BERICHT: The Chameleons @ Lido Berlin, 09.06.2023

BERICHT: The Chameleons @ Lido Berlin, 09.06.2023

Irgendwie ist es für viele „eingefleischte“ Fans, zu denen ich mich definitiv auch schon längere Zeit zähle weiterhin unverständlich, dass die 1981 in Middleton/Manchester gegründete Post-Punk/Wave-Band auch 40 Jahre nach ihrer Gründung immer noch als die „Most underrated Band from Manchester“ gehandelt wird und mit einem Blick auf die lange Liste an ausverkauften Konzerten bleibt dir da oft nur ein spontanes Schulterzucken als Ausdruck deiner Sprachlosigkeit.

Fakt ist jedoch dass The Chameleons mit ihren verhallten, Doppel-Gitarren basierten, düsteren Melancholie-Fragmenten nicht nur kommerziellere Musiker wie Interpol und die Editors deutlich beeinflusst haben, denn auch innerhalb der Goth-Wave und Post-Punk-Szene dieser Welt wäre vieles ohne Mark Burgess und passionierte Lyrics von Songs wie Second Skin, In Shreds, Don’t Fall einfach undenkbar. Auf dem quasi Zenit ihrer Existenz verstarb 1987 der damalige Manager Tony Fletcher und einhergehende, bandinterne „Quälereien“ bedeuteten das vorzeitige Aus, obwohl sich mit ihrem dritten Album Strange Times sogar ein kommerzielles Angebot für größere Ambitionen ankündigte.

Nach einem nicht lange andauernden Comeback Anfang 2000 und dazugehöriger, nur mäßig erfolgreicher Reunion-Scheibe, gingen später Burgess und Original Drummer John Lever mit wechselnden Gastmusikern fast jedes Jahr unter dem Namen The Chameleons Vox auf Tour um die Songs zu präsentieren, spielten sehr oft im leider nicht mehr existierenden Magnet Club (später Musik & Frieden) und auch das Bi Nuu (seit mehreren Jahren nur noch als Lagerhalle der BVG existent), durfte ein Konzert ausrichten. 2017 ereilte die Bandmitglieder ein weiterer Schicksalsschlag, denn nach kurzer Krankheit verstarb John Lever viel zu früh mit nur 55 Jahren völlig unerwartet.

Die für 2022 bereits komplett bestätigt und geplante Tour, der erste Gehversuch nach der Corona-Pause, wurde nach dem Ausbruch des Krieges in der Ukraine gecancelt. Musikerkollege Ian McCulloch und seine Echo & The Bunnymen zogen nach, sagten die meisten der angekündigten Europakonzerte ab und flogen stattdessen nach Amerika. Nun endete diese Durststrecke, während unweit von uns allen, das Kriegstreiben immer noch tobt.

Wochen zuvor waren schon keine Tickets mehr im VVK erhältlich und jene die auf die Abendkasse spekulierten sollten kein Glück haben, da das Konzert komplett als ausverkauft beworben wurde.

Da standen sie nun. Mark Burgess hinter dem Mikrofon mit dem Bass über der Schulter, Original Gitarrist Reg Smithies an seiner Seite verstärkt um präzise integrierte Tour-Musiker die den 35. Geburtstag des zweiten Albums What Does Anything Mean? Basically feiern.

Knapp 550 Besucher:innen kühlten sich mit Getränken an der Bar von den doch ordentlich angestiegenen Außentemperaturen ab und mit dem Tour-Support Traitrs aus Kanada hatten viele sichtlich Spaß, wobei mir deren Performance etwas zu sehr auf tanzbar getrimmt war.

Wie oft zuvor wussten auch heute Abend die Tontechnker:innen welche Knöpfe und Regler wann zu betätigen seien und selbst das anfänglich etwas zu laut gemischte Schlagzeug wurde nach ein paar Minuten noch optimiert und die Light-Show wenn es denn eine braucht, ist die vom Lido sowieso eine der besten. Start frei für mehr als 60 Minuten (ich denke es waren am Ende fast 90 Minuten The Chameleons pur) und mit Verlaub würden die aktuell ohne das Vox im Namen agierenden Chameleons mindestens zwei weitere Hits spielen die einfach nicht fehlen dürfen um die Performance abzurunden.

Angefangen beim Intro, über zwei gasgebenden Fetzer Perfume Garden und Intrigue In Tangiers, des Albums, das von jung bis älter gut durcheinander gewürfelte Gäste wurden sofort von der guten Laune und der Spielfreude infiziert, die zu ihnen von der Bühne wehte und sie tanzten, sangen und sprangen je nach Motivation drauf los. Schön zu sehen das ein Großteil der Anwesenden absolut Text sicher erschienen ist und mit der wandlungsfähigen Musik dieser wegweisenden Band verschmilzt.

Looking Inwardly tönt mit seiner wiederkehrenden, prägnanten Hookline nach jeder Menge positivem Bombast und als der Song sich selbst in einem nachdenklichen Part entschlackt, reduziert die Komposition nach und nach die Lautstärke der eingesetzten Spannungskurve bis ins nichts. Monkeyland, enthalten auf dem Debut Script Of The Bridge bricht zum Beispiel die auf das zweite Album fokussierte Tracklist dezent auf, was dem lang entgegengefiebertem Konzertabend keinen Abbruch bringt, denn auch diese Songs halten locker das hohe Niveau auch wenn das komplette Album produktionstechnisch bei Erscheinen 1983 nicht ganz die Qualität der Gitarrenausbrüche umsetzen konnte. Mit Jubel und Applaus feiert das Publikum dankbar weiter und fällt fast in Ohnmacht, denn das Anstimmen von Souls in Isolation löst neue Begeisterungsstürme in den Reihen der Crowd aus, welche nur noch übertönt werden von den nicht wegzudenkenden Ohhhhhhohohooo-Chören die den Mittelteil von Second Skin, einem der größten Hits den Mark Burgess, Dave Fielding, John Lever und Reg Smithies in den 80igern eingespielt haben, abwechselnd begleiten.

Um diese königliche Aufführung am Ende noch überschäumen zu lassen, „forderten“ natürlich viele In Shreds, einen der frühen noch druckvolleren Lieder und wenn nicht durch diese extreme Hitze, die drinnen und draußen in der Luft lag, meine Erinnerung etwas in die Wüste gebannt wurde, gesellten sich Don’t Fall und Indiana noch hinzu und komplettierten ein fantastisches Konzert.

Garantiert geht Mark 2024 wieder auf große Konzertreise in Europa und falls ihr nicht die Möglichkeit hattet sie live einzufangen, dann sollte es spätestens dann mit The Chameleons bestimmt auch klappen.

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Von Veröffentlicht am: 25.06.2023Zuletzt bearbeitet: 26.06.2023894 WörterLesedauer 4,8 MinAnsichten: 920Kategorien: EventsSchlagwörter: , , 0 Kommentare on BERICHT: The Chameleons @ Lido Berlin, 09.06.2023
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Über den Autor: Nico Pfueller

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