Game of Drones

Ende 2012 kam das lang erwartete und wieder mal von Steve Albini produzierte Album „Honor found in decay“ heraus – die erste offizielle NEUROSIS-Scheibe seit 2007. Natürlich hat der Mastermind-Producer in fruchtbarer Zusammenarbeit wieder mal für einzigartige Klänge gesorgt, und ich frage mich, wo er wohl dieses Mal die Mikrofone platziert, beziehungsweise versteckt, hatte…

Es passt wirklich gut, das die fünf Herren von NEUROSIS Station im Berliner SO 36 machen, denn es gibt gewisse Ähnlichkeiten zwischen der Sludge-Band und dem punk-orientierten Laden, denn auch dieser hat in seiner langjährigen Geschichte (seit 1978) mehrere Transformationen durchlaufen, ohne das ursprüngliche Konzept (Punk) über Bord zu werfen.

Inzwischen gibt es dort auch Techno, Hip Hop und jede Menge queere Veranstaltungen (insbesondere seit Mitte der Neunziger) sowie ein Kiezbingo, welches von zwei wortgewandten Transen moderiert wird, ausserdem einen Nachtflohmarkt.

NEUROSIS sehen sich selbst als Punks, insbesondere aufgrund der DIY-Attitüde – davon mal abgesehen, waren sie am Anfang ihres Schaffens häufiger bei Punk-Labeln wie Alternative Tentacles oder Lookout! unter Vertrag.

So sind NEUROSIS ihren musikalischen Wurzeln, die etwas im Punk und noch mehr im Hardcore liegen – stets treu geblieben, wenn dies im Laufe der Jahre auch nicht mehr ganz so deutlich zu hören war wie in den Anfangstagen. Jedoch wird auch das ein oder andere spirituelle Thema nicht ausgeklammert, wobei Düsterkeit und ein relativ negatives Weltbild wichtig sind – und nicht unbedingt das Streben nach positiven Dingen oder Pforten zum Licht oder was sonst für viele Menschen „Spiritualität“ bedeuten mag.

Die Band aus Oakland/California hatte noch nie Scheuklappen, was musikalische Experimente anging, so nahmen sie Drone, Metal, Ambient, Postrock, sowie Anleihen von Industrial und (Dark-)Folk mit in ihr vielseitiges musikalisches Boot.

Mal schauen, was NEUROSIS im SO 36 präsentieren werden. Ihr zehntes Studio-Album ist nun ja sehr schön geraten und wirkt teilweise ein bisschen wie das Gute von den drei vorangegangenen Werken – inklusive dem Aufgreifen alter Trademarks. Vor allem das Tribal-Getrommel gefällt doch sehr, sowie die Vielschichtigkeit und der Cinemascope-Sound – „Honour“ wirkt leicht zugänglicher, als die vorherigen Werke, ist aber dennoch ein typisch harter NEUROSIS-Brocken geworden. Es mag seltsam klingen, aber „Schönheit“ ist tatsächlich ein passendes Wort für das aktuelle Album – dies wird noch unterstützt durch das wie immer hervorragende Album-Artwork.

So, nun ist also der große Abend angebrochen. Zum Glück hat das Wetter sich gedreht: die Sonne hält sich versteckt, es ist ungefähr fünfzehn Grad kälter als ein paar Tage zuvor, dazu ist es windig. Es wäre ein seltsames Gefühl gewesen, gegen Abend durch gleissenden Sommer-Sonnenschein die Pforten der Hölle zu betreten. Dennoch fühlt es sich beim Eintreten durch die SO36-Tür ein wenig an, wie das riskante Drehen am Hellraiser-Würfel…

Der erste Eindruck: das Publikum ist so gemischt, wie die Sound-Einflüsse der Band: neben schlaksigen kurzhaarigen Hardcore-Typen gibt es zum Beispiel einen Schrank mit Agnostic-Front-Springerstiefel-Shirt. Neben mir eine Goth-Frau, daneben ein Skinhead und ein Punk, die befreundet sind. Tätowierte Metalheads sind etliche zu sehen, ausserdem stehen diverse Typen mit langen Dreadlocks weiter vorne. Die sehen nicht wie Hippies aus (es ist bekannt, das NEUROSIS diese Jugendkultur absolut nicht mögen…), sondern eher wie die etwas finsteren Khal-Fürsten aus „Game of Thrones“…

Das Licht im Saal erlöscht mit etwas Verspätung. Es wird ruhig.

Plötzlich erstrahlt auf der Bühne ein weisses Licht, die fünf Musiker sind zu sehen und beginnen mit „Eye“ ihr düsteres und lautes Werk. Keyboarder Noah steht links vor zwei Rechnern und diversem Elektronik-Equipment, die Gitarristen und Sänger Steve und Scott stehen in der Mitte, während Bassist Dave auf der rechten Seite etwas zurückhaltend wirkt. Schlagzeuger Jason sehe ich von meinem Platz aus leider nicht, aber oh…wie gut ich sein Getrommel hören kann….für mich eins der wichtigsten Dinge bei NEUROSIS, denn die Lieder werden häufig durch sein tribalartiges Schaffen zusammengehalten. Steve und Scott wechseln sich mit dem Gesang ab. Neben vier Liedern des letzten Albums (unter Anderem „We all rage in gold“ und „My heart for delieverance“ werden etliche Songs aus dem Band-Lebenslauf präsentiert: alte, wie auch neue Fans werden auf diese Weise zufrieden sein. Viele Leute jubeln, sobald sie einen Akkord, einen Takt oder einen Keyboard-Ton am Anfang eines Songs erkennen.

Zur Atmosphäre trägt bei, dass es zwischen den Songs nie eine Pause gibt: anstelle eines Breaks ertönen Drones, Keyboards, Field-Recordings, stets ambient-mässig und ruhig, aber Brücken zwischen den einzelnen Liedern bauend. Ob dies der Grund ist, dass es keine Zugaben gibt, da der Fluss des Konzertes unterbrochen würde? Zu kurz ist der Gig auf keinen Fall geraten, denn die elf großartigen Lieder dauern insgesamt eine Stunde und vierzig Minuten.

Und dann…endlich endlich…als zweitletzten Song spielen NEUROSIS von ihrem aktuellen Album „Bleeding the pigs“ mit dem düsteren Text, den tollen tribal-artigen Drums und der heranwogenden Unheils-Welle an Gefühlsausbrüchen: „When the serpent swallows its tail with a half eaten heart the gods of reason deserts me only earth and sky remain mountains shake and wake me words of the seeress reveal.“

Es ist erstaunlich, wie trotz der Düsterkeit in Text und Musik so viel Pracht entstehen kann: das wird wohl auch an der Produktion von „Honor found in decay“ liegen, da viel Wert darauf gelegt wurde, vertrackte und schöne Arrangements mit ganz verschiedenen Instrumenten einzuspielen. So gibt es diese besonderen Augenblicke, bei denen sich Songs aus einer anfänglichen auch schon fast hypnotischen Gleichmäßigkeit hinein in eine Klimax bewegen, was besonders im Konzert toll wirkt und bei vielen Zuschauerinnen und Zuhörern für leicht verklärte Blicke sorgt: unterm Strich sorgt die durch NEUROSIS-Songs (und Konzerte) entstehende Katharsis wohl eher für ein ausgeglichenes Gefühl..

In den letzten Monaten sind auch SUNNO))) und GODSPEED YOU“! BLACK EMPEREOR in Berlin aufgetreten. Letztere fragten NEUROSIS beim kuratieren „ihres“ All Tomorrow Parties-Festivals, ob diese dort auftreten möchten, was diese gerne und erfolgreich taten. Was alle drei Bands eint: ihre Konzerte sind körperliche Erfahrungen.

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