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Album Biografie: “You’re Dead!” – Flying Lotus
von Ytasha L. Womack

Natürlich spricht kein Mensch gerne über das Thema Tod.

Allerdings war Flying Lotus auch noch nie der Typ, der den Leuten einen möglichst leichtverdaulichen, bequemen Trip serviert.

Mit You’re Dead! lädt er zu einer schamanischen Pilgerfahrt in die psychedelischen, uns unbekannten Abgründe des unendlichen Jenseits. Zugleich rastlos und kontemplativ, verzweifelt und ausgelassen, ist sein neues Album eine Ode auf all diejenigen, die zu früh, zu plötzlich, zu unerwartet verstorben sind – die also gänzlich in eine andere Welt übergetreten sind –, aber es soll genauso denjenigen Trost spenden, die auf dieser Seite über den Verlust eines geliebten Menschen trauern, Hinterbliebene im Hier und Jetzt. You’re Dead! ist eine vertonte Grabrede, eine musikalische Erkundungstour, nicht zuletzt eine Pforte zwischen diesen beiden, parallel existierenden Welten.

„Ich bin bei diesem Thema gelandet, weil ich viele Menschen um mich herum verloren habe. In meiner Familie gab es viele Todesfälle, und auch unter meinen Kollegen sind etliche viel zu früh gegangen“, berichtet Flying Lotus. „Ich wollte diese Erfahrungen verarbeiten, sie zum Ausdruck bringen und ihnen dadurch Gestalt geben.“

Musikalisch verhandelt das Album das Kernthema, den Tod, als Übergangszone: von einer Daseinsform zur nächsten, von einer Klangdimension zur nächsten. Wie ein Romancier verbindet Flying Lotus die einzelnen Stränge, taucht sie in ein neues Licht, setzt auf feinfühliges, fast schon warmherziges Storytelling.

Und nimmt seine Zuhörer mit auf einen bewusstseinszerrüttenden Trip, wenn sie denjenigen folgen, die von uns gegangen sind und sich gerade erst einrichten in ihrem empfindlichen neuen Dasein „auf der anderen Seite“. Dieses neue Sein in der anderen, der nächsten Dimension ist aufregend, es bedeutet Umstellung, oftmals Versöhnung, insbesondere für jene, die noch nach einer Erklärung dafür suchen, wie sie denn überhaupt auf dieser anderen Seite gelandet sind. „Das Album handelt also nicht vom Ende“, so Flying Lotus, „genau genommen geht’s sogar um einen Anfang: Es ist der Anfang einer neuen Erfahrung. Es heißt also nicht: Hey, du bist jetzt tot“, sagt er mit trockener, finsterer Stimme über den Titel. „Nein, es heißt: Hey, du bist tot!!“, was so schon viel enthusiastischer, freudiger klingt. „Ich will damit also diese nächste Daseinsstufe zelebrieren – wobei zuvor natürlich noch der Übergang selbst kommt, die Verwirrung, die damit einhergeht.“

You’re Dead! ist gewiss kein leichtverdauliches Unterfangen, doch Flying Lotus weiß natürlich, wie man die Leute in seinen Bann zieht: Mit einem klanglichen Rundumschlag, halb spiritueller Karnevalszug, halb melancholische Symphonie, in dessen Rahmen er seinen Zuhörern nach und nach ihre eigenen Ängste vor dem Unbekannten entlockt – ja teilweise sogar richtiggehend in diesen Ängsten schwelgt. Diese vertonte Prozession durchs Jenseits bedient sich keineswegs bei den gängigen Ablebe-Klischees, die man sonst vielleicht in der Popkultur findet: abgedroschene Geschichten vom Sensenmann findet man hier genauso wenig wie Anleihen jener farb- und geschmacklosen Trauermusik aus der Konserve, wie sie zur letzten Ehrerweisung hin und wieder zu hören ist. Stattdessen verschmelzen auf diesem Album Klangwelten, visuelle Welten, metaphysische Welten, die virtuos miteinander verwoben einen vollkommen neuen Stoff, ein transzendentes, bewusstseinserweiterndes Plasma ergeben, das so nur zwischen unserer Welt und dieser anderen existieren kann.


Land of History & Future

Obwohl er stets eine Sonderrolle im Stammbaum des Jazz eingenommen hat, als Insider und Outsider zugleich, als Teil dieses Stammbaums und entfernter Satellit, tritt Flying Lotus auf seinem neuen Album erstmals ganz offen dieses Erbe an: „Ich wollte unbedingt Musik machen, die aus dem Geist des Jazz geboren ist, anstatt wieder bei den Beats anzusetzen.“ Indem er also an den Spirit der großen Fusion-Kollektive der 1960er und 1970er anknüpft, ist auch das ihn umgebende Kreativ-Universum weiter gewachsen, so dass dieses Mal noch mehr Gäste an der Arbeit beteiligt waren – Musiker, bildende Künstler, überhaupt Persönlichkeiten, Ideen-Geber…

„Ich habe dieses Mal jedes Instrument für sich aufgenommen. Eine feste Band gab’s an keinem Punkt der Aufnahmen“, berichtet er weiterhin. „Ich schreibe ja keine Noten auf, daher funktioniert es einfach besser, wenn ich mich mit jedem einzelnen Albumgast so lang hinsetze, bis die Aufnahme des jeweiligen Parts perfekt ist.“

„Mir hat die Arbeit dieses Mal echt wahnsinnigen Spaß gemacht, weil ich so viele unterschiedliche Ansätze und Aufnahmetechniken ausprobiert habe! Mal habe ich mich an alten Jazzalben orientiert, was die Technik angeht, dann bei Psychedelic-Rock-LPs; diese unterschiedlichen Einflüsse sind alle mit ins Arrangement eingeflossen.“

Besonders seine Arbeiten mit dem Bass-Virtuosen Thundercat hätten ihn dahingehend beeinflusst, das reine Produzieren von Beats – im Alleingang – gegen einen offeneren, kollektiveren Kreativansatz mit vielen Beteiligten einzutauschen: „Ehrlich gesagt bin ich noch nie so offen an die Sache rangegangen wie bei diesem Album“, so sein Kommentar. Thundercat fungierte außerdem als Co-Produzent einiger Stücke, und aus seiner Feder stammt auch das abgründig klingende „Descent into Madness“.

Die Anziehungskraft von Flying Lotus’ klanglicher Traumwelt ist in den letzten Jahren immer stärker geworden, weshalb inzwischen auch Schwergewichte aus anderen Sphären davon angezogen werden – im Fall des neuen Albums wären das z.B. Kendrick Lamar und Snoop Dogg, deren Flows zugleich als Rettungsleinen fungieren: Sie holen einen zurück aus den halluzinatorischen Wirren des Jenseits, zurück in die Realität von Los Angeles im Jahr 2014. Genauer gesagt spiegelt das wortgewandte Dreigespann Snoop-Kendrick-Captain Murphy gewissermaßen sogar Vergangenheit, Ist-Zustand und Zukunft jener HipHop-Innovationswellen wider, die von Los Angeles aus um die Welt gegangen sind (und gehen werden).

Apropos Vergangenheit trifft auf Zukunft: Das Zusammentreffen von Herbie Hancock und Flying Lotus zählt natürlich zu den absoluten Highlights von You’re Dead!. Hier treffen tatsächlich zwei vollkommen unterschiedliche Generationen von Jazz-Neudenkern aufeinander, und natürlich tun sie das an den Fender Rhodes, jenem elektrischen Piano, das Hancock mit etlichen seiner Aufnahmen weltbekannt gemacht hat.

„Das war das Coolste überhaupt“, sagt Flying Lotus über die Arbeit mit Hancock. „Mit ihm kann es schon mal vorkommen, dass er eine Aufnahme einfach mittendrin unterbricht, um erst mal 20 Minuten lang eine Anekdote über Miles Davis vom Stapel zu lassen. Für mich war das natürlich ein Riesenkompliment, dass er an diesem Album mitwirken wollte.“

Und die beiden hatten sich ein hohes Ziel gesetzt: „Wir wollten herausfinden, wie man Jazz-Sound machen kann, der sich wirklich neu anhört. Dafür sagten wir uns: Was wäre wohl, wenn Miles jetzt hier aufschlagen würde und man ihm all die Jazzalben zeigen würde, die heutzutage so erscheinen. Wir wollten stattdessen ein Jazzalbum aufnehmen, das ihn komplett fertiggemacht und ihm die Sprache verschlagen hätte.“

Eternity Trip

Schon das Eröffnungsstück des Albums bringt das vermeintliche Ende, den Moment des Ablebens zum Ausdruck; danach heißt es, sich an die neue, unbekannte Umgebung anzupassen – „Tesla“ ist dieser Versuch –, das Gleichgewicht in dieser unmöglichen, unerwarteten Situation zu finden.

Im Fall von „Cold Dead“ werden das Konzept der Ewigkeit und futuristischer Fusion-Jazz, scheidende Geister und Seelen ineinander verdreht, verätzt und wieder zerschlagen, und „Never Catch Me“ sprintet daraufhin rasant durchs Totenreich, während Kendrick Lamar dem Tod verbal die Stirn bietet – nur schließen sich bei ihm Introspektion und Braggadocio-Gehabe keineswegs aus, wie man weiß: „Life and death is no mystery/and I’ve won against it“, so seine Worte.

„Dead Man’s Tetris“ spielt mit den Hüpfstangen-Sounds des im Titel erwähnten Videospiel-Klassikers, worüber sich Snoop Dogg und Captain Murphy das Mikrofon teilen: Sie flirten mit dem Tod und gedenken der vielen Legenden, die längst in diesem Jenseits verweilen, in dem sie selbst nun offenbar auch gelandet sind.

Dieses Schwindelgefühl zieht sich auch durch „Stirring“, bis wir uns vor „Coronus, The Terminator“ wiederfinden: Ein kaputtes Soul-Klagelied, das sich angeschlagen an den Geistern von ATLiens und den Soulquarians vorbeischleppt und dabei den genetischen Bausatz von Science-Fiction-Klassikern mit der You’re Dead!-Saga vereint. Auf dem „Siren Song“ begegnet man Angel Deradoorian, die wortlose Gesänge über einem mystischen Geflecht aus Glockenklängen anstimmt, bis sich nahtlos daraus das Vierte-Welt-Chaos von „Turtles“ und schließlich „Ready Err Not“ entwickeln, eine seltsame Radiobotschaft, von der die Neugier des (mental, musikalisch) Jenseitsreisenden nur noch mehr geschürt wird.

Das bereits erwähnte „Descent into Madness“ feat. Thundercat zeigt die Schwere und Abgründigkeit dieses Vorstoßes auf, wenn sich ein opernhaftes, sperriges Kaleidoskop von Sounds entfaltet, während „The Boys Who Died in Their Sleep“ die Rückkehr von Captain Murphy markiert, nunmehr auf der Jagd nach verschreibungspflichtigen Medikamenten für den perfekten Abschieds-Cocktail, mit dem sich dieser grässliche Schmerz ein für alle Mal ausschalten lässt. Lässt man sich in diese abschließenden Songs von You’re Dead! hineinfallen, scheinen Lösungen, ja beinahe Antworten in der Luft zu liegen, doch letztlich bleibt es uns selbst überlassen, diesen Trip zu internalisieren, in uns selbst weiter nach geeigneten Fragen und möglichen Antworten zu suchen.

01. Theme
02. Tesla
03. Cold Dead
04. Fkn Dead
05. Never Catch Me (feat. Kendrick Lamar)
06. Dead Man’s Tetris (feat. Captain Murphy & Snoop Dogg)
07. Turkey Dog Coma
08. Stirring
09. Coronus, the Terminator
10. Siren Song (feat. Angel Deradoorian)
11. Turtles
12. Ready err Not
13. Eyes Above
14. Moment of Hesitation
15. Descent Into Madness (feat. Thundercat)
16. The Boys Who Died in Their Sleep (feat. Captain Murphy)
17. Obligatory Cadence
18. Your Potential//The Beyond (feat. Niki Randa)
19. The Protest

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