BERICHT: Wie war denn eigentlich das Maifeld Derby 2017?

BERICHT: Wie war denn eigentlich das Maifeld Derby 2017?

Das Maifeld Derby 2017 – genau einen Monat ist es jetzt her. Ein paar Bilder und die aus dem Programmheft herausgerissene, am Ende des Festivals stark mitgenommene und mittlerweile etwas angestaubte Seite mit dem Timetable sollen auf die Sprünge helfen. Der Versuch einer Rekonstruktion.


Ein Maifeld Derby-Wochenende, das ohnehin wie ein Rausch vorbeigezogen ist, lässt sich im zeitlichen Abstand nur schwierig beschreiben. Bestimmte Momente bleiben allerdings hängen: die großen Überraschungen und schwere Enttäuschungen. Soviel vorweg: letztere gab es wenige. Im Großen und Ganzen war das Festival auf dem Maimarktgelände in Mannheim wieder eine Veranstaltung, an der es wenig zu beanstanden gibt. Vielmehr hat man den Eindruck, dass das Team die Durchführung im Nachhinein gründlich reflektiert und sich mit der dadurch gewonnenen Erfahrung in die Planung der nächsten Ausgabe stürzt.

Fangen wir mit den essentiellen Aspekten an: Essen und Trinken. Doch bevor es erst dazu kommt, muss man beim Maifeld Derby seit einigen Jahren sein Bargeld gegen sogenannte Derby Dollars – quadratische Pappschnipsel, die man in Bögen erhält – wechseln. Der Wechselkurs war dieses Jahr glücklicherweise 1:1 und nicht wieder ein krummer Betrag, der bei jeder Transaktion dazu zwingt auszurechnen, wie viel man jetzt eigentlich für sein Bier zahlt. Danke dafür! Und trotzdem hatte man nicht den Eindruck, dass zu seinen Ungunsten aufgerundet wurde, die Preise waren nämlich für Konzert- und Festival-Tarife einigermaßen fair, für ein Bier zahlte man kaum mehr als in den Kneipen mancher größeren Städte. Bei der Auswahl wurde sich überlegt, ein großes Sortiment regionaler Bier-Spezialitäten anzubieten (mein persönlicher Favorit: FINDLING Humulus Lupulus der Weschnitztaler Braumanufaktur), das neben dem Angebot der bereits seit den Anfängen des Festivals vertretenen und ebenfalls regionalen Woinemer Hausbrauerei für Abwechslung sorgte. Auch bei der Essensauswahl wurde das Angebot erweitert, was insbesondere vegetarische und vegane Gaumen erfreuen konnte. Nicht weniger essentiell sind die Themen Schlaf und Körperhygiene, wobei die Erweiterung der Dusch-Möglichkeiten positiv aufgefallen ist – die Wartezeiten waren dadurch nie unangenehm lange. Darüber hinaus ist die unaufgeregte Freundlichkeit des Sicherheitspersonals angenehm aufgefallen, wo man doch nach Geschehnissen in jüngster Vergangenheit (auch auf Festivals, beispielsweise dem diesjährigen Rock am Ring) mit Verschärfungen der Sicherheitsmaßnahmen gerechnet hätte.

So viel zum Rahmen – kommen wir zur Musik. Das Maifeld Derby zählt zwar noch zu den kleineren und familiären Festivals, dennoch ist es bei vier Bühnen und einem bis zu 14 Stunden am Stück umfassenden Programm unmöglich, alles mitzunehmen. Das heißt: vorselektieren und sich treiben lassen, dazwischen persönliche Empfehlungen wahrnehmen, sich aber auch mal hinzusetzen. Die teilweise stark fordernde Hitze machte die Sache nicht einfacher, denn in den Zelten staute sich heiße Luft, draußen knallte (zumindest bis zu einer gewissen Uhrzeit) die Sonne. Und so hangelt man sich durchs Programm, schaut sich Bands und KünstlerInnen an, auf die man sich seit langer Zeit freute, den Namen anderer noch nie zuvor gehört hat.

Maifeld Derby

Maifeld Derby Tag 1, Freitag:

Nach der Anreise und dem Aufbau der Zelte sollten FLUT den persönlichen Auftakt darstellen; die wenige Wochen vorher wahrgenommene Performance auf kleiner Bühne gefiel irgendwie besser; hier aber schmuggelte sich Max Gruber alias Drangsal auf die Bühne und durfte bei einem Song mitsingen – FLUT beziehen sich unschwer zu erkennen und in jeder Hinsicht auf die 80er Jahre, auf die Spitze getrieben mit einer Coverversion von Falcos „Auf der Flucht“ – denn in diesem Sound fühlt sich Max Gruber wohl. VOODOO JÜRGENS, ebenfalls aus Wien, wurde eher aus der Ferne wahrgenommen; viel habe ich dazu nicht zu sagen. Nach WILD BEASTS stellten CIGARETTES AFTER SEX die nächste Anlaufstation dar, auf die sich gefreut wurde, die aber besser zwischen den Kopfhörern funktionieren. Deshalb ging es nach etwas mehr als der Hälfte des Sets zu den unglücklicherweise parallel im kleinen Zelt spielenden FRIENDS OF GAS – der Kontrast könnte nicht größer sein: CIGARETTES AFTER SEX laden zum Träumen ein – die Distanz und Weite im Sound steht in einem spannenden Verhältnis zur transportierten Intimität. FRIENDS OF GAS hingegen sind konfrontativ, fordernd, harsch, rau und dreckig. Ähnlich ging es mit HEIM weiter, bei deren Konzert man BILDERBUCH ohne weiteres ignorieren konnte. Neuentdeckung des Tages: WHITE WINE, mit denen ich mich zuvor nicht beschäftigte, aber ab dem ersten Moment überzeugten. Danach ging es zu TRENTEMØLLER, die überraschten, da was vollkommen anderes erwartet wurde: statt einer Elektronic-Performance stand eine Band-Besetzung auf der Bühne. Anscheinend habe ich da was verpasst. Es besteht Nachholbedarf. KIKAGAKU MOYO aus Japan setzten dem Abend ein psychedelisches Ende, authentisch wurde man hier in die Sixties gebeamt. Den Eindruck verstärkten die analogen live-Visuals des Licht-Künstlers KEITH PEARSON, der ausschließlich mit Overhead-Projektoren, Farbfolien, Schablonen und Ölbädern arbeitet und bisher jedes Jahr dem Brückenaward-Zelt des Festivals seine besondere Atmosphäre verliehen hat.

Cigarettes After Sex

Cigarettes After Sex

Maifeld Derby Tag 2, Samstag:

Nachdem man Körper und Gehörgängen Zeit zur Regenerierung gegeben hatte, ging es nachmittags weiter mit BABY GALAXY, solider Indie-Rock mit Vorliebe für Lautstärke und Rückkopplungen. Während es hier Drum-Sticks regnete, versetzten KLEZ.E danach das gesamte Palastzelt in Nebel. Optisch und Soundästhetisch bezog man sich hier deutlich auf the Cure, machte aber mit den deutschsprachigen Texten neue Räume auf. Nach etwas längerer Verschnaufpause ging es etwas später bei PABST wieder laut zur Sache. Danach spielten draußen AMERICAN FOOTBALL, auf die man sich auch sehr freute. Die Hits vom gut 20 Jahre zurückliegenden Debut-Albums wurden mit Material der neuen Platte gemischt. Wie erwartet war das sehr gut, wenn auch die Hitze gefühlt einen Höhepunkt erreicht hat. METRONOMY hat man danach eher am Rande wahrgenommen, zu warm und stickig war es im Palastzelt. Ein nächstes Highlight war der Auftritt von KATE TEMPEST, die begleitet von ihrer Live-Band eine großartige Performance darbot. In großen Spoken-Word-Anteilen vermittelte sie überzeugend ihre Haltung zu aktuellen Themen. Auf MODERAT und ACID ARAB wollte oder konnte man sich danach nicht so richtig einlassen und lies den Abend mit GEWALT enden. Die Performance war brutal und kompromisslos, das Brückenaward-Zelt ausschließlich von einer auf der Bühne platzierten rotierenden Lampe beleuchtet, hinter der drei kaum zu erkennende Gestalten vor ihren Verstärkern standen. Die repetitiven Beats prügelten vom Band und bildeten das Fundament für lärmende Gitarren und den lautstark vorgetragenen Zeilen von Sänger Patrick Wagner. Existenzialisten-Krach nennen sie dies. Genug für den Abend.

Klez.e

Klez.e

Maifeld Derby Tag 3, Sonntag:

Der Sonntag hatte viel zu bieten. Mit WHITNEY ging es los, hier wurde mindestens genauso viel mit Erzählungen zwischen den Stücken unterhalten wie mit den Songs selbst. Die Zeit hat man schließlich vergessen und HOLYGRAM, die parallel spielten und zu denen man auch noch rüber wollte, verpasst. Schade. Danach ging es direkt weiter mit der THURSTON MOORE GROUP, ein weiteres Highlight des Festivals. Die Hitze ließen sie sich nicht anmerken und spielten hinter schwarzen Sonnenbrillen ein wunderbares Konzert. SPOON waren ganz nett, schafften es danach aber nicht annähernd zu begeistern. Die Freaks von KING GIZZARD & THE LIZARD WIZARD ließen durch ihren energetischen Auftritt draußen jede Menge Staub aufwirbeln. Mir war das in der knallenden Sonne too much und ich schaute mir das Spektakel um die mikrotonalen Gitarren der australischen Garagen-Rockern aus der Ferne an. WAND waren mir zuvor unbekannt, überzeugten aber auch sofort. Das noch recht junge Quintett aus den USA lieferte absolut virtuos und bestens eingespielt eine Mischung aus Garage- und Psychedelic-Rock, die viele Überraschungsmomente beinhaltet. Während man sich bei PRIMAL SCREAM nochmal hinsetzte, sollte danach mit SLOWDIVE bereits die letzte Band des Festivals spielen. Zwar habe ich zu solchen Revivals, wie es sie gerade sehr häufig gibt (alle großen Shoegaze-Bands der 1990er Jahren haben in den letzten Jahren wieder zueinander gefunden), ein schwieriges Verhältnis, denn der Verdacht rein kommerzieller Beweggründe liegt nahe. Dennoch hat es gut funktioniert, neben Hits von den frühen Platten reihten sich Stücke des neuen Albums. Die Möglichkeiten der Lichttechnik wurden hier voll ausgereizt. Auch Thurston Moore, der sich unters Publikum mischte und nur wenige Meter von mir entfernt stand, hatte sichtlich Gefallen am Konzert. Ein guter Abschluss.

Slowdive

Slowdive

Wir machten uns auf die Rückreise, und während wir uns – wie jedes Jahr – an der SAP-Arena verfuhren und eine Extrarunde drehen mussten, stellte sich die Frage, wann eigentlich KLANGSTOF aus dem Line-Up verschwunden ist? Naja, halb so wild, waren auch sonst genug gute Bands da. Nächstes Jahr gerne wieder!

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Über den Autor: Paul Kaspar

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