Was war das für ein gelungenes Debüt. Quasi aus dem Stand hat ein junges Student:innenkollektiv aus Hannover ein neues Festival in die deutsche Kunst und Kulturlandschaft gezaubert und vermutlich etabliert. Alles andere würde uns nach dieser gelungenen Premiere ziemlich wundern. Hier geht es zu unserem Erfahrungsbericht.  

Bereits im Vorfeld des Kiezkultur Festivals blickten wir von Pretty in Noise gespannt nach Hannover. Ein neues Indoor- und Clubfestival wurde für Oktober angekündigt und mit jeder neuen Bestätigungswelle wuchs unser Interesse an dieser Veranstaltung. Eine Gruppe junger Studierender hat sich hier zum Kiez-Kulturverein zusammengeschlossen mit dem Ziel ein neues Clubfestival für Hannover auf die Beine zu stellen. Und siehe da, von der Schnapsidee aus der WG-Küche bis hin zum tatsächlichen Festival vergingen keine zwei Jahre, wie uns Chris Heide, einer der Festivalmacher in einer der vergangenen NO)))ISECAST Episoden verriet. 

Knapp zwei Wochen vor dem Festival konnten die Macher:innen bereits den Ausverkauf vermelden. In Post-Pandemie-Zeiten und einer großen Unsicherheit durch stark steigende Energiepreise vielleicht auf den ersten Blick verwunderlich, aber beim Blick ins Detail schon weniger überraschend. Denn mit einem Ticketpreis von unter 30€ zählt das Kiezkultur gewiss nicht zu den Inflationstreibern unserer Zeit und das Angebot an Künstler:innen war nicht nur reichhaltig, sondern auch verdammt vielfältig. Ein Blick auf den Spielplan der beiden Festival-Tage bietet hierfür den Beweis: 

Das vorwiegend studentisch geprägte Publikum nahm Konzept und Programm sehr gut auf. So waren auch die frühen Konzerte der beiden Spieltage sehr gut besucht und Programmpunkte wie Talks, Workshops oder Lesungen wurden gut nachgefragt. Als Spielstätten für das Musikprogramm konnte man die 60er Jahre Halle der Faust, den Mephisto Club, die Safrans Bar, sowie das Cafe Glocksee und das Indiego Glocksee gewinnen. Die Locations liegen maximal zehn Gehminuten voneinander entfernt, so dass man ohne Probleme die Spielstätten zwischen den Konzerten wechseln konnte. Je später der Abend, mussten die geneigten Konzertbesucher:innen allerdings auch mit dem ein oder anderen Einlassstopp rechnen, wenn man sich für das Location-Hopping entschied. Von Seiten des Publikums wurde dies jedoch ohne Murren akzeptiert und man nutzte die erzwungene Planänderung oftmals dazu neue Bands zu entdecken. 

Ein Mix aus regionalen und namenhaften KünstlerInnen

Ohnehin könnte man der Kiezkultur den Stempel „Entdecker Festival“ aufdrücken. Die Festivalmacher:innen haben es tatsächlich geschafft einen namenhaften Kern von lokalen und regionalen Musiker:innen für das Festival zu buchen, um diesen eine Bühne mit oftmals mehr Zuschauer:innen als gewohnt zu bieten. Und das merkte man den Künstler:innen bei ihren Shows auch an. Eine Mischung aus Erstaunen, Dankbarkeit, Aufregung und Motivation trieb einige Bands zu wahren Höchstleistungen auf der Bühne. Wie z.B. die Festivalopener aus Lohne, Jacob Fortyhands, welche direkt eine gut gefüllte 60er Jahre begrüßen konnten. Der gut abgehangene Indiepop der Jungs bot so etwas wie den perfekten Einstieg um sich langsam in das Festival einzugrooven.  

Im Anschluss lud die hochsympathische Joy Bogat zu einem umjubelten Heimspiel ins Mephisto, während The Komets das Musikprogramm im Indiego Glocksee eröffneten. Die Locations im Glocksee hätten zu Beginn noch ein paar mehr Zuschauer:innen vertragen, vor allem der herausragende Auftritt von Florian Paul und seiner Kapelle der letzten Hoffnung. Nachdem die Band 2020 mit dem „Nachwuchsförderpreis für junge Liedermacher“ der Hanns-Seidel-Stiftung ausgezeichnet wurde, macht sich Band nun auf den Weg neue Fans zwischen München und Flensburg einzusammeln. Die Stippvisite bei Inas Nacht hat die Band bereits hinter sich und auch in Nidersachsens Landeshauptstadt lässt ihr wilder Stilmix die Fangemeinde wachsen. Mit WEZN folgte dann elektronischer Pop aus Hannover und das Publikum ging trotz der gewissen melancholischen Note im Sound verdammt gut mit.  

Im Anschluss stand mit Nils Keppel ein Vertreter der neuen Neue Deutsche Welle auf der Bühne. Tatsächlich hat man mit diesem Genre einen gewissen Schwerpunkt im Line-Up geschaffen, denn mit Temmis, Steintor Herrenchor, Flawless Issues und Orbit hatte man noch weitere Acts dieser Spielart im Programm. Und das kam beim Publikum hervorragend an, denn nicht nur Nils Keppel spielte vor einem rappelvollen Glocksee Cafe. Bei Steintor Herrenchor war die Nachfrage sogar so groß, dass man das Konzert kurzerhand ins Indiego hochverlegte um den zahlreichen Besucher:innen einen würdigen Abschluss des ersten Festivaltages zu bescheren. Dazwischen wagten wir aber noch einen Abstecher zu Zimmer90, deren Elektropop mit Indie Einschlag irgendwo zwischen Roosevelt und Parcels zu verorten ist. Referenzen die eigentlich schon klar machen, wie gut die Band beim Publikum ankommt.

Auch Verspätungen im Zeitplan konnten die Euphorie nicht bremsen

Mit rotzigen Texten, Pogo und einer Wall Of Death sorgte die Münchener Band Mola dann für das richtige Stimmungslevel um endlich zum Herrenchor überzuleiten. Es wirkte fast schon als ob die Band so etwas wie einen Headliner-Status auf der Kiezkultur innehat. Und durch die bereits angesprochene Bühnenverlegung, kochte die Stimmung in der zeitlich erzwungenen Pause auf den Siedepunkt zu. Als Steintor Herrenchor dann mit über einstündiger Verspätung die Bühne enterten, konnte man die Luft vor der Bühne in Scheiben schneiden. Dennoch lieferte die Band einen überzeugenden Auftritt ab und wurde frenetisch und bierselig gefeiert. Wer anschließend noch Kondition hatte, durfte diese bei zahlreichen Aftershow Parties abbauen, während sich die älteren Semester glücklich verabschiedeten um für den zweiten Festivaltag fit zu sein. 

Erste Panels und Workshops konnte man an bereits ab 11:30 Uhr aufsuchen. Und auch das Musikprogramm startete mit Beni Fahr vergleichsweise früh um 15:00 Uhr. Es dauerte nicht lang bis sich erste Highlights des zweiten Festivaltages heraus kristallisierten. So war der Zuspruch bei der Aufzeichnung des Live Podcasts der Nordstadt Polizei in der Safrans Bar entsprechend groß, ebenso wie beim anschließenden Konzert der Lokalmatadoren Ottolien

Anschließend wurde es schweißtreibend. Mit Serpentin enterte eine junge unglaublich talentierte Sängerin, Songwriterin und Produzentin die Bühne, welche das zahlreich erschienene Publikum in der 60er Jahre Halle zum mitspringen und mitsingen verführte. Die Show erwies sich als sehr energetisch und überzeugte auch die Menschen, die bisher noch nichts von dieser jungen Musikerin gehört hatten. Und apropos junge Musikerinnen, das Kiezkultur hat es ganz nebenbei auch geschafft eine ganze Reihe an weiblichen Künstlern auf die Bühne zu stellen und die Männerdomäne Musikwelt weiter aufzubrechen. Unter anderem auch mit der Band Brockhoff, welche momentan einen gewissen Hype erfährt und bereits in einem Atemzug mit Soccer Mommy und Snail Mail genannt wird. Der Sound von Brockhoff wurde jedenfalls gebührend gefeiert, auch wenn der Mix hier nicht ganz optimal zu sein schien. Denn die junge Songwriterin aus Hildesheim hat bereits jetzt schon eine ganze Reihe Hits der Marke unzerstörbar im Repertoire.  

Starke Konkurrenz für die Künstler:innen und Flexibilität bei den Veranstalter:innen

Gegen 20:00 Uhr brachte einen das Kiezkultur Festival-Team dann wieder zum Staunen. Man kann kaum glauben, dass dieses Festival von einem Studentenverein organisiert wird. Denn auch auf die kurzfristige Absage von Nothing Special fand man eine passende Antwort. Kurzerhand sprang das EBM/Dark-Wave-Duo Left For Pleasure ein und lieferte mehr als solide ab. Für etwas Bauchschmerzen sorgte am zweiten Festivaltag allerdings der Zuspruch für Paul Weber. Der großartige Indie-Musiker hatte deutlich mehr Zuschauer:innen verdient, als sich bei seinem Gig im Indiego Glocksee zusammenfanden. Aber die zeitgleiche Konkurrenz war mit Kaltenkirchen und vor allem Sharktank vielleicht doch zu namenhaft. Sei es drum, Weber und Band lieferten ab und präsentierten bereits ein paar neue Songs, die andeuten wohin es bei ihnen noch gehen kann. 

Mit Ennio und Umme Block machten wir uns anschließend auf in den Endspurt. Vor allem Ennio stellte unter Beweis, warum er zu den spannendsten Newcomern der deutschen Musikszene zählt und weshalb Künstler wie Provinz oder Jeremias ihn als Anheizer mit auf ihre Tourneen nahmen. Flawless Issues erzwangen im Cafe Glocksee kurz vor Mitternacht den nächsten Einlassstop des Festivals und mit Orbit hatte man dem Line-Up zum Schluss nochmal eine musikalische Krönung verpasst. 

Unser Fazit

Zum Ende unserer Nachbetrachtung können wir festhalten, dass man dem Kiezkultur Verein zu einem gelungenen Debüt des Festivals gratulieren darf. Sowohl Besucher:innen als auch Künstler:innen konnten hier eine verdammt gute Zeit verbringen und ich habe die ganz starke Vermutung, dass viele von ihnen 2023 gerne wiederkommen möchten. Wir möchten es auf jeden Fall. 

Fotos: (c) Marc Erdbrügger für prettyinnoise.de

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