BERICHT: Maifeld Derby 2023

BERICHT: Maifeld Derby 2023

Das Festival für Liebhaber:innen in Mannheim ging im Jahr 2023 nunmehr in die zwölfte Runde. Schon seit jeher diente die Veranstaltung zum Einen als Entdeckungsreise durch die Indie-(Pop)-Landschaft, konnte jährlich aber auch durch hochkarätige Headline-Slots bestechen. Dieses Jahr gab es (für mich persönlich) im Voraus weniger Wow-Momente als noch die letzten Jahren, trotz allem war die Vorfreude riesig.

Erstmalig schaffte ich es pünktlich zu sein, das Derby ist zeitlich sehr arbeitnehmer:innenfreundlich und startete erst kurz vor 17:00 Uhr mit dem ersten Act – dem Chor für Menschen, die nicht singen können aus Mannheim. Eine große, von einer Backing Band begleiteten, Gruppe von Menschen stand auf der Open Air Bühne und trällerte Lieder von Jeans Team, Ton Steine Scherben und Fehlfarben. Schöne Opener-Idee die ich als Hintergrundbeschallung nutzte um mir einen Überblick über den diesjährigen Aufbau des Festivals zu verschaffen.

Danach ging es auch schon im Galopp weiter, Say She She aus den USA eröffneten das Palastzelt und lieferten einen brillanten Funk-Pop Auftritt ab, welcher trotz der jetzt schon fast unerträglichen Temperatur erstaunlich viele zum Tanzen brachte. Die Wege auf dem Maimarkt Gelände sind kurz, die Pausen zwischen den Acts noch kürzer, so ging es mit kurzer Verschnaufpause wieder nach draußen, auf der Open Air Bühne standen inzwischen Los Bitchos die mit ihrem instrumentalen Surf Rock mindestens genauso viele Menschen vor die Bühne lockten.

Say She She | (c) Alexander Koch

Der härteste Act des Festivals, Zulu, stand kurz darauf auf der Bühne des Hüttenzelts. Ihr politische motivierter und getriebener, metallastiger Hardcore brachte wohl viele Stammgäste an ihre Grenzen, seitdem die kleine Bühne nicht mehr vom Brückenaward-Team kuratiert wird sind solche Klänge eher ungewöhnlich für die Veranstaltung. Bevor im Anschluss Surf Curse die Open Air Meute zum ausrasten bringen sollten, schaute ich noch für ein paar Minuten bei Sevdaliza vorbei, die Genregrenzen gekonnt ignoriert und überschreitet und das Palastzelt mit Drum and Bass Beats, Trip-Hop-Vocals und so etwas wie 80s-Emo-Grunge-Anleihen ins Staunen versetzte.

Erregung Öffentlicher Erregung stellten neue Songs mit (teilweise) neuer Besetzung im Hüttenzelt vor und brachten NDW-Disco-Dance-Moves zum Vorschein, erinnerten sie viele der Zuhörer:innen an Größen eben dieser Ära, wie etwa Ideal oder auch Nina Hagen.

Parallel standen Death Grips auf der Hauptbühne des Palastzelts, ein Act, auf den viele sich am meisten gefreut hatten. Und das zu recht! Fast eine Stunde versetzte das Trio aus Sacramento die Zuschauer:innen in Rage. Auf großartige Visuals oder eine durchdachte und aufwendige Bühnenshow wurde bewusst verzichtet, was die Wirkung der Band extrem verstärkte. Durchgehend grell-rote Displays im Hintergrund, die Mitglieder nur als Schattenfiguren wahrzunehmen. Nach dieser Show ist allen Anwesenden klar, dass Death Grips viel mehr als eine gewöhnliche Band ist.

Death Grips | (c) Alexander Koch

Bat For Lashes trat als erster der drei Headliner auf die Bühne und überraschte mit minimalem Line-Up. Vieles kam vom Band, eine weitere Musikerin betrat die Bühne. Vielleicht ist das Palastzelt nicht zwingend der geeignetste Ort für einen solch emotionalen und experimentellen Art-Pop Auftritt wie ihn die britische Songwriterin darlegte. 

Der Samstag kündigte sich schon sehr sportlich an, die Dichte an sehenswerten Acts ist noch höher als Freitag. So waren schon ungewöhnlich viele beim Auftritt von Caroline Rose im Palastzelt anzutreffen. Die New Yorker Mulitinstrumentalistin bewegt sich zwischen Lofi-Indie und Folksounds und stellt die zum Debut stark vorhandenen Countryeinflüsse ein wenig hinten an.

Sobald der letzte Akkord verstummte legte Sinkane auf der Open Air Bühne los und es hätte keinen passenderen Act für diese Uhrzeit gegeben. Mit seinem Mix aus Funk, elektronischen Beats und sudanesischem Pop liefert er den Sommersoundtrack schlechthin. Die Open Air Bühne wurde danach von den Viagra Boys übernommen, die das krasse Gegenteil des smarten Popguys verkörpern. Nach Drogen bettelnd spielten sie halbnackt ihr Disco-Post Punk Set runter und verkörpern vor allem eins: Männlichkeit. Ein wenig in der Vergangenheit hängengeblieben bedienen die Schweden leider all das von dem man sich wünscht, dass ein Großteil der Musikschaffenden längst damit abgeschlossen hat. Bierfontänen und Hüftstöße sind im Jahr 2023 noch unpassender als sie es in den wilden 70er schon waren.

Ohne Rast ging es im Hüttenzelt weiter, in dem inzwischen Ditz aus Brighton auf der Bühne stehen. Noise-Rock aus England verspricht meistens viel, auch Ditz konnten die Zuhörenden in ihren Bann ziehen. Stoische und dissonante Bassline, kreischende Gitarren und monotone Basslines erinnern an Daughters oder auch Gilla Band.

Kurze Verschnaufpause für die Ohren bevor Warpaint die Open Air Bühne betreten.

Seit ihrem Debutalbum im Jahr 2010 haben die vier ihren Sound immer weiterentwickelt und spielten ein Best Of Set, welches kaum Wünsche offen ließ. Es war ein Ritt durch alle vier Alben und die Zuschauer:innen wurden durch ihren psychedelic dream pop zum tanzen animiert. Leider wurde während des Konzerts deutlich, dass viele sich nur die Zeit vertriebe – je nach Position konnte man eher den Gesprächen als der Band lauschen.

Ganz anders sah die Situation beim Samstags-Headliner Phoenix aus, welche mit ihrer unglaublichen Show alle innerhalb von Sekunden in ihren Bann zogen. Es war sicherlich auch sehr dienlich, dass sie mit einem ihrer größten Hits ihr Set eröffneten und somit alle Anwesenden direkt mitsingen konnten. Die Faszination war im Raum zu spüren, die Visuals waren fesselnd, die Band so professionell wie nur möglich. 

Phoenix | (c) Alexander Koch

Letzte Band für uns an diesem Tag: Pisse. Seit ihrem ungewollten TikTok-Hype spielt Deutschpunk in Social Media endlich eine Rolle. Das Hüttenzelt platzte aus allen Nähten, Pisse plärrten ihre Parolen heraus als gäbe es kein Morgen. Krasse Hits werden bewusst auf der Setlist ignoriert, das scheint aber niemanden zu stören. Trotz der späten Uhrzeit war es tropisch im Zelt.

Sonntag ging es schon um 13:00 Uhr los, die Temperaturen schlugen vielen inzwischen auf den Kreislauf, die erste Band spielte im prallen Sonnenschein ohne nur die geringste Möglichkeit in den Schatten auszuweichen. Umso beachtlicher, dass sicherlich 250 Leute Fulu Miziki zuschauten und -hörten. Kein Wunder, die Band (oder das Kollektiv) aus dem Kongo spielt Musik auf Instrumenten welche aus Müll gebaut wurden. Und mit Musik meine ich richtige Songs, keine wahllose Rhythmen wie man sie von Straßenkünstler:innen kennt, die auf Rohren oder Eimern trommeln. Vorbildlich, dass das Booking hier extra keine Überschneidung gebucht hat – die Band hat es mehr als verdient!

Kurz darauf steht eine Reunion Show an: Suns of Thyme aus Berlin sind nach einigen Jahren nochmal zurück, ohne neues Album, aber mit alten Hits. Auch wenn die Band mit ihrem sehr an die frühen Tame Impala erinnernden Psych-Rock nie einen wirklich großen Bekanntheitsgrad erlangen konnte fanden sich viele Fans zusammen. Mit minimaler Überschneidung standen Sorry auf der Open Air Bühne, die mit einem relativ rohen Livesound überraschten und ihre Songs somit, zumindest für mich, viel interessanter machten.

Apropos roh: das Peter Muffin Trio spielte als Ersatz für Jealous. Normal bekannt als 1/3 der Die Nerven (temporär 2/3) stand Julian Knoth mit dieser Formation erstmals beim Derby auf der Bühne. Funkiger Deutsch-Post-Punk mit humoristischer Darbietung lässt ein paar persönliche, musikalische Vorlieben des Frontmanns (sorry) durchscheinen. So klingen die Songs wie eine sehr dreckige Mischung aus Talking Heads, Au Pair und eben Die Nerven. Eine nette Abwechslung für den sonst eher ruhig gehaltenen Sonntag.

Baxter Dury und Indigo Sparke spielten fast zeitgleich, was viele vor eine schwierige Entscheidung stellte. Dury, welcher seit Anfang der 2000er Alben veröffentlicht, fasziniert mit seiner Coolness seit jeher. Lediglich das Fehlen eines/einer weiteren Musiker:in könnte als Kritikpunk angeführt werden. So kam – wie bei erstaunlich vielen Acts an diesem Wochenende – mindestens ein Instrument vom Band, was der Stimmung des Sets ein wenig schadete. Ganz anders bei Indigo Sparke, die so reduziert wie möglich die Bühne des Parcours d’Amour verzauberte. Sie stand alleine mit ihrer Akustikgitarre vor einer über-vollen Tribüne und zog alle mit ihren genialen Singer-Songwriter Goldstücken und ihrer sympathischen Art in ihren Bann.

Ekkstacy, ebenfalls durch Social Media gepusht, lieferte einen Auftritt ab, der eher an einer Schulband als an Profis erinnerte. Grundsätzlich nichts Verwerfliches, jedoch ein wenig enttäuschend, wenn man sich die aufgenommenen Songs zum Vergleich zieht.

Als Top Act am Sonntag stand kurz darauf Jungstötter auf der Bühne des Parcours. Bekannt als Mitglied von Sizarr quasi eine Art Dauergast in der Region. Vor kurzem wurde das zweite Soloalbum veröffentlicht, welche experimentellere Klänge als das Debut offenbarte. Jungstötter spielt mit seiner Band normalweise eher in Special-Locations wie Kirchen. Nach den ersten Songs wurde mir auch klar wieso. Die Atmosphäre die Fabian Altstötter mit seinen Kompositionen schafft ist unvergleichlich, erinnert ein wenig an eine zahme Version von Marching Church, dem (ehemals) Soloprojekt von Elias Ronnefelt, dem Sänger der dänischen Punkband Iceage. Es ist bemerkbar, dass das Projekt Jungstötter eine Herzensangelegenheit ist, eine Reise in das Ungewisse mit vielen klanglichen Überraschungen. Auch Fans von Bon Iver oder Portishead kommen sicherlich auf ihre Kosten.

Jungstötter | (c) Alexander Koch

Cumgirl8 haben ihr Set leider 20 Minuten verfrüht beendet, weshalb ich nur noch die letzten Töne hören konnte. Ein Ärgernis, welches an dem Wochenende öfters auftritt. Viele Bands spielen kürzere Sets als im Timetable angegeben. Grundsätzlich kein Problem, aber wenn man extra ein Konzert verlässt um beispielsweise eine Band aus den USA sehen zu können und dies einem/einer nicht mehr ermöglich wird, dann ist das doppelt ärgerlich.

Zumindest spielten Interpol, als letzter Headliner, ihr Set komplett.

Auch hier könnte von einem Best-Of die Rede sein. Die Band rund um Paul Banks gehört zu den Lieblingen in der Szene, aber auch ihr Ruf der nicht allzu guten Liveband eilt ihnen voraus. Der Gig beim Derby war mein vierter Interpol-Gig und ich kann den Ruf bestätigen, aber noch nie war es mir so egal wie am Sonntag Abend. Das Konzert machte riesigen Spaß, die Patzer störten im Großen und Ganzen kaum, machte die Band eher sympathisch und standen im Gegensatz zur Backing-Track Kultur, die am Wochenende so stark vertreten war.

Interpol | (c) Alexander Koch

Das Maifeld Derby ist und bleibt ein Festival für Liebhaber:innen – wenngleich dieses Jahr die Gründe hierfür nicht ganz so bemerkbar waren als noch in den Jahren davor. Die liebevolle Dekoration, die Steckenpferddressur, einfach das ganze Drum & Dran fehlte ein wenig. Selbstredend ist das Festival auf dem Maimarktgelände exquisit, die Anzahl der Besucher:innen ist immer angenehm, alle geben Acht aufeinander und das Line-Up ist gepickt mit Schätzen, nichtsdestotrotz hoffe ich, dass das Booking und die Umsetzung sich im Jahr 2024 nochmal mehr an älteren Ausgaben des 3-Tages-Festival orientiert und die Punkte weiter ausbaut, weshalb sein Ruf überhaupt erst existiert.

Titelbild: Death Grips | (c) Alexander Koch

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Von Veröffentlicht am: 29.06.2023Zuletzt bearbeitet: 29.06.20231859 WörterLesedauer 9,5 MinAnsichten: 893Kategorien: EventsSchlagwörter: 0 Kommentare on BERICHT: Maifeld Derby 2023
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Über den Autor: Alexander Koch

Alexander Koch tippt aus Hobby. Auf die Frage welche Musik er gerne hört, kann und will er nicht mit einem einzigen Genre antworten. Selbst Mitglied in mehreren Bands und einer Konzertgruppe, die seit 2013 Bands wie Motorama, Drangsal, Die Nerven, Isolation Berlin oder auch Gurr nach Saarbrücken einlädt.

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