir den Auftritt nicht bis zum Ende an, sondern erkunde noch etwas das Gelände, welches unter anderem einen Friseurstand sein Eigen nennt, um schließlich das Wablief zu betreten.

Dort spielen das ganze Wochenende nur belgische Acts, unter anderem The Black Heart Rebellion. Die Band liefert wie schon letzte Woche beim Ieperfest mit ihrem Sound irgendwo zwischen Post-Rock, Post-Hardcore und Sludge einen sehr guten Auftritt ab. Leider fällt eine Gitarre am Anfang aus, weshalb der Auftritt nicht ganz an die Klasse von letzter Woche heranreicht. Mein Mitfahrer ist ebenfalls begeistert und so steht weiteren Konzertbesuchen von dieser Band nichts im Weg.

Der Begeisterung weicht keine 30 Sekunden später der Ratlosigkeit. Laut meines ausgedruckten Plans sollte eigentlich jetzt Unknown Mortal Orchestra spielen. Stattdessen spult auf der Main Stage Major Lazer sein Programm ab. Etwas überfragt schließe ich mich meinem Mitfahrer an und begleite ihn zur Marquee zu CHVRCHES. Der Elektropop der Schotten geht gut ins Ohr und sorgt für eine ausgelassene Stimmung. Die Sängerin hat darüber hinaus für ihre schöne Stimme ein Kompliment verdient. Es werden mehrere Stücke des im Oktober erscheinenden Albums gespielt, welchem man durchaus eine Chance geben sollte. Die Lautstärke ist während des gesamten Gigs sehr hoch. CHVRCHES spielen das wohl lauteste Set, das ich am Wochenende gucke, was aber nur minimal stört.

Nach dem Konzert begeben sich mein Mitfahrer und ich zu einem der vielen Infosäulen, die überall auf dem Gelände verteilt sind und begutachten den neuen Spielplan. Dadurch ergeben sich im weiteren Verlauf des Tages einige Änderungen für meinen persönlichen Spielplan. Leider verpasse ich Unknown Mortal Orchestra und schaue als nächstes mangels Alternativen fun., die jedem Radiohörer bekannt sein sollten. Ich stehe dem Auftritt sehr skeptisch gegenüber. Das gilt allerdings nicht für das komplette Publikum. Während fun. unter großem Applaus die Bühne betreten wird auf den Bildschirmen ein Mädchen in der ersten Reihe eingeblendet, welches so hemmungslos weint, als wäre gerade Michael Jackson vor ihr auferstanden. Ich möchte in den nächsten 45 Minuten auch einige Male weinen. Das liegt aber daran, dass der Sänger die maximal nervigste Stimme der Welt hat. Selbst die gleichzeitig spielenden und in meinen Augen todlangweiligen Caliban wären hier die bessere Alternative gewesen.

Anschließend spielen Daughter auf der Club Stage. So voll habe ich kein einziges Zelt am Wochenende erlebt. Die Band scheint in Belgien viele Fans zu haben. Leider gab es Probleme beim Einfliegen der Instrumente. Die Band spielt mit geliehenen Instrumenten ein Acoustic Set, welches trotzdem riesigen Beifall erhält. Viele Songs vom dieses Jahr erschienenen Debütalbum „If You Leave“ werden gespielt. Mich berührt ihr Set allerdings nicht so, wie den Rest des Zeltes. Es ist einfach nicht so ganz meine Musik. Das soll jedoch auf keinen Fall den Auftritt der Band schmälern, der unter den gegebenen Umständen sehr gut ist.

Wieder zurück vor der Main Stage erwartet mich wieder eine Enttäuschung. Skunk Anansie spielen einen in meinen Augen sehr langweiligen Gig. Darüber tröstet auch nicht die Sängerin hinweg, die dauerhaft in Bewegung ist und mehrere Male Crowdsurfen geht. Irgendwie erinnert mich die ganze Band an eine britische Ausgabe der Guano Apes, die mir auch nicht zusagen.

Wieder zurück zum Club, wo nun Poliça auftreten. Der Mix aus Indie und Elektro geht leider ziemlich an mir vorbei. Es ist aber sicherlich kein schlechter Auftritt. Zumindest zeigt sich meine Mitfahrerin sehr begeistert von dem Quartett aus Minneapolis.

Eels spielen als nächste Band auf der Main Stage. In einheitlichen Jogginganzüge und Sonnenbrillen präsentiert die Band ihren Rock auf sehr entspannte Art und Weise. Alle Bandmitglieder agieren auf der Bühne sehr statisch und verweilen zumeist in ihren Positionen. Allerdings passt es ins Gesamtbild. Die Rockmusik steht hier im Vordergrund und wird vom Publikum begeistert aufgenommen. Sänger Mark Oliver Everett, besser bekannt als E, wirkt zwischen den Songs durch seine freundlichen Ansagen sehr sympathisch. Was ihn allerdings dazu bewegt, ständig seine übrigen Bandmitglieder zu umarmen, bleibt mir ein Rätsel. Nach knapp 50 von 75 Minuten verlasse ich die Main Stage und begebe mich zum Shelter.

Dort spielen Killswitch Engage ein routiniertes Set ihrer größten Hits. „My Curse“ und „The Endof Heartache“ dürfen dabei genauso wenig fehlen wie das abschließende „My Last Serenade“. Der sonst etatmäßige Schlagzeuger wird auf dieser Tour durch Jordan Mancino von As I Lay Dying ersetz, dessen Band im Moment bekanntermaßen auf Eis liegt. Die Band macht mir live immer wieder Spaß, auch wenn es heute nicht der beste von mir gesehene Auftritt ist. Howard Jones gefällt mir als Leadsänger eben doch besser als Jesse Leach, wobei dieser auch einen guten Job macht.

Danach werden mit James Blake wieder etwas ruhigere Töne eingeschlagen. Der Londoner schwimmt im Moment auf einer Welle des Erfolges. Nach dem Auftritt muss ich aber zugeben, dass dies zu Recht der Fall ist. Zusammen mit ein paar Begleitmusikern kreiert er einen sehr chilligen Elektrosound, bei dem die Leute wahlweise tanzen oder das Spektakel im Sitzen einfach nur genießen. Ich finde den Großteil der elektronischen Musik schnell monoton und langweilig, aber dieser Auftritt überzeugt mich über den kompletten Zeitraum. Hut ab.

Zum Abschluss dieses Tages spielen The Prodigy auf der Main Stage und auch im Jahr 2013 sind die Auftritte Big Beat Pioniere immer noch große klasse. Bis auf „Diesel Power“ werden alles großen Hits der Bandgeschichte gespielt. Dabei kommt die Lichtshow natürlich auch nicht zu kurz. Von weitem sind die Personen nur schwer unter dem Blitzlichtgewitter zu erkennen. Überraschend ist immer wieder, dass Keith Flint, der die meisten Menschen wahrscheinlich mit The Prodigy assoziieren durch seinen Auftritt im „Firestarter“ Video, relativ wenig zum Publikum spricht. Maxim Reality dagegen umso mehr, auch wenn seine Ansagen etwas eintönig sind. Nach knapp einer Stunde verlassen The Prodigy mit „Smack My Bitch Up“ zum ersten Mal die Bühne. Allerdings kommen sie für fünf weitere Songs zurück und schließen endgültig mit „Out of Space“ ihr Set ab, was mich sehr freut. Insgesamt ein starker Auftritt.

Samstag:

Da wir abends schon die Heimreise eintreten wollen, wird der Samstagvormittag zum Abbauen genutzt. Das zieht sich leider so in die Länge, dass ich einige Bands verpasse, unter anderem Regina Spektor.

Die erste Band des Tages sind Bosnian Rainbows, die neue Band von Omar Rodriguez Lopez, deren selbstbetiteltes Album bereits von Kollege Dickerhoff rezensiert wurde (Review). Ihr psychodelischer Rock kommt auch live gut rüber, wobei ich immer noch etwas fertig bin vom Abbauen und kilometerlangen Schleppen. Sängerin Teri Gender rundet das Gesamtbild neben ihrer sehr schönen Stimme auch mit ihrem extravaganten Tanzstil ab.

Auf der Main Stage spielen anschließend Alabama Shakes. Die entspannte Stimmung, die schon während Bosnian Rainbows herrschte, setzt sich hier fort. Der chillige Blues Rock gewinnt vor allem an Qualität durch die sehr kräftige Stimme von Sängerin Brittany Howard, die mich stellenweise vom Klang an Aretha Franklin erinnert. Leider kann ich den Auftritt nicht zu Ende gucken, denn es zieht mich zur Marquee.

Dort spielen Kodaline und ihr Auftritt ist die größte Überraschung des Festivals für mich. Der Indie mit einem guten Schuss Pop ist sicher nicht komplex und sie erfinden auch das Rad nicht neu mit ihrem Sound. Allerdings werden die eingängigen Songs so mit viel Herzblut vorgetragen, dass man die vier Jungs aus Dublin einfach mögen muss. Vor der Bühne haben sich auch zahlreiche, textsichere Fans versammelt, die vor allem beim letzten Song „ All I Want“ wirklich alles geben. Nach dem Auftritt lautet meine Prognose: Diese Band wird sehr groß werden. Während der Applaus noch nicht nachgelassen hat, mache ich mich trotzdem schon auf den Weg zum Shelter.

Dort spielt das Sludge Monster Cult of Luna. Mit zwei Schlagzeugern und drei Gitarristen wird in den folgenden viel zu kurzen 45 Minuten Spielzeit eine Soundwand erzeugt, die Ihresgleichen sucht. Jedes der sieben Bandmitglieder beherrscht sein Instrument perfekt und es ist vom ihren Gitarrenanschlag deutlich, dass hier ganz große Musik vorgetragen wird. Die Pausenansprachen sind auf ein Minimum reduziert, was niemanden stört. So bleibt mehr Zeit für die Musik. Vor allem die härteren Parts der Songs erzeugen eine derart gute Atmosphäre, dass ich wahrscheinlich jede einzelne Person im Zelt nur eine Sache wünscht: mehr Spielzeit. Nach dem abschließenden „In Awe Of“ frage ich mich, warum zur Hölle ich im Mai nicht die Solotour besucht habe. Das wird nachgeholt. Komme, was wolle!

Wieder zurück in der Marquee schaue ich Bonobo, der mich auf ganzer Linie überzeugt. Die Marquee quillt fast über vor Menschen und doch finden alle Platz zum Tanzen. Er herrscht eine sehr chillige Atmosphäre im Zelt. Begleitend von einer Band liefert Bonobo den passenden Sound dazu. Zwischendurch erscheint immer wieder eine Sängerin und begleitet den einen oder anderen Song. Im Gegensatz zu Cult of Luna gibt es hier auch 15 Minuten mehr Spielzeit Danach mache ich tiefenentspannt auf den Weg zur Main Stage. Bonobo hat heute sicher viele Fans dazugewonnen. Ich bin einer davon.

Foals zeigen auf der Main Stage einen bemühten Auftritt, können mich aber mit ihrem experimentellen Indie Rock zu keiner Zeit erreichen, geschweige denn berühren. Ich habe das Gefühl, dass die Main Stage zu groß ist für das Quintett aus Oxford. In einem der Zelte bei etwas intimerer Atmosphäre wäre der Auftritt sicher anders verlaufen. Schließlich verlasse ich die Main Stage, um noch ein Bisschen von dem Auftritt der Crystal Castles in der Dance Hall. Diese haben sich allerdings so verspätet, dass ich sie zu Gunsten der nächsten Band leider verpasse.

Im Wablief spielen nun Amenra und was soll ich schon groß sagen? Es ist wieder ein super Auftritt und ich könnte die Band auch gerne jedes Wochenende gucken. Jeder Song ist für sich ein Kunstwerk und alles zusammen beeindruckt mich wie schon letzte Woche. Der Auftritt ähnelt dem von letzter Woche stark. Ähnliche Videos werden abgespielt und das Auftreten der Band ändert sich auch nicht. Der Sänger scheint heute aber besser drauf zu sein. Er dreht sich ganze dreimal zum Publikum um statt wie den Rest des Sets dem Publikum den Rücken zuwendend zu singen. Zum Abschluss gibt es allerdings noch ein besonderes Highlight, als die Oathbreaker Sängerin mit einsetzt. Ein sehr starkes Ende.

Als ich das Wablief verlasse und mich zur Marquee begebe traue ich meinen Augen nicht. Eine Person in einem Kostüm, der aussieht wie aus „Fluch der Karibik“ entsprungen turnt mit einigen weiteren Leuten über die Bühne. Es hat etwas von einer riesigen Aerobic Show. Zwischendurch wird Freiheit für Pussy Riot propagiert und immerzu das Publikum animiert mitzumachen. Wie ich feststelle, handelt es sich um die Pre Show zum folgenden Auftritt von The Knife. Es handelt sich hierbei um keinen normalen Auftritt. Der Showcharakter ist von Anfang an deutlich zu spüren. Das Ganze wird auch unter dem Slogan The Knife Shaking the Habitual Show geführt. Für die Show wird eine ganze Palette von ungewöhnlichen Instrumenten aufgefahren. Zusätzlich gibt es eine Vielzahl von Tänzern, die während den Songs verschiedene Tänze aufführen. Außerdem sind alle Personen auf der Bühne verkleidet. Man hat also keine Kosten und Mühen gescheut. Leider geht die Musik durch das ganze Drumherum unter, was wirklich schade ist. So fällt es mir auch nicht schwer das Zelt etwas früher zu verlassen, um mir den heutigen Headliner anzugucken.

Die Frage, ob eine Band wie The xx geeignet als Headliner auf einem so großen Festival wurde vorher vielfach gestellt. Nach dem Auftritt ist klar, dass der Slot absolut gerechtfertigt ist. Ihr entspannter Indie mit elektronischem Einschlag läd zum Träumen ein. Vielerorts setzen sich die Besucher vor der gut gefüllten Main Stage auf den Boden und schauen sich den Auftritt im Sitzen an, was meiner Meinung nach sowieso die angebrachte Position ist bei dieser Musik. Auf große Show wird weitestgehend verzichtet. Lichteffekte werden wohl dosiert eingesetzt. Die Band ist heute gut drauf, was auch damit zu tun hat, dass Sängerin Romy Madley Croft am morgigen Tag Geburtstag hat. Das Set besteht aus einem guten Mix der beiden Alben „xx“ und „Coexist“. Leider gibt es im Mittelteil des Sets leichte Soundprobleme. Allerdings rüttelt diese Kleinigkeit auch nicht daran, dass The xx eine würdige Headliner Performance abliefern.

Anschließend schaue ich eine halbe Stunde Knife Party in der Dance Hall. Die Band besteht aus ehemaligen Mitgliedern der Band Pendulum. Trotz guter Lichtshow und einem Publikum, welches völlig steil geht, kann mich die Band absolut nicht überzeugen. Die Musik klingt für mich wie Autoscootermusik und dafür reicht mir mein alljährlicher Besuch der Cranger Kirmes vollkommen aus. Also bitte wieder mit Pendulum weitermachen. Die waren nämlich live wirklich klasse.

Der Abschluss des Wochenendes bilden die großartigen Opeth im Shelter. Der sonst eher magere Sound im Zelt ist bei diesem Auftritt zum Glück auf einem ansprechenden Niveau. Die Band spielt einen Mix aus Stücken mit cleanem und gutturalem Gesang. Mit „Demon of the Fall“ findet sogar ein Acoustic Song den Weg in das Set. Obwohl ich mich privat (zu) wenig mit Opeth beschäftige, muss ich vor dem Können der Band wirklich meinen Hut ziehen. Was die Herren aus ihren Instrumenten herausholen ist wirklich ganz großes Kino. Leider ist die Spielzeit mit knapp einer Stunde viel zu knapp bemessen für die langen Songs der Band. Trotzdem ist der Auftritt, welcher mit „Blackwater Park“ endet, ein würdiger Abschluss für das Festival. Auf dem Weg zum Auto haben meine Mitfahrer und ich noch die Chance das Abschlussfeuerwerk zu bestaunen, bevor es wieder zurück nach Duisburg geht.

Das Festival ist zwar wirklich nicht billig, was Kartenpreise und Verpflegung angeht, punktet dafür aber durch ein sehr abwechslungsreiches Line Up. Wer kann schon von sich behaupten einmal nacheinander Nine Inch Nails, Eminem und Godspeed You! Black Emperor geguckt zu haben? Ein weiterer großer Pluspunkt ist die Tatsache, dass man zu jeder Zeit nah vor die Bühnen kommt, um dort die Konzerte von einem ansprechenden Platz genießen zu können. Bei Festivals dieser Größe ist das leider keine Selbstverständlichkeit. Schon Sonntag wurde in unserer kleinen Gruppe darüber gesprochen das Festival bei ähnlich gutem Line Up im nächsten Jahr wieder zu besuchen. Ich kann es jedem, der musikalisch vielfältig interessiert und offen ist, nur ans Herz legen.

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Über den Autor: Marc Michael Mays

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