Melvins: Hurting someone is verboten!


Ich bin noch relativ neu im Melvins-Kosmos. So richtig beschäftige ich mich erst seit einem Jahr mit ihnen. Damit habe ich an diesem Abend im Zoom offenbar eine Außenseiterrolle, denn das größtenteils männliche Publikum weiß schon sehr genau, was da auf der Bühne gleich passieren könnte. Der Laden ist ausverkauft und die riesigen Bassboxen stehen da wie eine süße Verheißung. Mit einem Bier in der Hand, geht es Richtung Bühne und man hat einfach nur Bock. Netterweise poltert die Vorband Big Business direkt los, die aus dem Bassisten und dem Schlagzeuger der Melvins besteht. Eigentlich sind sie zu dritt, aber Scott Martin fehlt an diesem Abend. Jared Warren und Coady Willis bringen zu zweit einen beachtlichen Sound auf die Bühne, der direkt in den Bauch hämmert.

Als die zwei von der Bühne sind, reicht ein Blick in die Menge, um zu sehen, dass das Publikum gerade sehr glücklich gemacht wurde. Noch besser ist, dass das gerade eigentlich nur die Aufwärmübung war und nach eine Zigarettenpause betreten auch schon die Musiker um Buzz Osborne die Bühne – verstärkt mit gleich zwei Schlagzeugern. Also schnell wieder Ohrenstöpsel rein, während die Melvins sich zu Black Sabbath an den Instrumenten formieren. Wieso sie gleich zwei Schlagzeuger mitgenommen haben; diese Frage hat sich noch wenigen Minuten erledigt, denn Dale Crover und Coady Willis sind perfekt eingespielt und verleihen dem Auftritt genau die Portion Druck, die die Musik so intensiv nah an einem heranbringt, egal wo man steht. Das wissen die alten Hasen aber schon alles, denn die Melvins touren schon seit einer ganzen Weile mit zwei Drummern.

Hurting someone is verboten!

Osborne ist in Erzähllaune und erklärt, welches Wort er in Deutschland am schnellsten gelernt, weil man es so häufig sieht: Verboten. “Everything is verboten in Germany!” Als dann während des Konzertes die Bewegungen im Publikum rücksichtsloser werden und die Menschen in der ersten Reihe sich kaum auf den Beinen halten können, greift er das nochmal auf: “Hurting someone is verboten!” Dafür erntet er Beifall, der dann aber schon bald nicht mehr zu hören ist, weil da schon das nächste Riff raus muss. Ja es muss raus. So wirkt es zumindest. Als ob sich die Melvins nur am Leben halten könnten, indem sie ihre Musik machen. Der unfassbar markante Frontmann hat das Publikum schon nach dem ersten Takt in seinen Bann gezogen und so fühlt es sich nach anderthalb Stunden ein bisschen so an, als würde man aus einer Trance erwachen, als er auf einmal die Bühne verlässt und nach und nach die anderen folgen.

In der noch wegen der Ohrstöpsel gedämpften Lautstärke spürt man diese abgefahrene Energie, die gerade noch durch den Raum ballerte. The Melvins für mich entdeckt zu haben, ist spätestens seit diesem Abend, eine Bereicherung für’s Leben, denn lange hat mich kein Konzert mehr so angenehm betäubt zurück gelassen.


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