Die Latte vor dem Auftritt im Gebäude 9 (Köln) hängt hoch: nicht nur wegen des Hypes, der um Black Midi gemacht wird; auch die Band selbst trägt dazu bei.

Fünf junge Männer klettern durch die imaginierten Ringseile auf die Bühne, vom Band läuft eine Ansage. Klingt wie Michael Buffer: „….the hardest band in showbusiness, the reigning, the defending and undefeated, and the undisputed super-colossal heavyweight champions of the world!

Wer sich so großmäulig ankündigen lässt, hat entweder Mut oder Humor. Den Worten lassen Black Midi jedenfalls sofort Taten folgen. Mit 953 gibt es direkt und kompromisslos auf die Fresse. Die Menge tobt. Verschwitzte Männerhaare klatschen mir ins Gesicht. Ach ja, stimmt: so fühlt sich das an, so riecht das – ich erinnere mich. Nach zwei Jahren Pandemie ist man das testosterongesteuerte Geschubse und den biermuffigen T-Shirt-Geruch auf Konzerten mit lauten Gitarren gar nicht mehr gewöhnt …

Aber zurück zur Show: Mit dem Opener des furiosen Debuts Schlagenheim, gefolgt vom zweiten Stück desselben Albums, Speedway, landen die Londoner klare Wirkungstreffer. Das vermag auch der anfangs etwas breiige Sound im Gebäude 9 nicht zu verhindern. Nach dem ersten Um-sich-Schlagen ist die Luft aber auch bald wieder raus. Irgendwie komme ich nicht rein in den Kampf – obwohl dem Fünferpack aus London meine ganze Sympathie gilt. 

Black Midi @ Gebäude 9, Köln (Mai 2022) | (c) Marc Wilde
Black Midi @ Gebäude 9, Köln (Mai 2022) | (c) Marc Wilde

Wer sich den Auftritt bei der Hyunday Mercury Preisverleihung aus dem Jahr 2019 anschaut, wird Zeuge der ungebändigten Kraft der Band; die Spannung, die sich hier aus dem Kontrast zwischen dem tumultartigen Geschehen auf der Bühne und den staunenden Gesichtern des Sitz-Publikums ergibt, ist zum Greifen nah.

Nun stehe ich ein paar Meter entfernt vom Ring und fühle mich weit weg. Mit dem distanzierten Gesichtsausdruck von Geordie Greep hat das weniger zu tun. Ein verschmitztes Lächeln blitzt gelegentlich auf, und auch der bestimmt einen halben Meter zu lange Gürtel, der dem Fliegengewichtler aus einer Schlaufe hinten am Rücken hängt, lässt mich schmunzeln. Ebenso versprüht Morgan Simpson, der sehr präsente Schlagzeuger, neben Schweiß auch viel gute Laune und versetzt das Publikum mit seinen irren Schlagkombinationen in Erstaunen. Woran also liegt’s, dass der Funke bei mir nicht ganz rüber springt? Wohl daran: Black Midi vermitteln heute nicht den Eindruck als wollten sie auf‘s Ganze gehen. Die unterschiedlichen Kräfte der Band scheinen auseinander zu driften ohne von einer tragenden Energie zusammengehalten zu werden. Das betrifft teilweise das musikalische Zusammenspiel, mehr noch Ausstrahlung und Haltung. Vor allem Cameron Picton, Bassist und zweiter Sänger der Band, sieht doch arg gelangweilt aus. Die unrühmliche Tradition des Instrumententauschs hätten Black Midi auch nicht unbedingt wieder aufleben lassen müssen. Wenn sich Greep in dem Stück Still den Bass greift, Picton mit der Akustikgitarre das Rampenlicht betritt und mit etwas zu dünner Stimme den Lead-Gesang übernimmt, dann wirkt das eher so als müsse sich die Band eine Pause gönnen – vielleicht, um danach mit aller Macht neu zu explodieren. Innerhalb ihrer Songs erzeugen Black Midi gerade durch dieses Wechselspiel zwischen sanftem Dahinplätschern und hektischen Lärm-Eruptionen eine nach vorne drängende Dynamik; durch die Erholungsphase in doppelter Songlänge – erst nach dem sich anschließenden Eat Men, Eat (Flamenco) findet der charismatische Sänger wieder zurück in seine angestammte Position – verliert der Aufritt an Fahrt. Was auch auffällt: mit den vielen Takt- und Tempiwechseln, den ausufernden Gitarrenläufen und den wechselnden Soloparts schlagen Black Midi zwar immer wieder schnelle Haken, auf Präzision legen sie dabei aber keinen besonderen Wert. Simpson interpretiert sein Instrument zwar durchaus sportlich, und das ist auch beeindruckend anzusehen, doch nicht jeder seiner Schläge ist ein Treffer. Aber schon klar: wir sind hier nicht beim Jazz. Und gerade das Ungehobelte macht den Reiz der jungen Band aus, die auch nach den vielen Vorschusslorbeeren weiterhin unbekümmert drauflos spielt.

Black Midi @ Gebäude 9, Köln (Mai 2022) | (c) Marc Wilde

Den Math-Rockern ist zudem hoch anzurechnen, dass es ihnen trotz der offensichtlichen Prog-Rock-Anleihen gelingt, weder kalkuliert noch altbacken zu klingen. (Schade übrigens, dass 21st Century Schizoid Man von der kürzlich veröffentlichten Cover-EP Cavalcovers nicht zum Live-Repertoire gehört.)

Auch an diesem Abend fackeln die Londoner ihr irres Feuerwerk ab; nach dieser Energieleistung, die über 13 Runden geht, verlässt wohl niemand gleichgültig den Saal. Und wer hätte gedacht, dass gut die Hälfte des Sets aus unveröffentlichtem Material besteht, das noch in diesem Jahr auf dem dritten Album erscheinen soll? Den Weg, den Black Midi seit Cavalcade (2021) mit Ausflügen in Richtung Avantgarde und Jazz eingeschlagen haben, werden sie wohl konsequent weiter gehen. Für diesen Kurs stehen nicht zuletzt der Saxofonist Kaidi Akinnibi und Seth Evans an den Keyboards. Überhaupt haben sich die beiden nahtlos in das Bandensemble eingefügt, nachdem Gitarrist und Gründungsmitglied Kwasniewski-Kelvin vor anderthalb Jahren vorläufig ausgestiegen ist. Akinnibi wechselt munter zwischen Tenor- und Sopransaxofon hin und her und drückt den Songs mit seinem überbordenden Spiel seinen Stempel auf. Evans merkt man seinen Spaß sichtlich an. Und auch Geordie Greep bricht irgendwann mit seinem stoischen Gestus und gibt noch eine kleine Tanzeinlage zum Besten, später auch mit dem Saxofonisten im Duett. Mit dem gar nicht so langsamen Slow platzieren Black Midi dann noch ein Highlight vom aktuellen Album an den Schluss und sammeln weitere Punkte bevor der letzte Gong ertönt. 

Fazit: Einen K.O. haben Black Midi am heutigen Abend zwar nicht gelandet. Dafür fehlte die letzte Anspannung. Dafür waren vielleicht einfach nur die Erwartungen zu hoch gesetzt. Aber auch wenn es diesmal nur zum Punktsieg gereicht hat, wer will ernsthaft bestreiten, dass dieser sagenhaften Band die Zukunft gehört?

Setlist des Abends

Text: Marc Wilde (www.instagram.com/komm_music) für prettyinnoise.de
Titelbild: Black Midi | (c) Marc Wilde

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